Im Jahr 1839 kam der jüdische Kaufmann Valentin Manheimer auf die Idee, ein Damenmantel-Modell fünfmal anzufertigen. Eine geniale Idee, wie sich herausstellte, sie revolutionierte die Welt von Kleidung und Mode. Der aus einem Dorf im Jerichower Land zugezogene Sohn eines jüdischen Kantors und Händlers hatte als 21-Jähriger mal eben die Konfektion erfunden und für sich selbst den Weg zu Erfolg und Wohlstand gebahnt.

Ort des Geschehens: der Hausvogteiplatz. Valentin Manheimer und seine beiden Brüder blieben nicht die einzigen, die dort ihr Textilgeschäft aufbauten. Die meisten Gründer waren Juden. Binnen weniger Jahrzehnte entstand im Stadtraum rund um den Hausvogteiplatz ein Ort explodierender Kreativität.

Hier paarte sich Geschäftssinn mit der Offenheit für Modernes. Ja, hier blühte der frühe Kapitalismus. Alles zusammen stiftete im Textilviertel den Mythos Berlins als Modestadt. Heute versuchen die Stadt und neue Kreative, wenigstens ein Echo dessen zu erzeugen, was bis 1933 die Welt beeinflusste und beeindruckte.

Die Kreativen wurden vertrieben

Die Nationalsozialisten schnitten die Blüte so radikal ab, dass selbst Magda Goebbels, die modebewusste Gattin des Propagandaministers, klagte: „Mit den Juden ist die Eleganz aus Berlin verschwunden.“

Über die verheerenden Folgen arisch-völkischen Neids auf den Erfolg einer Minderheit kann gar nicht oft genug gesprochen werden: Sie gipfelten im Raub des jüdischen Eigentums, „Arisierung“ genannt. Die Kreativen wurden vertrieben, manchen gelang die Emigration, einige endeten in der Vernichtung.

Der Hentrich & Hentrich-Verlag hat soeben ein Buch herausgebracht, das in zehn Aufsätzen die Geschichte des einzigartigen Ortes mitten in Berlin und seiner einst so belebenden Geister zusammenträgt – Ergebnisse des Forschungs- und Ausstellungsprojektes „Brennender Stoff“. So dient das Buch zugleich als Begleitband einer Ausstellung, die derzeit im Bundesjustizministerium zu sehen ist, auf dessen Gelände einst etliche Konfektionshäuser lagen. Ab 2. November ist sie im Hauptgebäude der Humboldt-Universität einer großen Öffentlichkeit frei zugänglich.

Exemplarisch für die deutsch-jüdische Geschichte 

Tatsächlich erzählt der Hausvogteiplatz Berliner und deutsch-jüdische Geschichte geradezu exemplarisch. Deshalb sei aus der Fülle die Beschreibung des Aufstiegs herausgegriffen: Schon 1288 hatte man bei der Gründung der Berliner Schneidergilde den Ausschluss der Juden festgeschrieben – aus „beharrlicher Furcht vor dem wirtschaftlichen Potenzial der jüdischen Minderheit“. Diese eroberte in der Folge den Altkleiderhandel.

1671 sprach der Große Kurfürst im Judenedikt den regen Leuten das Recht zu, auch mit neuen Kleidern zu handeln. Die christlichen Zünfte empörten sich gegen die Konkurrenz: Sie suchten ihr Heil in exklusiver Einzelproduktion. Die jüdischen Schneider hingegen erzeugten tragfähige Kleidung in Standardgrößen, die Vorläufer der Konfektion.

Als 1812 die Hardenbergschen Reformen der Judenemanzipation einen Schub gaben, zogen jüdische Schneider aus Posen zu, viele gründeten eigene Werkstätten und machten Serienmode für die Frau. In England und USA stand seinerzeit der Herrenanzug im Vordergrund, in Paris die Edelkreation für die Dame. Berlin machte daraus tragbare Kleidung für alle. Danach sieht die Stadt noch heute aus.

