Es klingt erst mal nicht besonders spektakulär, was der Senat da ankündigt. In der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg fallen acht Parkplätze weg, in der Bergmannstraße in Kreuzberg vier. Doch so klein diese Veränderungen auch anmuten, sie stehen für einen großräumigen Trend, warnte Jörg Becker vom Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC). „Ein Parkplatz nach dem anderen verschwindet – Salamitaktik. Wir fordern, dass jeder Platz, der wegfällt, ersetzt wird.“

Die Autolobby nimmt die Umwidmungen auch aus einem weiteren Grund ernst: Sie sind Auftakt zu Modellprojekten, die Vorbild für ganz Berlin sein sollen. Es geht um eine grundsätzliche Frage: Wem gehören die Straßen?

Die Zukunft des Berliner Verkehrs ist das Thema – nicht mehr und nicht weniger. Für viele Planer sowie Verkehrs- und Umweltaktivisten ist die Sache klar: Schon viel zu lange dominiert auch in Berlin das Auto. Nicht nur Radfahrer, sondern auch Fußgänger werden an den Rand gedrängt. Dabei wird in Berlin ein Drittel aller Wege zu Fuß zurückgelegt. Mit den Projekten in Prenzlauer Berg und Kreuzberg soll ausgelotet werden, wie sich Verkehrsflächen gerechter aufteilen ließen.

Vorboten für weitere Neuerungen

Den Anfang macht die Bergmannstraße zwischen Markthalle und Mehringdamm. Sie ist eine belebte Kiezmeile mit zahlreichen Geschäften, Gastronomie – und viel Verkehr. Zählungen ergaben, dass auf dem rund 500 Meter langen Straßenabschnitt viel mehr Fußgänger als Autos oder Radfahrer unterwegs sind. Doch in der Platzaufteilung spiegelt sich dieses Verhältnis nicht wider.

Darum wird die Bergmannstraße zur zweiten Berliner Begegnungszone, mit Tempo 20 und mehr Platz für Fußgänger. Im September soll es losgehen – mit einer ersten Versuchsphase, Pretest genannt. Geplant sind zwei Parklets – Holzpodeste, die den Gehweg erweitern.

Wo derzeit Autos parken, sollen Passanten sitzen und im Winter Fahrräder parken. „Die Ausschreibung für die Parklets ist abgeschlossen, die Vergabe für den Bau läuft“, sagte Dorothee Winden, Sprecherin der Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne).

Die zwölf Meter langen und mehr als drei Meter breiten Plattformen sollen beispielhaft zeigen, wie solche Ruhezonen aussehen könnten – und sie sind Vorboten für weitere, größere Veränderungen. Die eigentliche Testphase für die Begegnungszone wird voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2018 beginnen, sagte Winden. Dann werden viele weitere Parklets aufgestellt.

Geplant ist, dass von den fast 100 Parkplätzen rund zwei Drittel entfallen. Auch Radstellplätze und ein Fußgängerüberweg sind vorgesehen. „Der Senat darf nicht dieselben Fehler wie in der Maaßenstraße machen“, sagte Jörg Becker vom ADAC. Die erste Berliner Begegnungszone wird kritisiert, weil dort fast alle Stellplätze aufgehoben wurden. In Kreuzberg betonen die Planer: Die Parklets sind temporäre Bauten, die wieder abgebaut werden können.

Die gleichen Holzpodeste sind auch für die Schönhauser Allee vorgesehen. Rund um das Einkaufszentrum Schönhauser Allee Arcaden werden nach jetzigem Stand vier solcher Ruhezonen am Straßenrand entstehen, dafür entfallen acht Parkplätze. „Die genaue Zahl wird derzeit noch geprüft“, so Winden. Patenfirmen sollen Gestaltung und Pflege übernehmen. 2016 war noch von sechs Parklets die Rede. Anfang oder Mitte Oktober sollen die Holzpodeste aufgestellt werden, hieß es. Gerade noch rechtzeitig, bevor das Wetter schlechter wird und niemand mehr draußen sitzen möchte.

Doch so einfach die Projekte anmuten: In beiden Fällen gab es Verzögerungen. Bei der Bergmannstraße lag es vor allem daran, dass sich im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg seit einigen Monate niemand mehr so richtig darum gekümmert hat. Es gab personelle Veränderungen, der neue Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) befasst sich vor allem mit Wohnungspolitik.

Generell gilt: Auch rollbare Holzpodien, die auf Straßen gestellt werden, müssen technischen und Sicherheits-Anforderungen genügen. Deshalb durften viele Behörden mitreden – und das dauerte.

Senat sieht Bezirksplan positiv

Mehr Platz für Fußgänger könnte es auch in der Nähe der Bergmannstraße in Kreuzberg geben. Für die Zossener Straße zwischen Gneisenau- und Bergmannstraße soll das Bezirksamt eine Fußgängerzone anordnen. Das hat die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg auf Antrag der Grünen beschlossen. Für BVG-Busse, Fahrräder und Lieferfahrzeuge soll es eine Ausnahmeregelung geben.

Bisher stand der Senat selbst der Forderung der Bürgerinitiative „Leiser Bergmannkiez“, zumindest den kurzen Abschnitt vor der Markthalle für den Durchgangsverkehr zu sperren, kritisch gegenüber. Nun aber zeigt sich die Verkehrsverwaltung aufgeschlossener. „Wir wollen eine lebenswerte Stadt, und Fußgängerzonen können zu mehr Aufenthaltsqualität führen“, teilte Windens Kollege Matthias Tang mit. „Im Fall der Zossener Straße liegen uns bisher keine Unterlagen des Bezirksamtes vor. Sobald diese eingehen, werden wir das Anliegen prüfen, um gemeinsam mit dem Bezirk und den Anwohnern die beste Lösung für die Zossener Straße zu finden.“