Berlin - Mehrere schulfremde Jugendliche dringen in die B.-Traven-Gemeinschaftsschule ein, schlagen die kleine Scheibe des Brandmelders ein und lösen Feueralarm aus. Alle Schüler und Lehrer verlassen die Klasse. Die jungen Männer beleidigen und schubsen den Schulleiter, als er sie zum Gehen auffordert. Und sie drohen damit wiederzukommen.

Seit diesem Vorgang vor gut einem Jahr schützte ein Sicherheitsdienst die Schule, die Wachschützer ließen sich von Schülern die Schulausweise zeigen. Ein Jahr waren die Wachschützer im Einsatz. Bis Ostern. Inzwischen hat sich die Lage am Rande der Großsiedlung Falkenhagener Feld etwas beruhigt. Nun schützt ein modernes Schließsystem den Zugang zur Schule.

Die polizeiliche Liste, die relevante Straftaten an jeder Schuladresse erfasst, zeigt für die B.-Traven-Schule einen deutlichen Anstieg der Taten und auch der Körperverletzungen zwischen 2014 und 2017. 21 Körperverletzungen waren es zuletzt, eine Verdopplung in vier Jahren. Damit liegt die Schule berlinweit im Trend. Die Berliner Zeitung hat diese Liste als interaktives Tool mit den nötigen Erläuterungen auf ihrer Homepage aufbereitet.

Konfliktlotsen helfen

Wachschutz ist an Berliner Schulen glücklichweise immer noch selten und die Ultima Ratio, um präventiv gegen Schulhofgewalt vorzugehen. Im besten Fall sorgen Schüler untereinander dafür, dass es gar nicht erst zu handfestem Streit kommt. Ortrud Hagedorn, damals Lehrerin in Wilmersdorf, gründete bereits 1995 an ihrer Schulen die Konfliktlotsen. Heute gibt es sie berlinweit an vielen Schulen. 

„Die Konfliktlotsen laufen über den Schulhof und schreiten ein, wenn sich was zusammenbraut“, erzählt Hagedorn. Wichtig ist, dass die Streitschlichter zunächst keine Partei ergreifen, sich die Argumente beider Seiten anhören und einen Kompromiss herbeiführen.

Dafür werden Schüler zu Mediatoren ausgebildet. „Viele Lehrer haben damals Angst vor aggressiven Schüler gehabt“, erinnert sich Ortrud Hagedorn. Noch heute wirkt das Konzept. Es gibt auch andere Streitschlichter-Projekte an Schulen.

Auch in Klassenleiter-Stunden werden Probleme unter Schülern offen angesprochen, berichtet Andrea Schwenn, Leiterin der Neuköllner Karl-Weise-Grundschule. Dort gibt es auch ein Kinderparlament, wo die Schüler lernen, für ihre Interessen mit Argumenten zu werben. „Es geht darum, das soziale Verhalten zu trainieren“, sagt die Schulleiterin. Die Schule bildet auch sogenannte Trainingsgruppen, mindestens aus zwei Personen bestehend. „Damit trainieren wir die Gruppenfähigkeit“, sagt Schulleiterin Schwenn und räumt ein, dass man oft noch stärker auf die Eltern eingehen müsste. Mitunter seien Hausbesuche nötig. Es gibt inzwischen auch verstärkt Sozialpädagogen und Sozialarbeiter, die bei Konfrontationen auf dem Schulhof dazwischengehen. Und nahezu jede Hausordnung verbietet körperliche Gewalt auf dem Schulhof.

Bei Gewalttaten ist es wichtig, auch die Eltern von Täter und Opfer einzubeziehen 

Bei Ria Uhle, Schulpsychologin in der Bildungsverwaltung, laufen die Gewaltvorfall-Meldungen aus den Schulen ein. Mobbing im Klassenchat, sprachliche Verrohung, Ausgrenzung, auch religiöse und ethnische Anfeindungen und Gewalt: Die Berliner Schulen stehen vor komplexen Herausforderungen. „Wichtig ist, dass nun alle Schulen Krisenteams haben müssen“, sagt sie. Diese Teams können aus Schulleitung, Sozialarbeitern und Vertrauenslehrern bestehen, die sich abgestimmt haben, wie sie mit bestimmten Mobbing- und Gewaltvorfällen umgehen. „Es geht darum, sofort handeln zu können und Grenzen zu setzen.“ Das sei mitunter auch eine Gratwanderung.

Ein Grundschüler dürfe nicht voreilig als Gewalttäter stigmatisiert werden. Wenn hingegen ein strafmündiger Jugendlicher gar eine Waffe einsetze, müsse umgehend die Polizei gerufen werden. Neben polizeilichen Ermittlungen könne dann eine Klassenkonferenz die Folge sein, die den Täter sogar von der Schule verweist.

