Berlin - Am Ende, sagt Pia Poppenreiter, habe man sich nicht einigen können, wie es mit Peppr weitergehen soll. Die 27-jährige hat mit ihrem Geschäftspartner Florian Hackenberger vor knapp über einem Jahr ein Unternehmen gegründet, dass zwei Dinge zusammenbrachte, die eigentlich nicht zusammen passen: sexuelle Dienstleistung und Seriosität – Eine App, mit der man anonym und unkompliziert Escort-Dienste buchen kann, kurz: Peppr.

Frierend im Regen

Im Frühjahr 2014 erschien schon eine Beta-Version der App und sorgte prompt für Furore. Das Onlinemagazin Gründerszene berichtete über die Idee, der britische Economist veröffentlichte einen Artikel über das Berliner Start-Up-Unternehmen. Es war eine gute Geschichte. Eine junge Frau, die bis dahin noch keine Ahnung von der Sexarbeit, die früher abwertend als Prostitution bezeichnet wurde, hatte, BWL und Wirtschaftsethik studierte und dazu noch diesen ungewöhnlichen Namen hat. Pia Poppenreiter. Name nicht geändert, stand bei manchen Artikeln in Klammern dahinter. Ausgerechnet sie machte nun eine App für die Vermittlung von Sexarbeit.

Die Idee dahinter kam Poppenreiter, so sagt sie, an einem Abend im November 2013. Auf der Oranienburger Straße sah sie Prostituierte, die frierend im Regen auf die Freier warteten. Das müsse doch auch anders gehen, dachte sie sich und überlegte sich, dass eine App, über die die Freier die Dienste buchen könnten, eine gute Sache wäre.

Zugang zur Branche war eine Hürde

Zügig stellte sie ein kleines Team zusammen und die Idee begann Wirklichkeit zu werden. „Am Anfang wusste ich gar nichts über Sexarbeit. Ich dachte, das sind nur die Mädels, die im Bordell an der Bar sitzen und da ihr Geld verdienen. Dabei ist es viel komplexer und der Markt ist viel größer als man glaubt.“ Es sei zunächst nicht leicht gewesen, Zugang zu den Menschen zu bekommen.

Dass die Idee doch noch funktionieren konnte, lag auch sicher daran, dass Poppenreiter den Kontakt zur Branche suchte, sich nicht scheute, mit Menschen zu sprechen, über die viele Bürger die Nase rümpfen. Sie habe viele Nächte in Bordellen verbracht, in Gesprächen mit Menschen, die mit Sexarbeit zu tun haben. „Unser Ansatz war die App mit den Sexarbeitern zu gestalten, und nicht über ihre Köpfe hinweg. Es haben sich auch Freundschaften entwickelt, weil wir viele lange Gespräche in einem vertraulichem Umfeld geführt haben. Von jeder Geschichte habe ich ein bisschen was mitgenommen, was mir geholfen hat, die Menschen in dieser Branche zu verstehen.“

Mittlerweile, so Poppenreiter, habe sie einen guten Ruf in der Branche. Ihre Beschäftigung damit habe sie auch zum politischen Engagement gebracht. So lud sie die CDU zu einer Expertenanhörung in den Bundestag an, als es um eine Reform des Prostitutionsgesetztes ging.

Verzerrtes und unvollständiges Bild

Viele Menschen hätten ein sehr verzerrtes und unvollständiges Bild von Sexarbeit, sagt Poppenreiter. „In den Medien etwa gibt es immer diese Opferrolle. Das sehe ich nicht so. Ich begegne vielen starken, selbstbewussten Menschen.“ Auch die Freier würden häufig anderes dargestellt, als es tatsächlich der Fall sei. „Die gehen in der Regel nicht erhobenen Hauptes da rein. Wenn ein Mann oder eine Frau eine sexuelle Dienstleistung in Anspruch nimmt, dann kostet das Überwindung. Und danach sind sie sich bewusst, dass sie dafür bezahlt haben.“

Einen Unterschied zwischen Frauen und Männern gebe es eher beim Buchungsverhalten. „Ein Mann bucht eher zügig und unkompliziert. Eine Frau, die eine sexuelle Dienstleistung in Anspruch nimmt, will meistens ein Problem lösen. Etwa, dass sie keinen Orgasmus kriegt oder mit Ende 20 noch Jungfrau ist und sich nicht traut, es ihrem Date zu sagen. Sie führt mit dem Callboy Vorgespräche per Email oder am Telefon.“

Der Plan, die App für die frierenden Sexarbeiterinnen zu gestalten, ist nicht aufgegangen. Tatsächlich ist der Kontakt via Smartphone in der Straßenprostitution keine Lösung. „Beim Straßenstrich geht es darum, den Kunden zu sehen, das Risiko abzuschätzen und dann eventuell zu ihm ins Auto zu steigen.“ Stattdessen hat sich das junge Unternehmen auf freischaffende Escorts spezialisiert. Rund 150 Profile sind zurzeit auf der Website zu finden. Die meisten sind von Frauen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren. Zwischen 100 und 250 Euro verlangen sie pro Stunde. Die Preise legen sie selbst fest. Eine Gebühr von zehn Euro geht an die Macher der App.

Peppr soll nun verkauft werden

Anfang Februar verkündete das Peppr-Team nun, dass sie das Unternehmen verkaufen wollten. Es sei schwieriger als gedacht gewesen, Investoren zu finden. Nun soll ein Käufer gefunden werden, der das Projekt verantwortungsvoll weiterführt. „Uns ist wichtig, dass das Projekt mit ethischen Ansätzen weitergeführt wird. Die Sexarbeiter, die auf Peppr ein Profil haben, erwarten von uns, dass wir jemanden finden, der die Vision weiterträgt: Das schäbige Image aus der Branche rauszukriegen.“

Für die junge Unternehmerin stehen neue Herausforderungen an. Sie arbeitet an einem neuen Projekt, das ebenfalls mit Sexarbeit zu tun hat. Was genau das ist, will sie jedoch noch nicht verraten.