Rund um das ehemalige Haus der Statistik am Alexanderplatz in Mitte soll ein Stadtviertel mit preisgünstigen Wohnungen, Künstlerateliers und Büros entstehen – mit einem sogenannten Rathaus der Zukunft mittendrin. Das geht aus dem Entwurf hervor, den die Planungsgemeinschaft „Teleinternetcafé und Treibhaus“ aus Berlin und Hamburg am Montag präsentierte.

Sie hat das Werkstattverfahren zur städtebaulichen Gestaltung des Areals an der Otto-Braun-Straße/Ecke Karl-Marx-Allee gewonnen. Das Besondere an dem Projekt: Es ist das Ergebnis einer kooperativen Stadtentwicklung, bei der neben dem Senat, dem Bezirk, der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) und der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) die gemeinwohlorientierte Genossenschaft Zusammenkunft Berlin beteiligt ist.

„Wir sind eine gemischte Gesellschaft“, beschrieb Senatsbaudirektorin Regula Lüscher die Akteure. Das Besondere sei neben der Kooperationsform, dass man sich entschieden habe, ein Gebäude zu erhalten, das ursprünglich abgerissen werden sollte. Der Komplex des ehemaligen Hauses der Statistik stehe zwar nicht unter Denkmalschutz, repräsentiere aber die „besondere Schicht aus der Nachkriegsmoderne am Alexanderplatz“, so die Senatsbaudirektorin.

Höfe, Kitas und Dachgärten in Berlin Mitte

Der preisgekrönte Entwurf sieht vor, dass neben den Altbauten mit rund 46.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche mehrere Neubauten mit rund 66.000 Quadratmetern Fläche entstehen. In der Mitte des Areals sind drei Höfe für eine gemeinschaftliche Nutzung vorgesehen, die „Stadtzimmer“ genannt werden. Sie werden gesäumt von zwei 15- und 12-geschossigen Wohnhochhäusern, die zur Berolinastraße im rückwärtigen Bereich des Areals 46 und 37 Meter hoch ragen.

Zur Otto-Braun-Straße ist ein neues Rathaus für das Bezirksamt Mitte geplant, das mit 16 Geschossen sogar 64 Meter hoch werden soll. Dachgärten und Gemeinschaftsterrassen sollen für zusätzliches Grün sorgen. Außerdem sind drei Experimentierhäuser für wechselnde Nutzungen sowie zwei Kitas geplant.

„Es ging uns um ein Weiterbauen des Bestehenden“, erklärte Urs Kumberger von der Planungsgemeinschaft den Entwurf. Außerdem sei den Architekten die Verknüpfung des neuen Quartiers zur Nachbarschaft wichtig gewesen. Während Investoren auf Grundstücken in der Innenstadt meist hochpreisige Wohnungen und Büros errichten, setzt das Projekt am ehemaligen Haus der Statistik bewusst einen Kontrapunkt.

So plant die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Mitte 300 Wohnungen. Die Hälfte davon sollen Sozialwohnungen werden, die anderen ebenfalls noch zu günstigen Preisen angeboten werden. Nach jetzigem Stand werden Sozialwohnungen zu Mieten für 6,50 Euro je Quadratmeter kalt angeboten, die übrigen Wohnungen im Schnitt für weniger als zehn Euro.

Ob die Mieten auch noch im Jahr 2024 so hoch seien werden, wenn die Wohngebäude fertig sein sollen, ist aber noch unklar, sagte WBM-Geschäftsführer Jan Kowalewski. Der WBM-Chef hofft, dass noch in dieser Legislaturperiode das Baurecht für die Wohnhäuser geschaffen werde, also bis zum Jahr 2021. Bei den Wohnungen sei dann mit einer Bauzeit von zwei bis drei Jahren zu rechnen.

Projekt ist ein Beispiel der neuen Berliner Liegenschaftspolitik

Der Bezirk Mitte will sein sogenanntes Rathaus der Zukunft bis spätestens in neun Jahren bezogen haben, sagte Mitte-Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD). Das müsse er deswegen schaffen, weil der jetzige Mietvertrag für das Bürogebäude neben dem Kino International in neun Jahren auslaufe.

Gothe sagte, das Projekt am Standort des ehemaligen Hauses der Statistik sei ein Beispiel der neuen Berliner Liegenschaftspolitik. Noch vor einigen Jahren habe das Areal privatisiert werden sollen. Dann jedoch habe sich Berlin entschieden, dort gemeinwohlorientierte Funktionen unterzubringen. Dazu gehört, dass die Stadtmission Schlafplätze für Obdachlose einrichten soll. Auch kooperative Wohnmodelle sind geplant.

Für einzelne Bauprojekte wie die Errichtung des neuen Rathauses sollen separate Architekturwettbewerbe veranstaltet werden. Senatsbaudirektorin Lüscher bezifferte das mögliche Investitionsvolumen auf 250 bis 350 Millionen Euro. Allein auf die Flächen der WBM entfällt ein Anteil von etwa 86 Millionen Euro.

Das neue Viertel soll weitgehend autofrei werde

Interessant: Das neue Viertel soll weitgehend autofrei werden. WBM-Chef Kowalewski kündigte ein Mobilitätskonzept an, das auf Car-Sharing, Fahrradverkehr und den öffentlichen Nahverkehr setzt. Dadurch werde es in dem Gebiet so gut wie keinen zusätzlichen Verkehr geben, sagte er. Zusätzlich werden Ver- und Entsorgungsfahrzeuge über die Berolinastraße durch das Gebiet rollen.

Das Haus der Statistik wurde nach Plänen des Architektenkollektivs Manfred Hörner, Peter Senf und Joachim Härter von 1968 bis 1970 errichtet und beherbergte die Zentralverwaltung für Statistik der DDR. Die Mitarbeiter ermittelten unter anderem die Produktionsergebnisse der volkseigenen Betriebe. Im Erdgeschoss gab es zwei Gaststätten sowie mit der „Suhler Jagdhütte“ ein Geschäft für Jagd- und Anglerbedarf. Außerdem bot ein Laden Produkte aus der Sowjetunion an. Nach der Wiedervereinigung zog die Berliner Außenstelle des Bundesamtes für Statistik sowie die Stasi-Unterlagenbehörde in die Räume ein. Beide Behörden verließen den Komplex im Jahr 2008. Seither steht die riesige Immobilie leer. Im Jahr 2017 erwarb das Land Berlin das Ensemble im Rahmen des Hauptstadtfinanzierungsvertrages vom Bund.

Die BIM hat mittlerweile mit der Sanierung der Altbauten begonnen, berichtete BIM-Prokuristin Angela Deppe am Montag. Bereits in diesem Jahr sollen erste, temporäre Pioniernutzungen in dem Haus starten. Später sollen die Altbau-Flächen durch das Finanzamt Mitte und die Genossenschaft Zusammenkunft Berlin genutzt werden. „Wir sind angetreten, ein Modellprojekt für kooperative Stadtentwicklung zu machen“, sagte Frauke Gerstenberg von der Genossenschaft.