Blick in die neue Dauerausstellung: In dem Haus am Wannsee wurde  am 20. Januar 1942 die geplante Deportation und Ermordung der europäischen Juden besprochen. 
Foto: P. Zinken/dpa

BerlinEs fiel schon immer auf: Eine der fürchterlichsten Bürokraten-Sitzungen der Geschichte Europas fand in Wannsee in schlichtweg herrlicher Lage statt. Weit kann hier der Blick über die Havel schweifen, der Garten ist selbst im Winter eine Idylle. Seit 1940 gehörte die 1914 nach den Plänen Paul Baumgartens für einen reichen Berliner Fabrikanten errichtete Villa Marlier der SS-nahen Nordhav-Stiftung, die sie als Gäste- und Tagungshaus nutzte.

Aus der Sicht von SS-Obergruppenführer Richard Heydrich das angemessene Ambiente für eine, wie es in der Einladung hieß, „Besprechung mit anschließendem Frühstück um 12 Uhr“. Es ginge um die „Endlösung der Judenfrage“. Am 20. Januar 1942 trafen sich hier fünfzehn führende Beamte der Reichsregierung und der SS, um die systematische Ermordung der damals elf Millionen in Europa und Nordafrika lebenden Juden zu koordinieren.

In Zusammenarbeit mit Behinderten-Verbänden

Seit 1992 erinnert in der Villa eine Gedenk- und Bildungsstätte an jene „Besprechung“. Diesen Sonntag wird nun nach drei Jahren Vorbereitung die neue Dauerausstellung in den einstigen Salons und Zimmern der Villa eingeweiht, gestaltet von den Kuratoren der Gedenkstätte und den Ausstellungsarchitekten Franke/Steinert. Schon auf den ersten Blick unterscheidet sie sich radikal von ihren Vorgängern: Die Inszenierungen einst wurden geprägt von langen Textspalten, übervielen Fotos, Dokumenten und Grafiken. Nun herrschen Luft und Licht, immer wieder öffnet sich durch die Fenster der Blick auf den in der Sonne gleißenden Wannsee. Die Wände wurden nach historischem Vorbild neu bespannt in allerdings reichlich aktuell erscheinenden kühlen Farben, die Parkettböden aus den 50er-Jahren restauriert. Ständig wird so das Zusammentreffen von mörderischer Geschichte und hinreißender Idylle ins Bewusstsein gerissen: An einem der vielen großen festen Ausstellungsmöbel ist das grausam genau aufgenommene Foto von in einer Kuhle zusammengedrängten Frauen und Kindern kurz vor ihrer Ermordung durch die Deutschen, weit hinten ist ein Wald zu sehen. Und über das Foto zittert der Schatten der Wannseekiefern bis hin zur sauber mit hellblauem Stoff bespannten Wand.

Es sind viele Bildschirme zu sehen, auf denen man sich per Fingerdruck zu „Vertiefungsthemen“ bewegen kann. Viel Rücksicht wurde genommen: Die Vitrinen sind mit dem Rollstuhl zu unterfahren, Reliefgrundrisse für Sehbehinderte montiert, die Schriften groß gehalten, die Sätze überwiegend in einfacher Sprache formuliert. Aber da steht auch ein monumentales Möbel, das im Relief die Machthierarchie der Täter abbildet, mitten im Raum, für die Sehenden ist eine Wandinstallation mit Drehbildern gedacht. Wenig Platz bleibt nun, sagen wir, für eine Gruppe pubertierender Jugendlicher, die auch einmal Abstand zu den schrecklichen Bildern braucht. Zumal, wenn sie auch noch die Erfahrungen oft sehr unterschiedlicher Herkunftskulturen zusammen bringen müssen. Das nämlich fällt auch schnell auf: Diese Ausstellung geht davon aus, dass der Holocaust als das Menschheitsverbrechen an und für sich akzeptiert ist. Wohl auch deswegen fehlen leider fast alle Hinweise auf die Völkermorde, die vor dem Holocaust etwa in den USA, im Osmanischen Reich, in der Sowjetunion unter Stalin oder im japanischen besetzten Korea und China stattfanden. Dabei hatte Hitler selbst das Beispiel des ignorierten Genozids an den Armeniern als Modell für seine „Judenpolitik“ angeführt. Die Besuchenden sollten auch vor dem Besuch wissen, dass es einen Ersten Weltkrieg gab, einen Versailler Vertrag, die Weimarer Republik, den Zusammenbruch der staatlichen Schutzordnungen in Mittelosteuropa seit 1914.

Direktor Hans-Christian Jasch betonte im Gespräch mit der Berliner Zeitung, dass die Konzeption sich am knappen Zeitbudget der meisten Besucher orientiere und keine Wiederholung der Programme etwa der Topographie des Terrors sein solle. Doch die Grundlagen, die sollten schon vermittelt werden – wozu auch die große Hoffnung des Judentums seit dem 19. Jahrhundert gehörte, dass der Antisemitismus sich mit fortschreitender Moderne von selbst erledigen würde. Stattdessen kaperte 1933 der Antisemitismus die technische und organisatorische Moderne. Oder dass Zwangssterilisierungen der Mehrheit missliebiger Bevölkerungsgruppen schon in den 1920ern intensiv debattiert wurden und etwa in Schweden oder Australien bis weit in die Nachkriegszeit üblich waren. So etwas muss heute erklärt werden.

Diese Ausstellung konzentriert sich auf die Organisations- und die Machtstrukturen, die Mittäterschaft der breiten Bevölkerung. All das ist gut und richtig. Sie vermeidet allerdings jeden Hinweis darauf, wie eigentlich diese „Besprechung“ abgelaufen ist. Man weiß es nämlich nicht. Nicht einmal der Sitzungsraum ist ganz sicher oder die Sitzordnung. Und die Berichte der Zeitzeugen sind überaus widersprüchlich. Was nicht verwundert: Schon die Sprache des berüchtigten Protokolls der Sitzung – im Faksimile in dem doch sehr wahrscheinlichen Sitzungssaal gezeigt – dokumentiert, dass sich die Teilnehmer vollkommen klar waren über den Zivilisationsbruch, den sie hier planten.

Sie debattierten genaue Listen, wie mit alten Menschen umzugehen sei und mit denen, die im Ersten Weltkrieg Auszeichnungen erhalten hatten, wer zu sterilisieren sei, die politische Willfährigkeit der den Deutschen zugeneigten Regime in Frankreich und Südosteuropa, den wahrscheinlichen Widerstand in den nordischen Staaten, dass im „Generalgouvernement“, wie der von Deutschland nicht annektierte, sondern besetzte Teil Polens genannt wurde, Juden „so schnell wie möglich entfernt“, also ermordet werden müssten. Es ist ein schreckliches Dokument, gerade seiner bürokratischen Nüchternheit wegen. Wer wieder hinaustritt in die frische Luft, fühlt sich befreit. Wenigstens einige Meter. Bis man an der Villa Max Liebermanns vorbei geht, dessen Frau Martha Liebermann sich 1943 in der Angst vor der Deportation umbrachte, kaum 14 Monate nach der „Besprechung“ der Mörder am Wannsee.