Reinickendorf - Der Suizid eines Mädchens (11), das vermutlich wegen Mobbings an der Grundschule aus dem Leben schied, führt zu heftiger Kritik an Schulleitung und Schulverwaltung. Am Sonnabend soll es nahe der Schule eine Mahnwache von Eltern geben, weil die Schule Blumen und Kerzen hatte wegräumen lassen.

„Der Vorgang zeigt auf tragische Weise, dass man sich mit jedem Fall von Mobbing individuell befassen muss“

An der Schule soll es nach Aussagen von Eltern seit über einem Jahr verstärkt Mobbingfälle gegeben haben, berichtete der Tagesspiegel, berief sich dabei auf Eltern. Lehrer, Schulleitung und Schulamtsleiter hätten davon gewusst, unter anderem, weil sich die Gesamtelternvertretung kürzlich damit befasst habe. Geschehen sei nichts, die Schule habe die Fälle heruntergespielt.

Die Eltern des Kindes sollen noch vor kurzem wegen sogar körperlicher Angriffe auf das Mädchen Alarm geschlagen haben. Die Schulleitung habe auch hier nicht reagiert.

„Der Vorgang zeigt auf tragische Weise, dass man sich mit jedem Fall von Mobbing individuell befassen muss“ sagt Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses Schule, der Berliner Zeitung: „Wenn es stimmt, dass über die Gesamtelternvertretung alle Ebenen der Schule und Verwaltung informiert war, dann ist es aus meiner Sicht fahrlässig, dass es keine Reaktion gab.“

Anti-Mobbing-Trainer fordert flächendeckende Vorbeugung und Aufklärung

Carsten Stahl (46), Vater zweier Kinder, ist Anti-Mobbing-Trainer. Der Vorfall in Reinickendorf sei kein Einzelfall. „Die Zahlen zu Mobbingfällen an Schulen sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen“, so Stahl, der mit seiner Kampagne „Stoppt Mobbing“ an mehr als 150 Schulen bundesweit Präventions- und Aufklärungsarbeit leistet.

Im September 2018 sprach Stahl bei einer Anti-Mobbing-Veranstaltung des SPD-Wahlkreisabgeordneten Thorsten Karge in der Nähe der besagten Grundschule. Er fragte die rund 150 Schüler, ob sie schon mal so stark gemobbt wurden, dass sie an Selbstmord dachten. 25 von ihnen hatten daraufhin die Hand gehoben, so Stahl.

„Schüler und Eltern fühlen sich von der Schulverwaltung im Stich gelassen. Schulsenatorin Scheeres muss diese Themen endlich ernst nehmen und nicht nur Kitas eröffnen“, sagt Stahl der Berliner Zeitung. Er fordert flächendeckende Vorbeugung und Aufklärung. Lehrer und Sozialarbeiter müssten diesbezüglich ausgebildet werden. Es könne nicht sein, dass in Berlin im Schnitt auf 350 Schüler nur ein Schulpsychologe komme. Da lag Stahl falsch: Tatsächlich kommt nach Zahlen des Statistischen Bundesamts, der Länder und der Kultusministerkonferenz in Berlin bei 4576 Schülern auf einen Schulpsychologen (Stand: August 2018). 

Mobbingfall in Reinickendorf soll aufgearbeitet werden

„Wenn wie jetzt in Berlin etwas Furchtbares geschieht, passiert immer das Gleiche: Beschwichtigung, Verschweigen, schlimmstenfalls wird das Opfer zum Täter gemacht“, sagt der SPD-Abgeordnete Thorsten Karge. Die Politik müsse das Thema ernster nehmen. Und Michael Schulz (Partei Die Grauen), der sich dort in seiner Zeit als Bezirksverordneter um Schul-Mobbing gekümmert hatte, fügt hinzu: „Bezirksamt und Schulen reden es klein, um den Ruf der Schulen nicht zu beschädigen, schieben auch mal die Schuld den Opfern zu.“

Die Schule werde nach den Winterferien Trauermöglichkeiten schaffen, erklärt Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Nachdem die Schulaufsicht am Dienstag vom Tod des Kindes erfahren habe, seien Gewalt- und Krisenpsychologen in die Schule gegangen. Stoffers sagte zu, man werde alles tun, um den Fall in Reinickendorf aufzuarbeiten.

Auch der Regierende Bürgermeister von Berlin Michael Müller zeigt sich bestürzt. Nach dem Tod einer elfjährigen Berliner Grundschülerin hat Michael Müller (SPD) eine umfassende Aufklärung des Falls angekündigt. „Ich bin betroffen vom Tod der Schülerin“, sagte Müller dem „Tagesspiegel“.