Seit einem Jahr wird um die historische Fabrik an der Mörickestraße in Treptow gestritten. Damals erhielten 35 Künstler, die das Gebäude seit 2012 nutzen, die Kündigung ihrer Mietverträge. Der Eigentümer ist ein Architekt aus München, Peter Ottmann. Er möchte das Haus abreißen und neu bauen. Wohnungen, Ateliers und eine Kita sollen an diesem Platz entstehen. Die Künstler haben protestiert. Mittlerweile hat der Eigentümer den Künstlern eine Aufhebungsvereinbarung zum Mietvertrag vorgelegt.

Herr Ottmann, wie sieht es denn aktuell in der Mörickestraße aus?

Von Herrn Hölmer, dem Baustadtrat von Treptow-Köpenick, der sich in der Frage der Nachfolgenutzung für die Ateliers in der Mörickestraße sehr engagiert, habe ich erfahren, dass den Künstlern eine ehemalige Schauspielschule im Bezirk angeboten werden soll. Herr Hölmer hatte wegen einer Nachfolgelösung für die Künstler nun schon mehrfach Kontakt mit der Berliner Immobilienmanagement Gesellschaft. Man geht davon aus, dass die Immobilie möglicherweise schon im ersten Quartal 2020 zur Verfügung steht und dass damit eine neue Bleibe für die Künstler gefunden worden ist.

Wissen das die bisher in Ihrem Haus beheimateten Künstler schon?

Ich habe von den Künstlern einen Brief bekommen, in dem sie diese Lösung auch als gesetzt sehen. Sie bitten um eine längere Übergangsfrist bis Ende Mai 2020. Dem habe ich bereits entsprochen.

Das klingt nach einer Entspannung in diesem Konflikt. Wer hat denn daran mitgewirkt?

Das geschah unter Mithilfe des Kulturstaatssekretärs, des Baustadtrats und der Geschäftsführung der BIM. Im Hintergrund hat der Bezirksbürgermeister mitgewirkt, und der Regierende Bürgermeister hat sich auch eingeschaltet.

Dann scheint der Politik ja daran gelegen zu sein, dass es zu einer friedlichen Lösung kommt?

Ja sicher, ich glaube aber auch, dass den politischen Mandatsträgern etwas an dem neuen Projekt liegt als Beitrag für innovative Wohnformen mit in einem Neubauprojekt integrierten Ateliers und Kitaplätzen. Es ist der Versuch, in einem Projekt verschiedenen Bedarfsstrukturen in Berlin zu entsprechen.

Die Pläne haben sich mehrfach geändert. Was soll an der Mörickestraße nun genau entstehen?

Wir hatten lange Zeit vor, das bestehende Gebäude aufzustocken. Das ist leider nicht möglich. Wir konnten hierbei nur Maisonettewohnungen planen, was wiederum vom Bezirk nicht akzeptiert wurde, weil die Behindertenfreundlichkeit dann nicht ausreichend gegeben wäre. Es bleibt aber bei dem ursprünglich geplanten Nutzungsmix mit 26 Mietwohnungen, 18 Ateliers und einer Kita für 70 Kinder. Das wird übrigens eine Kunst-Kita. Einige Künstler, die neue Ateliers übernehmen, werden auch Kurse für die Kinder in der Kita anbieten.

Wie groß werden die Wohnungen sein?

Es sind in der Mehrzahl Fünf-Zimmer-Wohnungen mit circa 125 Quadratmeter Fläche. Diese eignen sich insbesondere für Wohngemeinschaften, und zwar mit dem Schwerpunkt auf Senioren. Die Idee ist, dass ältere Menschen, die auf behindertengerechtes Wohnen angewiesen sind, sich aber in der Stadt keine eigene behindertengerechte Wohnung mehr leisten können, sich dort versorgen können. Wir richten uns aber auch an andere Bedarfsgruppen wie beispielsweise Studenten oder junge alleinerziehende Mütter, die sich in der Gemeinschaft gegenseitig helfen könnten.

Ältere Menschen, Studenten, Familien, Kitakinder, Künstler und das alles in einem Haus – sind da Konflikte nicht vorprogrammiert?

