Die Ausflugsgruppe hat es sich bequem gemacht unweit des, na ja, Zentrums des Sturms, dem Moritzhof im Mauerpark. Vier Kinder und drei Erwachsene – zwei Frauen, ein Mann – lagern an diesem März-Sonnabend auf einer Decke, spielen Ball, lassen Propeller fliegen, essen Nüsse und Obst, machen sich Gedanken. Über den Wert von Grünflächen in der Stadt an sich, über den Mauerpark im Besonderen, über die Pläne zur Bebauung des Nachbargrundstücks im ganz Speziellen. Es ist das Wochenende, nachdem der Senat angekündigt hat, dass er das Bebauungsverfahren an sich ziehe.

„Ich finde, man sollte alles so lassen wie es ist. Wildwuchs ist doch schön, daraus entsteht vielleicht Kreatives“, sagt eine der Frauen. „Immer dieses Wachstum ist schädlich für die Stadt und die Leute, die in ihr wohnen.“ Wo die vielen Neu-Berliner denn wohnen sollten, die Jahr für Jahr in die Stadt kämen? Es brauche niemand zu kommen, die Stadt sei voll genug, sagt sie. Ihre Freundin ergänzt, man habe schon so viele schlechte Erfahrungen mit Bauprojekten gemacht, dass man nichts mehr glauben könne. Auch im konkreten Fall eben nicht, wo der Immobilienunternehmer Klaus Groth die (relativ kleine) nordwestliche Ecke des Mauerparks nördlich der Gleimstraße mit 708 Wohnungen bebauen will. „Und dann wird es am Ende doch viel mehr, wenn man erstmal anfängt“, sagt die Frau.

Dass mit dem Vorhaben laut Vertrag nicht nur der Moritzhof erhalten bliebe, sondern auch sieben Hektar Gewerbefläche für die Erweiterung des Mauerparks in Landesbesitz übergehe, davon habe sie noch nie gehört, sagt die Frau.

Hartmut Bräunlich kennt dieses Argument dagegen sehr wohl. Aber, sagt er, „das ist uns doch schon vor 20 Jahren zugesagt worden“. Tatsächlich geht die Debatte um das Stück grün, das früher Berlin von Berlin trennte und heute Prenzlauer Berg von Wedding, nun schon seit zwei Jahrzehnten.

Füttern, reiten, unterschreiben

Hartmut Bräunlich wohnt in der Nähe und ist Sprecher der Mauerpark-Allianz, einem Zusammenschluss von Bürgern für den Erhalt des Parks. Ohne Abstriche. „100 % Mauerpark“ steht auf einem Transparent, das am Moritzhof prangt.

Der Moritzhof ist ein Bauernhof mit Pferden, Hühnern, Ziegen und einem Hängebauchschwein. Er ist gut besucht an diesem Sonnabend. Die Kinder wollen füttern, streicheln oder reiten – ihre Eltern sollen bei der Allianz unterschreiben. Ursprünglich wollte die Initiative ein kommunales Bürgerbegehren gegen das Bauprojekt initiieren. 6 738 Unterschriften hätte sie gebraucht. Just, als sie 5 000 Signaturen zusammen hatte, zog der Senat das Verfahren an sich. Jetzt müssten die Aktivisten nach Vorbild des Tempelhofer Feldes ein landesweites Volksbegehren anstrengen. Ob sie das tun, ist noch unklar. Bis dahin sammeln sie weiter Unterschriften, die man trotz allem dem Bezirksamt Mitte übergeben wolle. Als Protest.

Vom Vorpreschen des Senats hält Bräunlich naturgemäß nichts. „Sehen Sie“, sagt er und reicht eine Simulationen herum, „die Häuser würden Schatten auf den Moritzhof werfen. Und wer weiß, wann von dort erste Klagen wegen Kinderlärms kämen“, sagt er und weist auf ein wüstes Feld hinter einem Zaun.

Hinter dem Zaun türmt sich Bauschutt. Vorigen Sommer wurden dort die Baracken abgerissen, auch Ausgeh-Institutionen wie die Fußballkneipe Tante Käthe und manch illegaler Club wurden zertrümmert. Wer nun glaubt, Tante-Käthe-Inhaber Sylvio Krüger sei ein Gegner des Abrisses gewesen, der irrt. Krüger kennt die Geschichte des Parks. Als Inhaber des Bar-Hüttendorfs Mauersegler an der Bernauer Straße, verhandelt er seit Jahren mit über die Zukunft des Parks. Nicht umsonst trage der Mauersegler ein „Park Kultur“ als Untertitel. Er müsse sich erst über die jüngste Entwicklung informieren, sagt Krüger. Ganz prinzipiell aber erkenne er in den aktuellen Plänen den Kompromiss wieder, den die Beteiligten zäh erarbeitet hätten. Zum Gebiet, das nun bebaut werden soll, sagt Krüger: „Parkqualität war da nie gegeben.“

Ähnlich sieht dies offenbar der junge Mann aus der Ausflugsgruppe, dessen Begleiterinnen so vehement gegen eine Bebauung sind. „Das kann nur besser werden“, sagt er. „Und vielleicht wird dann auch der Park sauberer“, sagt er. Der Mauerpark, diese schrundigen Wiesen ohne all zu viel Gestaltungswillen, gehört zu den meistgenutzten Grünflächen der Stadt. Vor allem sonntags, wenn Flohmarkt ist, wird’s richtig voll. Im Sommer, beim Karaoke, platzt er aus allen Nähten.

Zwischen all den Picknickern, Radfahrern, Boulespielern, Streetballern, Schauklern, Mit-einem-Ball-Bierflaschen-Umwerfern und all den anderen Parknutzern an einem ganz normalen Sonnabend, kann man mit Glück auch Anja Weingärtner begegnen. Regelmäßig ist sie hier mit Hund Ivy unterwegs. Wie Hartmut Bräunlich wohnt sie nebenan. Doch anders als der Maximal-Parkschützer ist sie für Bebauung. „Irgendwo müssen Menschen wohnen. Und Häuser dort würden vielleicht die Trennung zwischen Prenzlauer Berg und Wedding ein bisschen aufheben“, sagt sie.