In Deutschland leben nach den jüngsten Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) 650.000 wohnungslose Menschen. Die Schätzungen beziehen sich auf das Jahr 2017, die Zahl liegt deutlich niedriger als die im November 2017 veröffentlichte Zahl für das Jahr 2016. Da rechnete man noch mit 210.000 Wohnungslosen mehr. Das bisherige Schätzmodell, das seit 1992 zum Einsatz kam, ist aufgrund fehlender neuer empirischer Studien veraltet.

Die Zahl der Obdachlosen steigt - Grund dafür ist das geringe Angebot an bezahlbarem Wohnraum

Die neuen Zahlen „entsprechen nicht einem tatsächlichen Rückgang der Wohnungslosenzahlen in Deutschland“, betonte Werena Rosenke, Geschäftsführerin der BAGW am Dienstag. Die niedrigen Zahlen seien vielmehr dem deutlich verbesserten neuem Schätzmodell zuzuschreiben. Man habe im vergangenen Jahr ein neues Hochrechnungsmodell erarbeitet, das auf den validen Daten der jährlichen Wohnungsnotfallberichterstattung in Nordrhein-Westfalen aufsetzt und deren Daten auf Deutschland hochrechnet.

Man geht sogar davon aus, dass sich die Zahlen von 2016 auf 2017 um etwa 15 bis 20 Prozent erhöht haben. Hauptgründe für die steigende Zahl der Wohnungslosen sind für die BAGW das unzureichende Angebot an bezahlbarem Wohnraum, die Schrumpfung des Sozialwohnungsbestandes und die Verfestigung von Armut.

Ehrenamtliche sollen Obdachlosen Hilfs- und Beratungsangebote anbieten

Für Berlin gibt es bisher keine validen Zahlen, wie viele Wohnungslose in der Stadt leben. Man schätzt, dass es zwischen 6000 und 10.000 Menschen sind. Um Licht ins Dunkel zu bringen, startet im Januar in Berlin ein bisher einmaliges Modellprojekt. Rund 300 Ehrenamtliche sollen an einem Stichtag die Obdachlosen in der Stadt zählen. Aber nicht nur das. „Sie sollen vor allem angesprochen werden, damit wir ihnen auch entsprechende Hilfs- und Beratungsangebote anbieten können“, sagte Regina Kneiding, Sprecherin der Sozialverwaltung.

Vielen wohnungslosen Menschen stünden Leistungen zu, die sie aber nicht in Anspruch nähmen, „weil sie nicht können, sie nicht mehr in der Lage sind, zu einem Amt zu gehen. Nur auf vagen Schätzungen können wir keine konkreten Bedarf ermitteln“, so Kneiding. So müsse man zum Beispiel leistungsberechtigt sein, um einen Mietzuschuss beantragen zu können.

Individueller Bedarf der Obdachlosen soll ermittelt werden

Auf Grundlage eines Fragebogens soll der individuelle Bedarf ermittelt werden. Zugleich will man herausfinden, woher die Menschen kommen, wer sie sind und wie viele Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder oder Menschen mit Behinderungen auf der Straße leben.

Weil diese Informationen dem Datenschutz unterliegen, hätte die Vorbereitung länger gedauert, als geplant. Eine zweite Zählung wohnungsloser Menschen soll etwa ein halbes Jahr später stattfinden.