Es handelt sich um ein relativ großes Gebäude mit entsprechenden Möglichkeiten, die diversen Nutzungen gut aufzuteilen. Wir wollen die zukünftigen Bewohner bei der Vermietung nicht zufällig aufeinandertreffen lassen. Es wird im Vorfeld der Vermietung Workshops geben, um die verschiedenen Nutzer aufeinander einzustimmen. Weiter braucht man bei einem solchen Projekt auch eine sozialorientierte Hausverwaltung, die Konflikte moderiert oder versucht, sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Wir haben bereits Erfahrung in diesem Bereich, wir haben beispielsweise schon vor Jahren ein Projekt für alleinerziehende Mütter in Weißensee realisiert, bei dem im Vorfeld der Vermietung auch Workshops stattfanden.

Wie hoch werden die Mieten sein?

Wir gehen davon aus, die Ateliers für unter zehn Euro netto kalt vermieten zu können, und bei den Wohnungen werden wir wohl bei 11,50 bis 12 Euro je Quadratmeter landen.

Schreckt Sie die Berliner Debatte um eine Regulierung der Mieten?

Was mich stört, ist die geringe Konsistenz in der Wohnungsbaupolitik in Berlin. Wir haben zum Vergleich in München seit 1994 Gesetze zur sozialen Bodennutzung, wonach 40 Prozent Sozialwohnungen gebaut werden müssen und Infrastrukturbeiträge zu leisten sind. Davor gab es bereits Vorläufer zu diesen Gesetzen, das sind nun schon über 40 Jahre Erfahrung mit sozialgerechter Bodennutzung. In Berlin ist es erst im Jahr 2014 dazu gekommen, einen sozial orientierten Umgang mit Grund und Boden auch gesetzlich zu definieren. Man sieht daran, wie spät man in Berlin zu diesem wichtigen Ansatz der Wohnraumversorgung gekommen ist. Ein anderes Beispiel ist die Vergabe öffentlicher Grundstücke. Da hat man einfach zu wenig wohnungsbaupolitisches Engagement gezeigt und damit bedürftige Gruppen vernachlässigt. In der Nachwendezeit wurden landeseigene Grundstücke ja meist an Investoren von Gewerbe- oder Eigentumsprojekten verkauft.

Sie sehen mangelhaften politischen Gestaltungswillen?

Ja, da wurde auf Gestaltungsspielraum verzichtet, denn wenn ich Grundstücke verkaufe, kann ich ja als Stadt auch bestimmen, was dort gebaut wird. Damit hat man erst jetzt begonnen und ist damit 30 Jahre verspätet dran.

Hierzulande gilt München allerdings, was die Höhe der Mieten betrifft, als abschreckendes Beispiel. Ist das kein Problem?

Doch, sicher, wir haben in München bestimmt das Doppelte an Miete und das ist ein Problem, aber hier werden gleichwohl neue Wohnungen in großer Anzahl und Konstanz geschaffen, die auch an bedürftige Menschen vergeben werden können. In Berlin sind seit der Wende einfach zu wenig erschwingliche Wohnungen gebaut worden.

Wann soll Ihr neues Haus fertig sein?

Im Juni 2020 werden wir mit den Abbrucharbeiten beginnen, und ich gehe davon aus, dass wir bis Mitte 2022 das Projekt abschließen können.

Warum können die Künstler, die jetzt im Haus arbeiten, nicht Teil des neuen Projektes sein?

Das war ja immer so geplant, sie können Mieter der neuen Ateliers werden.

Das scheitert wohl an der Höhe der zu erwartenden Miete?

Nein, die neuen Mieten sind sicher akzeptabel, aber sie verstehen sich nun als Gruppe und wollen für sich ein reines Atelierhaus.

2012 sind sie kuratiert dort eingezogen und hatten damals offenbar nicht den Eindruck, dass es nur um eine befristete Zeit geht?

