Berlin - Was ist typisch, wirklich typisch für die Berliner Mode? Die meisten, denen man diese Gretchenfrage stellt, müssen erstmal ein bisschen überlegen. Und dann sagen sie: dass die Frauen Parka tragen. Dass man alles anziehen darf. Auch das Trevira-Ungetüm, das sich irgendwo angefunden hat und einen mit dem richtigen Styling zum Star einer Party machen kann.

Natürlich handelt es sich dabei um den kleinsten gemeinsamen Nenner und um ein wohlfeiles Klischee, doch wer ehrlich ist, muss zugeben: Mit der Mode tut sich diese Stadt immer noch ganz schön schwer. Wer böse antworten wollte auf die Eingangsfrage, könnte erwidern: Typisch ist, dass sie hier alles tragen – nur keine Mode aus Berlin.

Alle halbe Jahre wieder zur Fashion Week wird von baldiger Rekonvaleszenz oder anhaltendem Siechtum des Patienten Mode berichtet. Die Berliner Modewirtschaft setzt im Jahr zwischen 2,5 und drei Milliarden Euro um, es gibt hier an die 3 800 Unternehmen im Modebereich. Das klingt doch gar nicht übel, oder?

Die Zahlen des Kultur- und Kreativwirtschaftsindex (KKI) 2013 für Berlin-Brandenburg sind da allerdings ernüchternder: 95 Prozent der Befragten im Bereich Design/Mode sind Einzelunternehmen oder Kleinbetriebe, das heißt, sie haben weder freie noch festangestellte Mitarbeiter oder aber maximal fünf. 57 Prozent (siehe rechts) geben zu Protokoll, dass ihr Einkommen nicht ausreicht, um ihren Lebensunterhalt damit zu bestreiten, beziehungsweise: dass sie damit kaum Einkünfte erzielen.

Andersherum formuliert: Die meisten Berliner Designer könnten sich ihre eigenen Entwürfe nicht leisten.

Und die anderen? Frauen, die abends im wehenden Seidenkleid von Michael Sontag zur Vernissage schreiten? Männer, die sich begeistert in die satten Rottöne des Labels Ivanman hüllen? So etwas ist im Stadtbild selten zu erblicken, weswegen Betrachter womöglich zu Pessimismus neigen.

Mit ausländischer Mode konkurrenzfähig

So düster muss man die Sache aber auch nicht sehen. Der Glaube, dass Kleidung ein schützenswertes, förderwürdiges Kulturgut ist, mag in diesem Land flächendeckend – nicht nur in Berlin – unterentwickelt sein: Anderswo erfährt der Stil von hier, das minimalistische, monochrome, klare, dekonstruierte und durchdachte Design nämlich seine Anerkennung. Label, die lokal im ständigen Überlebenskampf zu liegen scheinen, sind international durchaus tragfähig.

„Die ganzen Berliner Designer, die mäßige Absatzzahlen in Deutschland schreiben, verkaufen im Ausland auch nicht unbedingt schlechter als internationale Labels“, sagt Arne Eberle, der mit seiner gleichnamigen PR- und Sales-Agentur vor allem Berliner Designer vertritt, darunter das von der Fachwelt jede Saison aufs Neue hoch gepriesene Duo Perret Schaad.

Bei den stilbegeisterten Skandinaviern, so Eberle, hätten es die Modemacher ungleich leichter. Stine Goya etwa, ein Liebling der Blogger und der Magazine, habe in Amerika auch nicht mehr Boutiquen-Präsenz als so einige Berliner Designer. „Aber im überschaubaren Dänemark hatte sie bereits vor Jahren 36 Shops! In Deutschland hingegen, wo wir ungleich mehr Einwohner haben, wäre das unmöglich, selbst mit Marken wie Reality Studio, Starstyling oder DSTM, die sonst gut verkaufen.“

„Das Qualitätsverständnis, das es bei anderen Modenationen gibt, ist bei uns nicht besonders ausgeprägt“, sagt Marte Hentschel, Mitbegründerin der Produktionsagentur Common Works, in der viele der Kollektionen für den Laufsteg realisiert werden, beispielsweise für Sopopular oder Anne Gorke. Der Preis sei immer noch eine der Hauptmotivationen beim Kauf eines Produkts, so diplomatisch kleidet Hentschel ihr Urteil ein. Und sie erzählt davon, wie begeistert die Japaner von der detailversessen produzierten Mode aus Berlin sind, wie sie angesichts des couturewürdigen Innenleben eines Jacketts, über einer unsichtbaren, aber perfekten Paspelierung von Stoffkanten in Verzückung geraten könnten.

Berlin Showroom ist Imagepflege und Absatzsuch

Was sich aus Berlin anderswo wie verkauft, weiß Arne Eberle auch deshalb, weil er seit März 2013 gemeinsam mit dem Internationalen Design Zentrum Berlin und durch den Berliner Senat für Wirtschaft, Technik und Forschung damit betraut ist, den Berlin Showroom durchzuführen. Die mit einem Programm der Investitionsbank Berlin und EU-Mitteln geförderte Präsentation führt die jungen Designer dieser Stadt nach Paris, zum Olymp der Mode also. Männer und Frauen getrennt, ein Dutzend Designer im Damenfach sind dieses Mal dabei, zwischen 600 und 800 Besucher werden für den Showroom im feinen Marais erwartet.

Der Berlin Showroom ist gleichermaßen Imagepflege und Absatzsuche. Die Erschließung neuer Kundenkreise funktioniert in Berlin nicht gerade geschmeidig, die Kluft zwischen der Industrie und denen, die sich der Kunst am Kleid widmen, ist riesig. „Zwischen den ganz großen Playern und der Berliner Szene gibt es ja praktisch keine Berührungspunkte und Überschneidungen“, sagt Arne Eberle.

Gleichzeitig zeigt die Art der feinen Präsentation, dass der ganze Markt in Bewegung ist. Geordert wird immer später, gezögert immer länger von den Einkäufern. Nicht erst mit der Absage der Bread & Butter wird diskutiert, ob ein Messezirkus überhaupt noch funktioniert, in dem alle zwischen Trennwänden auf Abnehmer warten. Newcomern hilft das sicher nicht: „Man darf in Berlin nicht in der Masse untergehen. Man muss seiner Linie treubleiben – und braucht einen langen Atem“, sagt Tim Dampmann.

Am besten also, man inszeniert Exklusivität. Das Label Lala Berlin verzichtet in diesem Winter auf den Laufsteg der Fashion Week, stattdessen gibt es, wie mitgeteilt wurde, ein „intimes Dinner“, zu dem man genau die Richtigen einladen kann.