Berlin - Anton ist Tanzlehrer und bringt Einsteigern die Grundschritte für Walzer, Cha-Cha-Cha und andere Standardtänze bei. Nicht in einer Tanzschule, sondern draußen unter freiem Himmel auf einer der schönsten Open-Air-Tanzflächen Berlins. Am äußersten Zipfel des Monbijouparks sausen, schieben und swingen Tänzer täglich über die Tanzfläche – mit Blick über die Spree.

„Das Tanzen war eine Erlösung für mich“, erzählt Anton. „Ich trinke ja keinen Alkohol, rauche nicht und Small Talk ist auch nicht meine Sache.“ Kurzum, Anton fand Partys früher langweilig. Das hat sich geändert. Seit er tanzt, liebt er Partys. Anton sitzt an einem der Tische in der Strandbar am Monbijou-Theater.

In der Tanzszene heißt er Anton

Touristen laufen vorbei, aus einem vorbeifahrenden Spreedampfer ist die vollautomatische Audioführung zu hören. Mehrmals die Woche tanzt er selbst, privat, sagt er. Und schwärmt von der gemeinsamen Tanzsprache, einem Repertoire, das man als Tänzerin und Tänzer abrufen kann. Wenn auch nicht immer gleich gut. „Manche nuscheln, und manche sind schwerhörig“, sagt Anton.

Er kommt ursprünglich aus Freiburg und wird in diesem Jahr 59 Jahre alt. In seinem Ausweis steht ein anderer Name, aber in der Berliner Tanzszene heißt er nur Anton, und das soll auch so bleiben.

Schon als Kind haben ihn synchrone Abläufe begeistert, erzählt Anton. Er radelte mit seinen Freunden durch Freiburg und führte kleine Choreografien auf. Auch als Messdiener im Freiburger Münster hatte er ein Auge für den Gleichklang, die Prozessionen, die symmetrischen Abläufe. Karate fand er „total langweilig“. Nur die Katas – Übungen, bei denen alle Schüler synchron imaginierte Kämpfe vorführen – haben ihm gefallen.

Tanzlehrer ist er seit zehn Jahren

Seine Leidenschaft für den Paartanz entdeckte Anton später in Berlin, 1998 nämlich im Kreuzberger Musikclub SO36. Seit mehr als 20 Jahren gibt es dort das Café Fatal, ein beliebter schwul-lesbischer Tanztreff. Als Anton das erste Mal sah, was beim Paartanz möglich ist, dachte er: „Das will ich auch können!“ So besuchte er jede Woche das Café Fatal und wurde besser und besser.

Der Paartanz ist für ihn ein soziales Ereignis. „Alleine tanzen ist nicht meins.“ Dabei bricht Anton klassische Geschlechterrollen auf. Egal, ob gleich- oder gemischt-geschlechtliche Paare in seinen Unterricht kommen – er fragt erst einmal: „Wer führt, wer folgt?“ Es ist ihm egal, wer welche Rolle übernimmt, aber die Frage muss geklärt werden, sonst funktioniert das nicht mit dem Tanzen.

Die Angst vor dem Geld

Vor kurzem hat er eine Schulklasse unterrichtet, zehn Schüler, vier Schülerinnen. Da haben die Jungs miteinander getanzt und vorher ausgemacht, wer führt und wer folgt, immer abwechselnd. Besonders hat ihn gefreut, dass einige weiter zu den Tanzabenden in die Strandbar kommen.

Anton betreibt auch eine kleine Druckerei in der Kastanienallee, er druckt Schwarz-Weiß-Heftchen für Kinos und linke Initiativen. Manchmal steht er täglich an der Druckmaschine, manchmal eine Woche gar nicht. Tanzlehrer ist er seit zehn Jahren. Mittlerweile betreibt er eine eigene Tanzschule und organisiert für Clärchens Ballhaus den Unterricht im Bereich Standard-Latein. „Ich hatte immer Angst davor, dass eine meiner Leidenschaften Geld abwirft und ich dann die Lust daran verliere.“ Aber das ist nicht passiert.