Auf einem langen Holztisch liegen Stoffstücke. Man kann schon erkennen, was sie mal werden sollen: ein spitz zulaufendes Revers, eine Seite einer Anzugjacke. Auf den ersten Blick ist nur blaugrauer Nadelstreif zu sehen, ein steiferer Stoff aus Rosshaar gemischt mit Leinen und fliederfarbene Futterseide. Erst auf den zweiten Blick sieht man dann lauter kleine Stiche. 5 000 Mal hat Egon Brandstetter den stabilisierenden Innenstoff am Nadelstreif angeheftet. Alles mit der Hand.

Mit Bäuchlein sitzt’s besser

„Eine Maschine könnte das gar nicht. In der industriellen Kleideranfertigung wird so etwas geklebt“, sagt Brandstetter und man hört schon am Unterton, dass er von Konfektionsware rein gar nichts hält. „Das löst sich dann wieder, wenn einer viel schwitzt oder den Anzug in eine schlechte Reinigung gibt. Außerdem sitzt so ein geklebter Anzug nicht richtig. Wir nähen hier einen kleinen Bauch ein“, sagt er und zeigt, an welcher Stelle die Stiche ganz leicht anders verlaufen, „damit sich der Stoff hinterher perfekt der Brust anpasst“.

Egon Brandstetter ist Herrenschneider. Er fertigt Maßanzüge an. Alles näht er selbst, nichts gibt er an Fremdfirmen. Der 37-Jährige hat ein kleines Geschäft an der Chausseestraße, wo er Maßanzüge und Oberhemden anfertigt. Es gibt nicht viele wie ihn in Berlin, noch einen in Kreuzberg, einen in Charlottenburg, zwei in Potsdam. „Vielleicht fünf oder sechs in der Region“, sagt Brandstetter. Man muss wohl auch ein bisschen verrückt sein, um so einen Beruf auszuüben, leidenschaftlich, ein wenig besessen. Zehn bis zwölf Stunden konzentrierte handwerkliche Arbeit sind jeden Tag nötig und viel Geld ist damit wenigstens in den ersten Jahren nicht zu verdienen. Dafür ist die Nische innerhalb der Branche zu klein. Mindestens 2 500 Euro kostet so ein maßgefertigter Anzug bei Egon Brandstetter. Nach oben hin sind preislich keine Grenzen gesetzt. Der Kreis potenzieller Kunden ist entsprechend klein. „Wir investieren noch“, sagt Brandstetters Partner fürs Geschäftliche Marc Straub und umschreibt damit, dass 30 wiederkehrende Kunden noch kein profitables Geschäft ergeben.

Aber Geld ist nicht das wichtigste, findet zumindest Egon Brandstetter. Das, was die Kunden bekommen, soll sie glücklich machen, sagt er und dann zeigt er verschiedene Anzugjacken und Oberhemden, gestikuliert und erklärt und führt an einer fertigen Anzugjacke vor, wie ein leicht rötlicher Streifen im Stoff sich auf dem umgeschlagenen Revers allen eingenähten körperfreundlichen Biegungen zum Trotz optisch trotzdem in gerader Linie fortzusetzen scheint. „Auch das kann die Industrie nicht“, sagt Brandstetter. Das freut ihn. Schließlich muss er sich mit handwerklicher Präzision gegen Roboter behaupten. Jedes Knopfloch umfasst er mit 200 Stichen.

Der Anzug, der jetzt halbfertig vor ihm liegt, wird 3 500 Euro kosten. Er ist dreiteilig und für einen kräftigen Mann gedacht, 1,90 Meter groß. „Ein Businessanzug in herausstechender Farbe, aber der Mann, für den er gemacht wird, ist auch selbstbewusst in seinem Auftreten“, sagt Brandstetter. Er kennt ihn bereits ziemlich gut. Denn für die Anfertigung muss auch der Kunde eine gewisse Leidenschaft mitbringen. Es kostet ihn Zeit. Etwa zwei Stunden dauert schon mal das Vorgespräch, in dem Egon Brandstetter heraus findet, was der Kunde wirklich will, welche Schnitte und Stoffe infrage kommen. Brandstetter näht dann einen Probeanzug aus einem ähnlichen Material, wie es sich der Kunde ausgesucht hat. Dieser Anzug dient allein einer Anprobe, um die Kundenwünsche noch präziser erfassen zu können. Er wird später weggeworfen. Dann folgt der Zuschnitt des Originalstoffs. Der wird zusammengeheftet und wieder anprobiert. Schließlich trennt Brandstetter wieder alles auf und näht fein säuberlich alles ordentlich zusammen. Vier bis sechs Wochen dauert es, bis so ein Anzug fertig ist.

Egon Brandstetter kann endlos erzählen über Stoffe und Stiche, Nachhaltigkeit, dünne, feine Materialien, auf die er spezialisiert ist und wie es ist, an die Grenzen dessen zu gehen, was handwerklich möglich ist. Er spricht vom Dialog mit dem Material, erzählt wie er sich anschaut, wie ein Kunde sich bewegt, wie der den Hals hält, ob er die Hände oft in die Taschen steckt und wo er seine Brieftasche verstaut. „Es geht ja hier nicht um Körperbemalung oder Kostümierung. Der Kunde muss sich hinterher in dem Anzug wirklich wohlfühlen. Der Anzug entsteht im Dialog mit dem Kunden“, sagt Brandstetter.

Der BND baut gegenüber

Er arbeitet bereits seit einigen Jahren an der Chausseestraße, seit einem Jahr baut er mit seinem Partner einen professionellen Betrieb auf. Marc Straub (38) ist Betriebswirt. Er kümmert sich um die Finanzen und ums Auftreten, die Website etwa und die Optik des Ladens. Gemeinsam mit den Nachbarn hat er kürlich erst die Fassade weiß angestrichen. Denn die Chausseestraße sieht an dieser Stelle noch sehr zerlumpt aus. Gegenüber baut zurzeit der Bundesnachrichtendienst. Einige tausend Menschen werden dort eines Tages arbeiten.

Laufkundschaft haben die beiden im Grunde nicht. Die meisten Kunden seien Unternehmer, sagt Straub, sie kommen aus Berlin, New York, London. Viele junge Leute seien dabei, Ende 20, Anfang 30 Jahre alt, viele Männer, die sich zum ersten Mal einen Maßanzug anfertigen lassen. Einen Hochzeitsanzug, einen Glücksanzug, einen Anzug für wichtige Verhandlungen, in denen sich die Männer absolut sicher fühlen wollen. „Es sind Befindlichkeiten, die wir befriedigen“, sagt Egon Brandstetter. Kleider für besondere Momente. Egon Brandstetter gefällt die Vorstellung. Er will nicht einfach „stumpf ein Handwerk ausführen“.