Berlin - Wenn Marco Gohla von seiner aktuellen Situation spricht, fallen Wörter wie Wut, Enttäuschung, Unverständnis und Frust. Seit Monaten lebt er von seinen Rücklagen und nun wurde auch noch die Verlängerung des Lockdowns bis zum 7. März beschlossen. „Für mich ist es eine Katastrophe. Mir bleibt nichts mehr übrig, was ich mir in den letzten Jahren angespart habe“, erzählt der 61-jährige Ladenbesitzer. In seinem Bekleidungsgeschäft „Look54 Berlin“ am Kurfürstendamm hängen Plastikplanen über Schaufensterpuppen und über den Regalen, die mit Kleidungsstücken gefüllt sind. Ob die T-Shirts, Blazer, Hemden und Hoodies am Ende des verlängerten Lockdowns endlich wieder von der Plane befreit werden können? „Wer weiß das schon?“, sagt Gohla. Er hoffe es zumindest sehr. 

Kein Umsatz seit zwei Monaten

Seit dem 16. Dezember sind die Türen seines Ladens bereits geschlossen. Für Gohla bedeutet das: keine Kunden, kein Verkauf, kein Umsatz. Er musste bereits auf seine Rücklagen und seine Alterssicherung zugreifen. Diese sind nun auch ausgeschöpft. Er habe vor Kurzem einen Kredit beantragen müssen, um sich die kommenden Wochen finanzieren zu können und warte derzeit auf die Bewilligung. Seit Oktober habe Gohla ein Einkommen von mehr als 20.000 Euro verloren. Ohne Umsätze erhalte er zudem keine Provision. Denn sein Geschäft ist ein Franchise, er ist von der Provision abhängig. Die drei anderen Läden von „Look54“ werden von seinem Geschäftspartner, dem Gründer der Marke, geführt.

Click & Collect und der Onlineverkauf fallen für ihn weg. Nur das Hauptgeschäft von Look54 könne das machen. Sein Franchise würde da nur als Konkurrenz auftreten. Außerdem: „Auf dem Ku'damm klappt Click & Collect eh nicht“, sagt Gohla. Das funktioniere eher in Kiezen, kleineren Einkaufspassagen. „Hier kommen die Menschen her, um die Schaufenster zu betrachten, einen Kaffee zu trinken und danach shoppen zu gehen,“ so Gohla.

Berlin in der Corona-Krise

Das Schwerpunkt-Thema der Berliner Zeitung zeigt die negativen und positiven Aspekte der Pandemie auf: Mit welchen Problemen haben Berliner Unternehmen zu kämpfen, welche Strategien entwickeln sie, um die Zeit der Corona-Krise und danach zu überstehen, Arbeitsplätze zu erhalten und mit welchen Ideen punkten sie, um Gewinne zu erzielen und Jobs zu schaffen.

Von diesem Szenario scheint man an diesem verregneten Wintermorgen weit entfernt zu sein. Nur vereinzelt laufen Menschen gebeugt unter ihrem Regenschirm auf dem Gehweg entlang. In einigen Läden am Kurfürstendamm steht ein Schild mit der Aufschrift: „Zu vermieten“. In anderen hat der Räumungsverkauf begonnen. „Mehrere Läden haben schon dichtgemacht“, so Gohla. „Es werden immer mehr - und die Politik sieht bei diesem Ladensterben zu.“ Ihn mache das fassungslos. 

Bis zu 12.000 Läden sind in Berlin und Brandenburg durch die coronabedingte Schließung in ihrer Existenz bedroht, schätzt der Handelsverband Berlin-Brandenburg ein. „Der vom Lockdown betroffene Einzelhandel verliert an jedem geschlossenen Verkaufstag im Januar durchschnittlich 600 Millionen Euro Umsatz“, so Stefan Genth, Geschäftsführer vom Handelsverband Deutschland (HDE). „Nach dem weitgehenden Verlust des Weihnachtsgeschäfts in November und Dezember können viele Handelsunternehmen diese unverschuldeten Verluste wirtschaftlich nicht mehr kompensieren.“

Überbrückungshilfen reichen nicht aus

Die Situation ist gerade für Franchise-Läden, wie Gohla eines führt, in der Pandemie besonders kritisch. Denn sie erhalten nur sehr geringe staatliche Überbrückungshilfen. Der Grund: Die Miete von Franchise-Läden wird von dem Geschäftsführer, dem Franchise-Geber, bezahlt. Franchise-Nehmer wie Gohla kommen für alle anderen Kosten auf, wie etwa die Bezahlung der Mitarbeiter. Da die staatlichen Überbrückungshilfen in der Pandemie für die Fixkosten gedacht sind, erhält Gohla für drei Monate lediglich rund 800 Euro. Und auch sein Ehemann, der als Flugbegleiter bei Easyjet arbeitet, könne nicht viel Geld beisteuern. Denn auch er sei in Kurzarbeit.

Gohla habe auch die Grundsicherung versucht zu beantragen. Da er und sein Mann allerdings als eine Bedarfsgemeinschaft eingestuft werden, bekomme er zu seiner privaten Krankenversicherung lediglich einen Beitrag von rund 200 Euro im Monat. Den Rest müsse er von seinen Reserven bezahlen. „Der viel gepriesene ‚erleichterte Zugang‘ zur Grundsicherung zur Deckung der privaten Kosten reicht also so weit wie gar nicht“, so der 61-Jährige. 

Gohlas Mitarbeiter sind alles Minijobber und Werkstudenten. Sie haben daher keinen Anspruch auf Kurzarbeit. Eigentlich hätte Gohla sie längst entlassen müssen, um Geld zu sparen. Doch er bezahlt sie weiter. „Die Leute brauchen das Geld ja auch“, sagt der Ladenbesitzer. Einer seiner Werkstudenten müsste etwa ohne Bezahlung sein Studium in Deutschland aufgeben und zurück in den Iran gehen, da er sich seine Miete nicht mehr leisten könne. „Wenn ich ein Unternehmen führe, habe ich eine Verantwortung für die Leute, die bei mir arbeiten“, so Gohla.

Von einem Verantwortungsgefühl der Politiker den Bürgern gegenüber spüre er hingegen nicht viel. „Die Politiker planen an der Lebenswirklichkeit der mittleren Unternehmer vorbei“, sagt er. „Wir haben doch auch eine private Miete, die wir zahlen müssen, Nahrung, Versicherungen. Das wird alles nicht bei den Hilfen einberechnet. Ich fühle mich von der Politik allein gelassen.“ Für den langjährigen CDU-Wähler steht daher fest: Er wird bei der kommenden Bundestagswahl das Kreuzchen an einer anderen Stelle setzen - und zwar bei den Grünen. 

Für den verlängerten Lockdown habe er dennoch Verständnis. „Es geht darum, Leben zu retten und ich stehe dahinter. Aus der Sicht eines Geschäftsinhabers muss ich dennoch sagen: Die Situation ist haarsträubend,“ so Gohla. Eines der größten Probleme sei derzeit insbesondere, dass viele immer noch nicht das Virus ernst nehmen, weiter feiern oder reisen und es verweigern, eine Maske zu tragen. Viele Menschen würden nur auf ihre eigenen Bedürfnisse achten und dabei die Situation ihrer Mitmenschen, wie etwa die der Händler vergessen. „Diesen Egoismus der Menschen finde ich momentan fast am schlimmsten“, so der Ladenbesitzer. „Wenn sich alle an die Maßnahmen halten würden, wären die Infektionszahlen niedriger und wir könnten unsere Läden endlich wieder öffnen.“

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