Ruhlsdorf - Wenn es um Donald Trump geht, hat Jürgen Stange eine klare Meinung. Doch bei ihm geht es nicht um die Politik des US-Präsidenten, sondern um dessen Modeverständnis. „Er trägt seine Krawatten viel zu lang gebunden“, sagt Stange, der im Teltower Ortsteil Ruhlsdorf die wohl letzte deutsche Manufaktur für Krawatten, Schleifen und Westen führt. Bei Trump würden die Binder fast bis in den Schritt baumeln, sagt Stange. „Er macht sich zum Clown. Krawatten sollten nur bis zum Hosenbund reichen.“

Jürgen Stange führt seine Manufaktur seit 1972. „Stange Berlin“ aus dem Kreis Potsdam-Mittelmark ist ein Geheimtipp für modebewusste Männer. Der 76-Jährige steht vor Regalen mit feinsten Seidenstoffen, an Ständern hängen Schleifen, in Regalen liegen Krawatten, auf Gestellen hängen Westen. Nebenan sitzen und stehen Frauen, schneiden zu und nähen.

Die Manufaktur haben seine Eltern 1934 in Berlin-Mitte gegründet. Von 1942 bis 1948 kriegsbedingt geschlossen, wurde sie in Wilmersdorf wiedereröffnet. Neun Mitarbeiterinnen hat er heute, acht in der Produktion und eine für die Büroarbeit. Es waren knapp 40, als er 1993 mit der Firma aus der Kellerfabrikation in Zehlendorf ins nahe Ruhlsdorf zog. „Um Maschinen in den Keller zu bringen, mussten wir durch die Wand“, erzählt er. „Ich wollte deshalb eine neue Produktionsstätte bauen, aber Zehlendorf konnte mir kein Grundstück nachweisen.“

120 Stücke pro Tag entstehen in der Krawatten-Manufaktur

Er erzählt auch, dass seine Manufaktur täglich 120 Stücke produziert. „70 Prozent sind Schleifen, 20 Prozent Krawatten, 10 Prozent Westen. Ohne die Schleifen gäbe es uns nicht mehr.“ Das Weiterbestehen der Firma dankt er jemandem, der sonst für die Rettung der Welt zuständig ist: James Bond. Seit Bond-Darsteller Daniel Craig 2006 sehr markant mit Pistole – und offener schwarzer Schleife – auf dem Plakat für den Film „Casino Royal“ zu sehen war, gewann Stange viele junge Kunden.

Die Seide lässt er auch nach Entwürfen seiner Frau Gabriele, einer Modegrafikerin, im italienischen Como weben und bedrucken. An die 1300 Dessins hat er auf Lager: uni, gestreift, kariert, mit Paisleymuster, gepunktet, als glattes Satin und stumpfes Crêpe oder glitzernd mit Metallfäden. „Como ist Europas letzte verbliebene Seidenstadt“, sagt der Kaufmann der Bekleidungsindustrie. „Die Qualität der Seidenherstellung wird vom italienischen Staat streng überwacht.“ Ein- bis zweimal pro Jahr reist er zur Bestellung in die Stadt, in der auch die Seide für den Papst hergestellt wird. Er spricht Italienisch und benutzt, wenn er über Trumps Binder redet, das italienische Wort „Stupidità“ – Dummheit.

„Nicht Fliege, das sind Insekten“

Als Fachmanns erkennt Stange, ob eine Krawatte deutscher Herkunft ist oder aus den USA. Zur Kundschaft zählt Ex-Innenminister Jörg Schönbohm. Stange sagt: „Ich habe ihm gesagt, dass seine Krawatte aus den USA stammt. Er war verblüfft.“ Die Stoffstruktur weist bei deutschen Bindern von links unten nach rechts oben, in den USA ist es umgekehrt.

Er selbst trägt stets eine selbstgebundene, deshalb leicht schiefe Schleife – „nicht Fliege, das sind Insekten“. Einst war die Schleife ein Markenzeichen der französischen Bohème. „Noch heute ist sie vor allem bei Kreativen beliebt.“ Er sei mal für einen Architekten gehalten worden, und in der S-Bahn stehe er immer der Mittelpunkt. Jeder Schleifenträger falle auf – wie einst Forschungsminister Heinz Riesenhuber. Anfängern gibt Stange auch Unterricht im Binden von Schleifen und Krawatten. Für Mutige empfiehlt er ein Buch des DuMont-Verlags aus den 80er Jahren mit mehr als 40 Krawattenknoten.

„Qualitative Flucht“ vor der Konkurrenz aus Asien

Stange verkauft viel online, im Ausland vorwiegend in die Benelux-Staaten, die Schweiz und Österreich. Krawatten und Schleifen kosten bei ihm 59 Euro im Online-Verkauf, im Fabrikverkauf 49 Euro. Westen schlagen mit etwa 100 Euro zu Buche, maßgefertigte sind etwas teurer. „Mit Massenprodukten aus Asien kann ich preislich nicht mithalten“, sagt er. „Manche Krawatten kosten so viel wie wir allein für den Stoff ausgeben. Wir haben deshalb die qualitative Flucht nach oben angetreten.“

An Textilien aus asiatischer Produktion lässt er kein gutes Haar. Bei der Herstellung werde viel Chemie eingesetzt. „Dann wird die Ware begast, damit sie im Schiffscontainer nicht schimmelt. Beim Entladen der Container tragen die Schauerleute Schutzkleidung.“ Die ökologische Bilanz der Produkte sei wegen langer Transportwege verheerend.

Jürgen Stange ist noch mit viel Spaß bei der Arbeit, führt aber Gespräche, damit jemand in die Firma einsteigt, um sie in seinem Sinne weiterzuführen. „Es ist eine soziale Verpflichtung, dass die Arbeitsplätze hier erhalten bleiben.“

Das Geschäft befindet sich in der Stahnsdorfer Str. 3 in Teltow Ruhlsdorf. Infos unter: www.stangeberlin-onlineshop.de