Berlin - Monika Veller* ist 46 Jahre alt. Sie muss aufstocken, weil das Geld, das sie in einer orthopädischen Praxis verdient, nicht zum Leben ausreicht. Das bedeutet, dass sie zusätzlich zu ihrem Gehalt noch Geld vom Jobcenter bekommt. Sie arbeitet nur Teilzeit, 20 Stunden die Woche und sagt: „Immerhin, endlich habe ich einen Job gefunden!“ Eine Arbeit, die sich die ausgebildete Krankenpflegerhelferin selbst ausgesucht hat, sie betont das. Es ist ihr wichtig, weil das Jobcenter sie nicht immer gut beraten habe.

Für Monika Veller ist die Arbeit ein Neustart, zuvor war sie vier Jahre lang arbeitslos. Jetzt werden 200 Euro vom Jobcenter zu ihrem Gehalt hinzugegeben. Wie viel Geld sie verdient, darüber spricht sie nicht. Wenn man davon ausgeht, dass sie nach dem in Berlin geltenden Pflegemindestlohn von 9,75 Euro pro Stunde bezahlt wird, dann würde sie monatlich 844 Euro verdienen.

Verschiedene Aufstockertypen

Monika Veller ist eine unter vielen. Insgesamt gibt es in Berlin laut Bundesagentur für Arbeit 119.310 erwerbstätige Leistungsberechtigte (Stand Oktober 2015), umgangssprachlich Aufstocker genannt. Sie gehört in die Gruppe „sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Teilzeit“, das betrifft 43.420 Berliner. Zudem müssen 17.522 Vollzeit-Beschäftigte Leistungen vom Staat in Anspruch nehmen. Oftmals sind das Menschen, die eine Familie haben, in der nur ein Elternteil arbeitet oder aber sie sind Alleinerziehende.

Als Aufstocker gelten auch Hartz- IV-Empfänger, die einer geringfügigen Beschäftigung (Minijob) meist im Niedriglohnsektor nachgehen, in Berlin sind das 28.069. Des Weiteren gibt es 21.469 Selbstständige, deren Einkommen aus der Erwerbstätigkeit nicht ausreicht. Alle Berufsgruppen können vertreten sein, vom Putzmann, über die Rechtsanwältin bis hin zu den Kreativen, heißt es aus der Bundesagentur für Arbeit.

Monika Veller lebt allein. „Ich gebe nicht viel Geld aus“, sagt sie. Sparsam sein, bescheiden leben, keine großen Sprünge machen, über die Runden kommen, das sind Worte, die sie benutzt, wenn sie ihre jetzige Lebenssituation beschreibt. Sie klingt dabei nicht verbittert, sondern positiv, als sei es eine Phase, die irgendwann vorübergehe, ein erster Schritt, ein Anfang. Sie hofft, bald wieder voll arbeiten zu können und unabhängig vom Jobcenter zu sein.

In der Zeit, als sie arbeitslos war, hat sie anderen geholfen, bei der Berliner Tafel, ehrenamtlich. „Ich kann nicht nichts machen“, sagt sie. Durch ihr Ehrenamt hat sie Freunde gefunden. „Das ist wichtiger als Geld“, sagt sie. Man dürfe sich nicht vergraben, dann würde man Selbstzweifel und Komplexe entwickeln, die lähmten einen.

Zusätzlich zu den 200 Euro, die sie vom Amt bekommt, hat Veller Anspruch auf den Berlin-Pass und so die Möglichkeit, das Sozialticket für Busse und Bahnen für 36 Euro zu erwerben. Außerdem muss sie keine Rundfunkgebühren zahlen. Sie wird auch weiterhin für einen Euro bei der Berliner Tafel Gemüse, Obst und Brot beziehen. „Auch die Antibabypille kann über das Amt verrechnet werden“, sagt sie. Sie betont das, denn nicht alle Betroffenen wüssten, welche Rechte sie haben und welche Ansprüche sie durchsetzen können. Man müsse sich selbst schlaumachen.

Beratungsbus vor Jobcenter

Sich schlaumachen, das ist auch das Credo der Aktion „Irren ist amtlich – Beratung kann helfen“: Seit 2007 geht unter diesem Motto das Berliner Arbeitslosenzentrum evangelischer Kirchenkreise mit einem Beratungsbus auf Jobcenter-Tour. Mitarbeiter, darunter Politologen, Soziologen und Juristen, beantworten vor den Türen der Jobcenter kostenlos Fragen zum Arbeitslosengeld II, sie überprüfen Bescheide, geben Auskunft zu möglichen Rechtsmitteln, sie sprechen mit den Menschen, die aus den Jobcentern kommen und teilweise hilflos und überfordert sind.

Das Abstruse ist: Seit 2016 fördert das Land die mobile Beratung. Der Staat finanziert also eine Beratungsstelle für Jobcenter, deren eigentliche Leistung darin besteht, Menschen hinreichend zu beraten und zu fördern. „Ziel der Aktion ist es, Jobcenter bürgerfreundlicher zu machen. Wir fungieren als Korrektiv“, sagt Frank Steger, Vorsitzender des Berliner Arbeitslosenzentrums.

Und es gehe darum, Menschen selbstsicherer zu machen, Selbstwertschätzung anzukurbeln, sie zum Handeln zu animieren. Genauso sieht das auch Monika Veller.

*Name geändert