Das Gebäude war schon damals eher marode. Es gab immer schon Probleme mit der Bausubstanz, mit der Feuchtigkeit und mit der Heizung. Es gab aber 2012 noch keine Pläne, was wir mit dem Haus anstellen wollen. Deshalb wurde auch nicht über die Zukunft gesprochen. Es war jedoch sicher ein Fehler, keine befristeten Mietzeiten zu vereinbaren. Wenn ich noch mal eine temporäre Nutzung für Künstler anbieten sollte, würde ich klare Fristen vereinbaren, wie lange ein Gebäude genutzt werden kann. Erst seit 2017 kam es dann zu Überlegungen, dem gewachsenen Bedarf an Kitaplätzen und Mietwohnungen in Berlin Rechnung zu tragen. Im März 2018 haben wir den Künstlern dann unsere Überlegungen mitgeteilt und im September die bestehenden Verträge gekündigt. Bis zum Auszugstermin Ende Mai 2020 werden dann über zwei Jahre vergangen sein. Wir haben drei Gespräche zum neuen Projekt geführt, aber wir sind nicht weiter zusammengekommen. Die Idee der Künstler, sich nun andernorts als Gemeinschaft zu etablieren, ist sicherlich gut.

Die Mieter, die jetzt bei Ihnen ausziehen müssen, nennen Sie einen Gentrifizierer. Wie sehen Sie sich?

Ich halte es für ziemlich vergriffen, hier von einem Gentrifizierungsprojekt zu sprechen. Tatsächlich wird es große Änderungen geben und tatsächlich werden die Künstler, die sich jetzt dort aufhalten, für eineinhalb Jahre ihre Ateliers verlieren. Man könnte aber auch von Egoismus sprechen, wenn man sagt, wir 25 bleiben hier und die 170, die hier auch Platz finden könnten, sehen wir nicht. Ich sehe mein Projekt als Beitrag gegen Gentrifizierung an und es ist zudem dem Gemeinwohl verpflichtet.

Es gibt in Berlin allerdings zu wenig Künstlerateliers und es werden immer weniger. Was halten Sie von der bisherigen Berliner Politik der Atelierraumbeschaffung?

Ich denke, da geht noch deutlich mehr. Die Integration von Ateliers in neue Projekte wie zum Beispiel in der Mörikestraße könnte man durch eine Förderung wie im sozialen Wohnungsbau unterstützen. Mindestens genauso effektiv wäre die Schaffung von Atelierhäusern bei Entwicklungsmaßnahmen im Rahmen der sozialen Bodennutzung. Die Häuser könnten in Trägerschaft von Künstlergruppen geführt werden, was allerdings einen entsprechenden politischen Willen voraussetzt.

Was kann man denn lernen aus solchen Auseinandersetzungen, was haben Sie gelernt?

In der Mörickestraße war ich aufgrund des schlechten Zustandes des Gebäudes schon überrascht über die Vehemenz, mit der gegen das neue Projekt protestiert wurde. Ateliers werden auf der ganzen Welt im Rahmen temporärer Nutzung betrieben. Denn der Vorteil sind hierbei die sehr niedrigen Mieten. Wir haben in der Mörickestraße zum Beispiel eine Durchschnittsmiete von 5,40 Euro netto kalt. Normale Mieten für Ateliers liegen bei acht bis zehn Euro. Ohne die Nutzung von Gebäuden mit Restlaufzeit würde die Versorgung mit Atelierraum gar nicht mehr funktionieren. Aber wenn man raus muss, ist man natürlich enttäuscht. Das verstehe ich. Eine klarere Kommunikation und Zeitmietverträge wären hier in Zukunft sicher hilfreich.

Sie beobachten sicher den Berliner Wohnungsmarkt. Wie wird sich die derzeitige Diskussion um die Regulierung von Mieten auswirken?

Wenn man die Äußerungen der Immobilienverbände wahrnimmt, dass 80 Prozent der Investoren, die Mietwohnungsbau neu geplant haben, von ihren Projekten zurücktreten wollen und, dass keine Sanierungen mehr gemacht werden sollen, muss man schon von einer kräftigen Irritation sprechen. Das Thema ist politisch vollkommen überreizt. Man kann nur hoffen, dass der Senat gemeinsam mit den Bezirken tatsächlich an einer nachhaltigen und langfristigen Wohnungsbaupolitik arbeiten wird. Man hat im Wohnungsbau lange Vorbereitungszyklen und braucht eine verlässliche Politik.