Reinickendorf - Bei eisiger Kälte versammelten sich am Abend über 150 Menschen vor der Grundschule, deren Schüler, ihre Eltern und die Lehrer trauern: Eine Mitschülerin (11) war aus dem Leben geschieden – höchstwahrscheinlich, weil die Fünftklässlerin das Mobbing an der Schule nicht mehr aushielt. Es gab Tränen, Umarmungen und viel Wut. Die Tragödie wird noch entsetzlicher, weil die kleinere Schwester des Mädchens auch auf die Schule geht.

„Die Zahlen zu Mobbingfällen an Schulen sind massiv gestiegen.“ 

Auf den Stufen der Hausotterschule stellten die Menschen Kerzen auf, legten Blumen ab. Dahinter stand ein Foto des Kindes, das als ruhig und lieb, an Kunst, Musik und Sport interessiert beschrieben wird. Davor rief der Anti-Mobbing-Trainer Carsten Stahl mit lauter Stimme dazu auf, endlich etwas gegen die Quälereien zu tun, die töte – zusammen: „Gemeinsam sind wir stark.“

Er forderte von Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD), die Hilfe anzunehmen, die er ihr mehrfach vergeblich angeboten habe. Wenn sie nicht tue, müsse sie zurücktreten. Stahl, selbst Vater zweier Kinder, macht mit seiner Kampagne „Stoppt Mobbing“ bundesweit an über 150 Schulen Präventionsarbeit: „Die Zahlen zu Mobbingfällen an Schulen sind massiv gestiegen.“ 

Dutzende Schüler litten unter Mobbing

Im September 2018 sprach Stahl bei einer Anti-Mobbing-Veranstaltung des SPD-Wahlkreisabgeordneten Thorsten Karge in der Nähe der Grundschule. Er fragte die rund 150 Schüler, ob sie schon mal so stark gemobbt wurden, dass sie an Selbstmord dachten. 25 von ihnen hatten daraufhin die Hand gehoben, so Stahl. „Schüler und Eltern fühlen sich im Stich gelassen. Schulsenatorin Scheeres muss diese Themen endlich ernst nehmen und nicht nur Kitas eröffnen.“ 

Er fordert flächendeckende Vorbeugung und Aufklärung. Lehrer und Sozialarbeiter müssten diesbezüglich ausgebildet werden. Es könne nicht sein, dass in Berlin im Schnitt auf 350 Schüler nur ein Schulpsychologe komme.

Vorwurf an Schulleiterin: Diskussionen abgewürgt

An der Hausotterschule gibt es nach Angaben von Eltern seit über einem Jahr verstärkt Mobbingfälle. Betroffen seien alle Altersgruppen, Jungs und Mädchen, alle Nationalitäten, sagte Daniel Richter von der Gesamtelternvertretung der Berliner Zeitung. Lehrer, Schulleitung und Schulamtsleiter wüssten davon, unter anderem, weil sich die Elternvertretung kürzlich damit befasst habe. Geschehen sei nichts, die Schulleiterin habe Diskussionen abgewürgt.

Die Eltern des Kindes sollen noch vor kurzem wegen sogar körperlicher Angriffe auf das Mädchen Alarm geschlagen haben. Die Schulleitung habe auch hier nicht reagiert.

Die Direktorin Daniela Walter bestritt, dass die Dinge vertuscht würden. Gegenüber dem RBB sagte sie, die Schule habe Konfliktlotsen und eine gute Sozialarbeit. „Der Vorgang zeigt auf tragische Weise, dass man sich mit jedem Fall von Mobbing individuell befassen muss“ sagt Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses, der Berliner Zeitung: „Wenn es stimmt, dass über die Elternvertretung alle Ebenen informiert waren, dann ist es aus meiner Sicht fahrlässig, dass es keine Reaktion gab.“

„Beschwichtigung, Verschweigen, Opfer wird zum Täter gemacht“

„Wenn wie jetzt in Berlin etwas Furchtbares geschieht, passiert immer das Gleiche: Beschwichtigung, Verschweigen, schlimmstenfalls wird das Opfer zum Täter gemacht“, sagt der SPD-Abgeordnete Thorsten Karge. Die Politik müsse das Thema ernster nehmen.

Michael Schulz (Partei Die Grauen), der sich dort in seiner Zeit als Bezirksverordneter um Schul-Mobbing gekümmert hatte, fügt hinzu: „Bezirksamt und Schulen reden es klein, um den Ruf der Schulen nicht zu beschädigen, schieben auch mal die Schuld den Opfern zu.“

Die Schule werde nach den Winterferien Trauermöglichkeiten schaffen, erklärt Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Scheeres. Nachdem die Schulaufsicht am Dienstag von dem Fall erfahren habe, seien Gewalt-und-Krisenpsychologen in die Schule gegangen. Der Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Scheeres zeigten sich betroffen, die Schulverwaltung würde den Fall genau untersuchen.