Generell sei es bei Gewalttaten wichtig, auch die Eltern von Täter und Opfer einzubeziehen. Schulpsychologen kommen in Berlin seit 2003 zum Einsatz. Man reagierte damit auf den Amoklauf von Erfurt. Seitdem hat jede Schule auch einen Ansprechpartner bei der Polizei, die sogenannten Präventionspolizisten. Zunächst machte man sich in Polizeikreisen noch lustig über diese onkelhaften Sozialarbeiter in Uniform. Doch die Kooperation läuft gut. Das bestätigte jüngst auch Albrecht Lüter, Leiter der Landesstelle Gewaltprävention, in einer Evaluation. Überhaupt bestehe insgesamt kein Grund zur Panik.

Gewaltvorfall-Meldungen steigen kontinuierlich an 

Es gebe in den ersten 15 Jahren des neuen Jahrtausends in Berlin und Deutschland keine Hinweise auf zunehmende Gewalt unter Schülern. „Vielmehr ist die Gewaltbereitschaft und -akzeptanz gesunken“, sagt Lüter. Erst in den vergangenen drei Jahren sei sie in Berlin wieder gestiegen. Besondere Sorge bereitet Lüter die Gewaltbereitschaft in Großsiedlungen. Nicht nur in Marzahn-Nord, verstärkt auch in Spandau oder Reinickendorf.

Insgesamt fehlt Lüters Einschätzung nach eine berlinweite Dunkelfeld-Analyse. Man sehe nur das, was das uneinheitliche Meldeverfahren der Bildungsverwaltung hergebe. Demnach steigen die Gewaltvorfall-Meldungen kontinuierlich an. Doch das liege vor allem daran, dass viele Schulen sensibler mit dem Thema umgehen und gerade die Grundschulen mehr Fälle melden würden. „Es gibt aber insgesamt Hinweise auf einen Formwandel schulischer Gewalt in Richtung Mobbing oder Ausgrenzung“, sagt Lüter.

Die Zunahme der Gewaltvorfall-Meldungen führt stets zu Alarmmeldungen in den Medien. Doch die Daten der Unfallkasse und die Polizeistatistik zeigen, dass die Zahlen eher stagnieren und nur zuletzt leicht angestiegen sind. Deshalb plant Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), künftig womöglich nur noch die strafrechtlich relevante Fälle in der Statistik auszuweisen. 

Hamburg macht das bereits seit mehr als zwei Jahren so. Doch auch bei dieser polizeilichen Statistik, die erst durch eine Klage des FDP-Politikers Marcel Luthe veröffentlicht wurde, ist Vorsicht geboten: Derzeit werden dort alle Straftaten gezählt, die unter dieser Postadresse bekannt werden.

An Mobbing sind meistens viele beteiligt 

Das führte dazu, dass die Klinik-Schule des Virchow-Klinikums mit 349 Straftaten statistisch ganz oben steht. Aber nur, weil sämtliche Straftaten auf dem Klinikgelände hierunter aufgeführt werden. Gleichwohl zeigt die Statistik, dass die Straftaten im schulischen Umfeld von 8760 im Jahr 2014 auf 9820 im Jahr 2017 angestiegen sind, Körperverletzungen gar um fast 25 Prozent. Derzeit arbeitet die Polizei an einer anderen Erfassungsmethode, die womöglich vom Senat übernommen wird.

Schulen gehen mitunter besondere Wege, um Gewalttäter und Störer zu disziplinieren. Die Willy-Brandt-Schule in Gesundbrunnen nimmt am Trainingsraum-Programm teil. Besonders auffällige Schüler werden dort von den Mitschülern getrennt und lernen dort, begleitet von Pädagogen, nach eigenen Lerntempo. Eine besondere Herausforderung ist es, dafür zu sorgen, dass Mobbing nicht ausufert.

„Mobbing wirkt als gruppendynamisches Geschehen, an dem viele beteiligt sind. Auch als Zuschauer, die das nicht eindämmen, womöglich gar unterstützen“, sagt der Psychologe und Anti-Mobbing-Experte Herbert Scheithauer. „Von den Tätern wissen wir, dass sie oft auch eine Vorgeschichte haben und im Laufe der Zeit ebenfalls erhebliche Verhaltensauffälligkeiten entwickeln.“ Da sollte an Schulen auch nichts bemäntelt werden. Scheithauer sagt: „Ich würde mein Kind lieber auf eine Schule schicken, die aktiv gegen Mobbing vorgeht.“