Verkatert durch die Woche: So wild waren die Partys der Berlin Fashion Week

Unsere Autorin hat alles gegeben: Keine Schlange vor der Eingangstür war ihr zu lang, kein Drink zu hochprozentig. Eine Chronologie der Modewochenpartys.

Party auf der Fashion Week: Geht auch mit Bierpong-Bechern statt Champagnergläsern.
Party auf der Fashion Week: Geht auch mit Bierpong-Bechern statt Champagnergläsern.Franka Klaproth/Berliner Zeitung

Der Berlin-Fashion-Week-Kalender ist gnadenlos. Ohne Rücksicht auf Verluste listet er etliche Events auf, die sich teilweise überschneiden und oft an den verschiedensten Orten in Berlin stattfinden. War man gerade noch beim Modehaus Platte in Mitte, so muss man nun nach Marzahn zur Show von Sia Arnika, danach geht es in Charlottenburg weiter. Trotzdem ist die Fashion Week für ihre Gäste nicht nur eine der stressigsten, sondern auch eine der spaßigsten Wochen im Jahr.

Wirklich zurücklehnen kann man sich nur die kurzen zehn Minuten, in denen Models über den Catwalk laufen. Die Eindrücke noch nicht ganz verarbeitet, heißt es danach: ins nächste Taxi huschen, zur nächsten Show, zur nächsten Location. Das macht die Events zu später Stunde umso gefährlicher.

Hier gibt es die wenigsten Verpflichtungen, die interessantesten Gespräche – und den meisten Alkohol. Aber den Preis für die Abende zahlt man spätestens am nächsten Morgen; ob sich das lohnt, ist wohl Ansichtssache. Für alle, die selbst nicht dort sein konnten oder wollten, hier eine Chronologie des Nachtlebens der Modeszene.


Der Fireside Chat: Berghain-Türsteher und Reisbällchen

Das erste Event, mit dem das Nachtleben der Berlin Fashion Week eingeläutet wird, ist traditionell der Fireside Chat des Fashion Council Germany, die offizielle Eröffnungsfeier. Vergangene Saison wurden die geladenen Gäste hierzu ins Borchardt gebeten, diesen Montag ging es in den obersten Stock der Kantgaragen.

Es ist 21 Uhr am Montagabend, die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey, Wirtschaftssenator Stephan Schwarz und Christiane Arp, Vorstandsvorsitzende des Fashion Councils, haben ihre Gäste bereits begrüßt, das Formelle ist also erledigt – jetzt darf gefeiert werden! Noch in der Lobby begegnet man dem ersten bekannten Gesicht: Dass man ihn an Eingängen sieht, ist üblich, allerdings steht er sonst vor einem Technoclub und nicht in der Lobby der Kantgaraden. Es ist Sven Marquadt, Berghains berühmtester Türsteher. Hier kommt man ausnahmsweise mal ganz einfach an ihm vorbei.

Endlich im fünften Stock angekommen, erwartet die Gäste hier die wohl gesitteste Party Berlins. Eigentlich eher ein Get-together – gepflegt wird am Sekt genippt und sich verhalten an den Häppchen bedient. Hier gibt es zwar keine Minischnitzel wie im Borchardt, dafür aber äußerst interessante Kreationen – das wohl treffendste Adjektiv, wenn man gar nicht so richtig weiß, ob es nun schmeckt oder nicht.

An den Crackern mit Tomatensalsa kann wohl niemand etwas aussetzen, aber was ist das da auf dem zweiten Tablett? Ist das jetzt süß oder herzhaft? Irgendwie beides, auf jeden Fall ist das komische Reisbällchen sehr scharf im Abgang. Einer der Gäste versucht es folgendermaßen in Worte zu fassen: „Schmeckt wie ein Bounty ohne Zucker, im Milchreisteigmantel, im Kern fruchtige Mango, die aber mit Chili bestreut wurde.“ Kurz gefasst: interessant.

Alles in allem ist der Fireside Chat bestens geeignet, um Kontakte für die bevorstehende Woche zu knüpfen und ungezwungen mit sonst eher unnahbaren Designern wie William Fan oder mit Modeurgestein Christiane Arp zu plaudern. Im Borchardt war es allerdings gemütlicher als in der spärlich eingerichteten weißen Halle.


In den dicken Winterjacken war es auf der vollen Dead-Hype-Party schnell viel zu heiß. Die Stimmung war trotzdem gut.
In den dicken Winterjacken war es auf der vollen Dead-Hype-Party schnell viel zu heiß. Die Stimmung war trotzdem gut.Franka Klaproth/Berliner Zeitung

Die Dead-Hype-Party: Schwitzen in Daunenmänteln

Auf gehts am Montag nach der Eröffnungsfeier zum Erotikmarkt LSD an der Kurfürstenstraße. Harter Übergang, allerdings ist dort im ersten Stock die Party von der Kreativagentur Dead Hype. Bei der Länge der Schlange vor dem Laden verschlägt es den hinzukommenden Gästen kurz den Atem. Dead Hype hatte nur für ein begrenztes Zeitfenster die Anmeldeforen geöffnet, viele Menschen wollen nun mitfeiern. Der Altersdurchschnitt ist im Vergleich zum Fireside Chat locker um 15 bis 20 Jahre gesunken.

Drinnen angekommen enthüllt sich dann ein Dilemma. Zuerst die gute Nachricht: Es wird getanzt. Die schlechte: Es gibt keine Garderobe. Das ist mitten im Berliner Winter ungünstig. Die, die sich gegen das Tanzen bei gefühlt 40 Grad Raum- und Körpertemperatur entschieden haben, stehen unbeholfen mit meist mehreren Schichten Jacken über dem Arm ein wenig abseits der Tanzfläche.

