Mobilität: Ein ICE als rollendes Labor – Deutsche Bahn testet in Berlin auf einer alten Trasse neue Technik

Michael Rothe traute seinen Augen nicht. Auf einer Berliner Bahnstrecke, die seit Monaten ungenutzt dahindämmerte, war plötzlich wieder ein Zug unterwegs – und dann noch ein Intercity Express. Ein ICE auf der Alten Wannseebahn und der Stammbahn: Das hatte es noch nicht gegeben! Der Südwest-Berliner fuhr dem Zug hinterher, um ihn zu fotografieren.

„Irgendwann rief dann die Arbeit, und ich musste das Shooting schweren Herzens aufgeben“, erzählt der Diplom-Kaufmann, dem eine Beratungsgesellschaft in Wannsee gehört. Er und andere Bahn-Fans haben aber gute Chancen, weitere Fotos dieser Art aufnehmen zu können. Denn das einstige tote Gleis zwischen Nikolassee, Zehlendorf und Lichterfelde West soll nun häufiger als Teststrecke genutzt werden.

ICE als Advanced Train Lab: „Volker“ ist ziemlich flexibel

„Das war unser Zug“, sagt Tobias Fischer von der Deutschen Bahn (DB). Es handelt sich um den letzten betriebsfähigen Diesel-ICE des Bundesunternehmens mit der Nummer 605 017. Der weiße Zug vom Typ ICE-TD, der einst als „Diesel-Weißwurst“ zwischen Sachsen und Bayern seine Karriere begann und zuletzt nach Dänemark fuhr, dient heute als rollendes Labor für Verkehrstechnik.

Advanced Train Lab: So wird der Triebzug jetzt genannt. „Ob Antennen, Sensoren oder Kameratechnik – wir können alle denkbaren Fahrzeug- und IT-Komponenten im Realbetrieb testen und schnell in die praktische Anwendung bringen“, erklärt Sabina Jeschke, DB-Vorstand für Digitalisierung und Technik. „Volker“, so der interne Spitzname, ist ziemlich flexibel.

Mit bis zu 200 Kilometern in der Stunde kann er auf Schnellstrecken mithalten. Zugleich ist der Antrieb stark genug, um zügig Bergstrecken erklimmen zu können. Das Bordnetz ist leistungsstark, viele Laptops, Messgeräte und andere Gerätschaften lassen sich anschließen.

Stammbahn Berlin–Potsdam: Testfahrten auf einer historischen Trasse

Und so hat der heute in Halle-Ammendorf stationierte Zug wieder gut zu tun, während die meisten anderen Vertreter des Zugtyps in Mukran bei Sassnitz abgestellt sind. Mit jeweils vier Wagen erwiesen sich die Diesel-ICE als relativ klein für den Fernverkehr. Anfangs hatten auch technische Probleme zu der mangelnden Rentabilität beigetragen.

„Wir arbeiten mit vielen Partnern zusammen – in diesem Fall ist es Siemens“, erklärt Fischer. Dem Vernehmen nach dienten die Testfahrten in der vergangenen Woche dazu, Komponenten für das autonome Fahren zu erproben. „So wurden Prellbockauffahrten geübt, was gut gegangen zu sein scheint“, so Rothe. Zudem wurde ein stilisiertes Auto auf die Gleise gestellt – auch diese Prüfung bestand die Technik problemlos.

Die Testfahrten fanden auf einer historischen Trasse statt. Denn die Stammbahn, von der einige Kilometer befahren wurden, ist die älteste Eisenbahnstrecke in diesem Teil von Deutschland. Auf dem größtenteils schnurgeraden Gleis zwischen Berlin und Potsdam begann 1838 der Zugverkehr. 1945, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, begann der Niedergang. Bis Juli 2018 wurde das Teilstück zwischen Zehlendorf und Lichterfelde West noch von Güterzügen befahren, die Autoteile vom Kölner Ford-Werk zur Firma APCB in der Goerzallee beförderten. Nachdem die Transporte auf die Straße verlegt worden waren, lag die Strecke still – auch das anschließende Stück der Wannseebahn nach Nikolassee.

„Wir finden es gut, die Strecke für Tests zu nutzen“, sagt Rothe, der auch Vorsitzender des Verkehrspolitischen Vereins in Berlin ist. Damit sie in Betrieb bleibt – und in der Diskussion. Der Fahrgastverband IGEB und seine Mitstreiter fordern schon seit Langem, dort auch Regionalzüge fahren zu lassen. Die Regionalbahn RB33 aus Jüterbog, die derzeit in Wannsee umkehrt, könnte nach Steglitz verlängert werden – wo Anschluss an die U-Bahn U9 besteht. Inzwischen befassen sich auch Planer wieder damit, die gesamte Stammbahn Berlin–Potsdam zu reaktivieren.

Einstweilen wird der Diesel-ICE häufiger im Berliner Südwesten aufkreuzen. Die nächsten Termine stehen noch nicht fest, sagt Tobias Fischer. Aber eines sei klar: „ Dies ist nun eine unserer Teststrecken.“