Erfolg dank neuer Arbeitsteilung

Tatsächlich gab es das bis dahin nirgends auf der Welt. In Berlin gelang eine Demokratisierung der Mode. Die Produzenten hatten vor allem eine aufsteigende, riesige Konsumentengruppe fest im Blick: die normale Frau mit ihren Wünschen und Träumen.

Der wirtschaftliche Erfolg verdankte sich zunächst vor allem einer neuen Arbeitsteilung: Am Anfang der Kette stand das – meist jüdische – Konfektionshaus mit seinen Entwürfen. Die Aufträge zur Produktion gingen an die reichlich vorhandenen Schneidermeister.

Diese sogenannten Zwischenmeister schnitten zu und gaben die Stoffteile an Heimnäherinnen weiter. Das erwies sich als effektiv und flexibel, ermöglichte Massenproduktion ebenso wie Kleinserien und rasche Umstellung. Zudem lagerten die Konfektionäre Verwaltungsaufwand und Kosten aus. Die Konfektionshäuser mussten weder Produktionsräume noch Nähmaschinen bereitstellen.

Mode für alle – durch Ausbeutung

Die typische Heimnäherin saß in der engen Schlaf-Wohnstube einer winzigen Mietskasernenwohnung, verdiente fünf bis sieben Mark pro Woche bei Arbeitszeiten von elf bis 15 Stunden. Bezahlt wurde nach Stückzahl. Die Kinder halfen mit, zum Beispiel Knöpfe annähen. Trotz schärfster Ausbeutung erlangten gerade Mütter dadurch wenigstens etwas Verdienst und konnten daheim bei den Kindern bleiben. Mitte der 20er-Jahre arbeiteten 80.000 bis 100.000 Heimnäherinnen in der Berliner Konfektionsindustrie.

So elend sah der Boden aus, auf dem Mode und Textilgeschäft erblühten. Zugleich entstand in der Stadt eine neue Spezies: die Konsumentinnen. Frauen rückten in Büros, Telegrafenämter, Läden ein, verdienten Geld. Diese weiblichen Angestellten belebten und veränderten die Stadt in bisher ungenügend erforschtem Maße.

Sie kannten Not sowie ein hohes Maß an Unsicherheit und suchten zugleich voller Lebenslust Vergnügen, Zerstreuung. Das erlangten sie auch durch die Mode. In kürzester Zeit fielen Korsette und stiegen die Rocksäume – erst bis unters, dann sogar übers Knie. Bein war sexy. Es gab neue Schnitte, neue Frisuren, neue Accessoires.

Der Geist ist vertrieben

Die Konfektionäre vom Hausvogteiplatz entwickelten ein feines Gespür für die Wünsche dieser Frauen und offensive neue Werbe- und Präsentationsformen. Ein legendärer Werbespruch brachte die Botschaft auf den Punkt: „Kaufet reell – im Kaufhaus Israel“. Solche Häuser und ihre Schaufenster lockten zum Betrachten ohne Kaufzwang.

Was konnte man da träumen – und zu Hause nachnähen! Revuen, Theater, bald auch der Film machten mit den Kaufhäusern gemeinsame Sache. Letztere statteten die Stars aus, denen Frau nacheiferte. Ein rundlaufendes System. Ein Artikel des Buches stellt ausführlich und faszinierend die Symbiose zwischen Medien und Mode dar.

Heute müht sich die Branche zum Beispiel mit der Fashion Week, an die Traditionen anzuknüpfen. Doch die „Arisierungen“ der NS-Zeit – einige Fälle beschreibt das Buch in ihrer Perfidie und Brutalität – rissen eine nicht zu füllende Lücke. Nach dem Krieg lag der Hausvogteiplatz in Trümmern. Heute sieht er hübsch aus, aber der alte Geist ist wohl endgültig vertrieben. Kein Altbesitzer kam zurück.