Die Musik trifft perfekt die Zielgruppe, amerikanischer HipHop und Techno-Remixes aus den 2000ern. Im Nebenraum gibt es zwar Getränke, dafür aber keine Musik. Dead Hype scheint irgendwie sagen zu wollen: Du kannst eben nicht alles haben. Die Getränke werden zwar im Bierpong-Becher serviert, schmecken aber trotzdem. Auch ein wenig kompromittiert hat das junge Publikum noch reichlich Spaß. Aber Vorsicht, nicht zu viel: Das ist ja erst der erste Tag der Modewoche!


Das Model „Nasty Bory“ performt ihren Song im Kitty Cheng.
Das Model „Nasty Bory“ performt ihren Song im Kitty Cheng.Franka Klaproth / Berliner Zeitung

Die Modelwerk-Party: Model mit Mikrofon

Es ist Dienstagabend, es war ein ereignisreicher, aber auch anstrengender Tag. Die Füße tun weh, doch das Dinner von Marcel Ostertag im Soho House bietet sich perfekt als Verschnaufpause an. Von dort aus ist man in zehn Minuten am Kitty Cheng, wo die Agentur Modelwerk jede Saison ihre eigene Party feiert. Um 22.30 Uhr ist die kleine Tanzbar schon restlos voll, noch tanzt aber niemand. Schaut man sich um, sieht man überwiegend Ex-Kandidatinnen von „Germany’s Next Topmodel“.

Darunter auch Anastasia Borisova, besser bekannt als „Nasty Bory“. 2020 wurde sie fünfte bei Heidi Klums Modelshow, und heute ist sie zumindest auf der Berlin Fashion Week ein etabliertes Model. Wenige Stunden zuvor war sie noch für Marcel Ostertag auf dem Laufsteg. Ihre Auftritte sind längst Routine, doch heute Abend steht eine Premiere an: Borisova greift zum Mikrofon, die Umstehenden johlen und klatschen. Aus den Boxen tönt „Bubblegum Plopp“, ihr erster eigener Song, dessen Video bis dato über eine Million Mal auf TikTok angesehen wurde. 

„Das hat mich ganz schön Überwindung gekostet“, sagt die 24-Jährige. Trotzdem sei sie froh, die Chance genutzt zu haben, als ihre Modelagentur sie gefragt habe, ob sie live aufzutreten möchte. „Beim Modeln bin ich ruhig und laufe einfach, das Singen ist sehr ungewohnt“, sagt Borisova, aber sie fühle sich freier in der Musik. Beim Songsschreiben habe sie besonders die Berliner Partyszene inspiriert. „Meine Musik enthält Popelemente, hat aber einen housy und technolastigen Einschlag.“ Das nennt sich „HyperPop“, eine neue Musikrichtung, die in Deutschland immer beliebter wird. Bald käme schon ihr neuster Track auf den Markt, namens „OnOff“. Zuerst aber läuft sie morgen wieder für Marc Cain über den Laufsteg. 

Neben Borisova treten an diesem Abend noch zwei weitere Künstler auf, der Sänger Luca Voss und der Rapper Booz. Läuft gerade keine Livemusik, kommen auch die stimmungsvollen Afrobeats aus der Anlage gut an. Je später der Abend, desto ausgelassener wird getanzt. Dass es auf den Modelwerk-Partys nur ums Sehen und Gesehenwerden geht, wie häufig gesagt wird, stimmt zumindest in dieser Saison nicht.


Inan und Afshin Momadi (v.r.) sorgten als DJ-Duo IAM für gute Musik bei der Premium-Party.
Inan und Afshin Momadi (v.r.) sorgten als DJ-Duo IAM für gute Musik bei der Premium-Party.Franka Klaproth/Berliner Zeitung

Die Geburtstagssause der Modemessen-Gruppe Premium

Es ist Mittwochabend und wieder ist die Schlange lang, nur diesmal vor dem Hotel Telegraphenamt in Mitte. Das Hotel wurde aufwendig im Berliner Stil der 1920er-Jahre saniert und hat vor kurzem erst eröffnet. Heute Abend feiert die Modemessen-Gruppe Premium ihr 20-jähriges Bestehen. Die Chefin Anita Tillmann gehörte zu den Initiatorinnen der ersten Fashion Week in Deutschland und hat für heute Abend eine fulminante Party angekündigt. 

Schon kurz nach 11 Uhr ist es denn auch krachend voll im großflächigen Hotel, das sich als Party-Location nicht lumpen lässt. Ein Schauspieler nach dem anderen huscht vorbei, Klaus Wowereit wirkt vergnügt, Michael Michalsky, Michi Beck und Annette Weber sind auch gekommen. Und außerdem scheinen alle hier zu sein, denen man die vergangenen Tage auf den Events begegnet ist.

Im großen Saal können die Gäste unter einer riesigen Discokugel zu 2000er-Musik tanzen, daneben gibt es einen dunkleren Raum, in dem Elektronisches aufgelegt wird. Das DJ-Duo hinter dem Mischpult ist international bekannt: IAM, bestehend aus zwei Brüdern, die überall auf der Welt auflegen und mit ihrem melodischen Techno auch hier die Menge mitreißen. 

Fazit: Diese Party hat alles, was eine gute Party braucht. Mehrere Bars, leckere Getränke und gute Musik, ein echter Höhepunkt zur Mitte der Modewoche. Jetzt heißt es: verschnaufen und Kräfte sammeln für die Closing-Partys.