Berlin - Es ist ausgerechnet der Hof einer Autowerkstatt, von dem aus die Verkehrswende beschleunigt werden soll. An der Romain-Rolland-Straße in Pankow-Heinersdorf hat Felix Schaar eine Halle angemietet, hinter deren Tor gut zwei Dutzend neue Elektroroller auf ihren Einsatz warten. Es ist der kleine Teil einer Strom-Scooter-Flotte, mit der der 36-Jährige hauptstädtischen Individual-Mobilisten einen ökologisch korrekten Arbeitsweg ermöglichen will. Schaar vermietet Elektroroller im monatlich kündbaren Abonnement.

Auf die Idee zum Geschäft kam er auf dem Sitz eines für ein paar Minuten gemieteten Sharing-Scooters. Vom Verkehrsmittel selbst war er schnell überzeugt, erkannte aber ebenso rasch die Defizite, um es wirklich mit dem Auto aufnehmen zu können: „Brutal teuer und nicht jederzeit und überall verfügbar“, so Schaar. Er wollte den Elektroroller, den man nutzen kann, als wäre es der eigene, ohne ihn zu besitzen.

Bis zum Sommer soll die Flotte auf 500 Roller wachsen

Im vorigen Frühjahr hatte der studierte Betriebswirt Erspartes in ein paar Roller investiert, um sie testweise für monatlich 100 Euro samt Service und Versicherung zu vermieten. Da es funktionierte, kamen weitere Scooter hinzu. Zum Jahressende waren es bereits 40. Da hatte Schaar, der nach dem Studium bei der Unternehmensberatung McKinsey anfing und danach beim Fintech Klarna arbeitete, seinen Job beim Elektrosammeltaxi-Anbieter Clever Shuttle längst gekündigt und die Firma Rollich gegründet.

Inzwischen ist die Flotte auf 170 Scooter gewachsen. Schaar hat dafür keinen Risikokapitalgeber gesucht, sondern selbst einen Kredit aufgenommen. Wie viele Fahrzeuge er mittlerweile tatsächlich vermietet hat, sagt der Jungunternehmer nicht und räumt auch ein, dass der Lockdown die Nachfrage gebremst habe. „Homeoffice ist nicht so gut für mein Geschäft“, sagt der Rollich-Chef und bleibt dennoch zuversichtlich. Im Sommer will er in Berlin 500 Roller auf der Straße haben.

Rollich
Felix Schaar hat 2020 seinen E-Scooter-Verleih Rollich gegründet.

Die Idee, den Kompromiss zwischen Kurzzeitmiete und Kauf zum Geschäftsmodell zu machen, ist allerdings nicht neu. Gerade erst machte Tchibo mit einem ähnlichen Angebot auf sich aufmerksam. Dort gibt es ein Elektroauto von Tesla für 777 Euro im Monat, wobei der Kaffeeröster nur der Vermittler ist. Hinter dem Angebot steckt das inzwischen bereits vier Jahre alte Kölner Start-up Like2drive, das in der digitalen Jungunternehmerschaft längst nicht mehr der einzige Anbieter von Auto-Abos ist. Etliche Start-ups empfehlen sich als Flatrate-Anbieter, und selbst Autovermieter wie Sixt und Autohersteller wie Mercedes-Benz und Volvo sowie der Versicherer Axa haben das Rundum-Sorglos-Paket für eine monatliche Rate entdeckt.

Nun folgt der Bereich der neuen urbanen Mobilität und könnte dort den Systemwechsel im Individualverkehr tatsächlich beschleunigen. Schließlich trifft das Modell den Zeitgeist und ob der monatlichen Kündbarkeit den Nerv der potenziellen Zielgruppe junger Großstädter. Individualverkehr nach dem Prinzip Monatskarte: schnell, unkompliziert und unverbindlich.

Das Berliner Start-up Gethenry hat sich auf Flottenkunden spezialisiert und stattet etwa den Online-Supermarkt Gorillas und den Essenslieferdienst Wolt mit Miet-E-Bikes aus. Auch der ADAC und das Münchner Unternehmen Rebike bieten elektrifizierte Fahrräder im monatlich kündbaren Abonnement.

Swapfiets verdreifachte seine Berliner Kundschaft binnen eines Jahres 

Pionier im Geschäft ist die für ihre Zweiräder mit blauen Vorderreifen bekannte Firma Swapfiets. Zu Preisen von 17 bis 120 Euro im Monat bekommt man dort seit 2019 auch hierzulande ein Fahrrad, ein E-Bike, einen E-Scooter oder ein E-Moped. Die Financial Times zählte das 2014 in Amsterdam gegründete Unternehmen im vergangenen Jahr zu den zehn am schnellsten wachsenden Unternehmen in Europa. Vor allem in Berlin ist das Unternehmen sehr erfolgreich. Waren im März vorigen Jahres noch 5000 Berliner auf gemieteten Swapfiets-Zweirädern unterwegs, so hatte sich deren Zahl zwölf Monate später auf 14.000 fast verdreifacht.  „Mittlerweile ist Berlin nach Amsterdam auf Platz zwei der höchsten Swapfiets-Mitgliederzahlen“, sagt Hector McLean, Store Manager von Swapfiets in Berlin, und geht davon aus, dass die Zahlen weiter steigen werden. „Die Mobilität in der Hauptstadt wird sich in Zukunft noch stärker in Richtung Fahrradnutzung und Mikromobilität entwickeln.“

Allerdings wird der Wettbewerb auch in diesem Geschäft zunehmen. So hatten beispielsweise die Soundcloud-Gründer Eric Quidenus-Wahlforss und Alexander Ljung bereits im vergangenen Sommer den E-Bike-Verleih Dance angekündigt, den die Risikokapitalgesellschaft Holtzbrinck Ventures wenig später auch gleich mit 15 Millionen Euro versorgte. Eigentlich sollte Dance mit seinem Abo-Dienst längst am Start sein. Für Anfang dieses Jahres war das Debüt in Berlin avisiert. Danach sollten weitere Länder folgen, um den Verkehr in den Innenstädten nachhaltig zu verändern. Doch seit der Ankündigung ist es still geworden um das Unternehmen. Eine Nachfrage blieb unbeantwortet. Wie dem Internetauftritt zu entnehmen ist, sucht man aber jede Menge Leute.