Berlin - Im Juni sollen nach und nach alle bei den Impfungen drankommen. Jetzt schon warnen allerdings Sozialverbände sowie Intensivmediziner, dass die sozial Schwachen nicht den Kürzeren ziehen dürfen – da die Infektionszahlen gerade in sozialen Brennpunkten meist deutlich höher sind als in anderen Gegenden. Ebenso wie bei Menschen mit Migrationshintergrund. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat am Dienstag bereits angekündigt, dass mobile Impfteams in soziale Brennpunkte fahren sollen. 10.000 Dosen sollen dort verbreicht werden. Wie das genau in der Praxis aussieht, wird derzeit beraten, so die Senatsgesundheitsverwaltung.

Geht es nach der Berliner Integrationsbeauftragten Katarina Niewiedzial müssen neben den sozialen Brennpunkten ebenso die etwa 100 Moscheen der Stadt bei den mobilen Impfteams einbezogen werden. Sie hat gerade ein Projekt gemeinsam mit fünf Berliner Moscheegemeinden und dem Gesundheitsträger Albatros initiiert und dafür 1000 Tests zur Verfügung gestellt. „Das Projekt läuft bis Freitag. Wir konnten während des Ramadan sehr viele Menschen erreichen und mit dem Testangebot den Gang in die Moschee sicherer machen. Mit dem Einsatz mehrsprachiger Ärzteteams haben wir sehr gute Erfahrungen gesammelt“, sagt Niewiedzial.

Sie fügt hinzu: „Bei der Bekämpfung der Pandemie können wir nur erfolgreich sein, wenn wir alle Menschen gleichermaßen gut erreichen. Dazu müssen wir gezielt auf die Menschen zugehen und sie auch in ihrer vertrauten Umgebung erreichen. Menschen mit Migrationsgeschichte sind keine Infektionstreiber, sie gehören aber häufig zu den vulnerablen Gruppen unserer Gesellschaft und haben keinen guten Zugang zu unserem Gesundheitssystem.“ Sie sei sicher, dass sich bei einem Einsatz mobiler Impfteams mehr Menschen impfen lassen werden. Dafür laufen derzeit Gespräche mit der Senatsgesundheitsverwaltung.

Psychologe Kiesinger: „Imame sind bedeutende Multiplikatoren“

Der Psychologe Friedrich Kiesinger ist Geschäftsführer vom Berliner Verein Albatros, der mit rund einem Dutzend Ärzten jeden Freitag vor den Moscheen steht und Menschen zum Testen motivieren möchte. Getestet wurden inzwischen etwa 400 Menschen mit Migrationshintergrund. 

Im Gespräch mit der Berliner Zeitung sagt Kiesinger: „Wir haben sehr viel positive Erfahrungen gesammelt. Gerade auch bei dem Testangebot vor den Moscheen haben wir gesehen, dass man aktiv auf die Menschen zugehen muss. Es gibt ja besonders in verschiedenen Kulturen sehr viel Misstrauen gegenüber Impfungen. Ebenso gegenüber dem hiesigen Gesundheitssystem.“ Daher sei diese Kampagne eine wichtige Aufgabe. Kiesinger weiter: „Auch, dass die Besucher der Moscheen während des Ramadan in ihrer Sprache von Fachkräften aus ihrem Kulturkreis aufgeklärt werden und nicht nur vom klassischen deutschen Arzt. Damit entfällt die Sprach- wie auch die Kulturbarriere. Das ist der Kern der Sache.“ Ganz wichtig sei es, vor Ort Vertrauen aufzubauen. „Die Imame sind dafür bedeutende Multiplikatoren, wenn sie das unterstützen, hat das noch mal einen größeren und nachhaltigen Effekt.“

Kiesinger weiter: „Wenn wir erreichen, dass Menschen mit Zuwanderungshintergrund auch das Impfen als normal empfinden, dann sind wir einen wichtigen Schritt weiter.“ Er fügt hinzu: „Die mobilen Impfteams sollten so früh wie möglich starten.“ Am besten schon im Mai. 

Sozialräume, in denen mobile Impfteams eingesetzt werden sollten, sind für Kiesinger Bezirke wo Menschen beengt leben, sozial schwächer gestellt sind und höhere Inzidenzwerte existieren. Die Öffnung der Stadtteilzentren bei der Verdichtung von Impfangeboten ist richtig, reicht aber nicht aus. Es braucht zusätzlich das aktive Zugehen auf Multiplikatoren wie z.B. die Imame. Solche Kampagnen stellen außerdem eine Brückenfunktion zur Integration der teilweise außenstehenden muslimischen Gemeinden in die Stadtpolitik dar und ziehen weitere Effekte über das Testen, Aufklären und Impfen hinaus, nach sich.

Aus Politik weitgehend Zustimmung zur Impfkampagne

Aus Sicht der Berliner Linke-Chefin Katina Schubert seien vor allem vielsprachige Informationen für Menschen in „prekären Lebensverhältnissen“ notwendig. Nur so hätten diese Menschen überhaupt die Gelegenheit, Angebote wahrzunehmen. „Wir müssen Überzeugungsarbeit leisten, und das vor allem in allen Sprachen“, sagte die Linke-Chefin im Gespräch mit der Berliner Zeitung.

Auch aus der SPD kommt Zustimmung. Mit Informationen in vielen unterschiedlichen Sprachen in die einzelnen Communitys zu gehen, könne helfen, sagt die Abgeordnete Nicola Böcker-Giannini. Nur so könne man rankommen an eine Bevölkerung, bei der sich durch Fake News vielfach eine unangebrachte Skepsis gegen das Impfen und weitere Corona-Bekämpfungsmaßnahmen verstärke, sagte sie der Berliner Zeitung.

Grünen-Integrationspolitikerin Susanna Kahlefeld kann aus eigenem Erleben keine generelle Impfskepsis oder gar einen Hang zu einer Corona-Ignoranz in türkischen oder arabischen Communitys bestätigen. Als Lehrerin engagierte sich Kahlefeld jahrelang in der Elternarbeit. Aus dieser Zeit wisse sie, „dass es häufig sogar eher darum ging, gerade den Frauen zu erklären, dass sie nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt gehen sollten“, wie sie der Berliner Zeitung sagte.

Auch die CDU-Politikerin Cornelia Seibeld findet das Impfen in sozialen Brennpunkten „prinzipiell gut“, sieht aber gleichzeitig ein großes Versäumnis beim Senat. Leider sei es bis heute unmöglich festzustellen, wo genau die Infektionen herkommen. „Wir wissen es einfach nicht, weil das in Berlin nie gezielt untersucht wurde“, sagte Seibeld im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Anders als etwa in Dänemark oder in Griechenland habe es zum Beispiel keine Abwasseruntersuchungen gegeben, die eine Wohnblock-genaue Analyse ermöglicht hätten. Auch die Gesundheitsämter hätten Infektionsherde und Spreader-Ereignisse nie genau genug im Blick gehabt. Sei es aus Datenschutz- oder aus Kapazitätsgründen.