Das Auto, das im Innenhof des Mehrfamilienhauses in Lankwitz steht, fällt sofort auf: Der Lack des Peugeot 206 glänzt in Türkis, mit blauer und grüner Farbe hat jemand Verzierungen auf die Karosserie gemalt. Auf dem Dach prangt ein Gepäckträger aus Holz, darauf ein Ersatzrad. Mit diesem Wagen wollen die Besitzer Anika Pechfelder (28) und Christian Langheinrich (28) am Sonntag zum größten Abenteuer ihres Lebens aufbrechen. Sie nehmen mit „Flipper“ – so nennen sie das Auto – an der „Mongol Rally“ teil.

Entlang einer 15.000 Kilometer langen Strecke geht es von Prag über Ungarn, die Türkei, Georgien, durch Georgien, Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan und die Mongolei bis zur Endstation Ulan-Ude am Baikalsee.

Die Leidenschaft fürs Reisen verband sie

„Die Ziellinie ist zwei Monate offen, in der Zeit müssen wir ankommen“, sagt Anika. Ob das klappt mit diesem „Witz von einem Auto“, wie sie es nennt? Anika lächelt. „Mit dem SUV kann das jedenfalls jeder. Wir mochten den einfachen Weg nie.“

Die beiden Berliner arbeiten als Lehrer – er unterrichtet Geschichte, Geografie, Ethik, und das Fach Wirtschaft-Arbeit-Technik an einer Integrierten Sekundarschule, sie arbeitet an einer Grundschule und gibt dort alles außer Mathematik und Musik. Kennen und lieben lernten sie sich beim Studium in Erfurt – die Leidenschaft fürs Reisen verband sie.

„Christian ist immer mit seinen Eltern ins Ausland gefahren, ich war mit meinen in Deutschland unterwegs“, erzählt Anika Pechfelder. „Wir sagen immer: Wir möchten im Moment kein Land der Welt zweimal bereisen, sondern immer etwas Neues sehen“, sagt Christian Langheinrich. „Und später, wenn wir älter sind, kommen wir gezielt zu den Orten zurück, die uns bei unseren Touren gefielen.“

Einmal um das Schwarze Meer

Schon in den vergangenen Jahren meisterten sie gemeinsam große Touren. Alles begann 2014 – damals wollten sie als Rucksack-Touristen durch Israel reisen. „Dafür fühlten wir uns aber noch zu unerfahren“, sagt Anika. Stattdessen nahmen sie ihr Auto, einen Golf, und fuhren nach Albanien. 2015 ging es mit dem gleichen Wagen um die Ostsee bis zum Nordkap. 2016 nach Moskau und Kiew, durch Rumänien und Moldawien – und 2017 einmal um das Schwarze Meer.

„Auf der Tour trafen wir durch Zufall ein Team der Mongol-Rally. Wir wussten nicht, dass es das gibt – aber dachten gleich: Das ist was für uns!“, erinnert sich Anika Pechfelder. Also begannen sie vor einem halben Jahr, die Reise zu planen.

„Er hat Airbags und Bremsen“

Als erstes musste ein neuer Wagen her, „denn für die Rallye sind nur Autos unter 1,2 Liter Hubraum zugelassen“, sagt Christian Langheinrich. Sie trennten sich vom Golf, schafften sich einen Peugeot an. 650 Euro kostete er, im Jahr 2000 bekam er die Erstzulassung. Er hat ein paar Jahre auf dem Buckel – „aber er hat Airbags und Bremsen“, erklärt der 28-Jährige.

„Wir hätten auch ein Auto für 5000 Euro kaufen können. Aber je mehr Technik verbaut ist, desto schwerer könnte es in den Werkstätten der Ost-Staaten werden, es mit einfachen Mitteln zu reparieren.“Dort werde im Notfall, sagt er, auch einfach mal etwas mithilfe einer Flex passend gemacht. Bei ihren Touren haben die beiden viele Erfahrungen gesammelt. Die Geschichten, die sie erlebten, sammeln sie in ihrem Blog „Reisefreiheit 2.0“. 

 „Er fing an, Gedichte von Heine zu rezitieren“

„2017 kamen wir beispielsweise in der georgisch-türkischen Grenzstadt Hopa an und suchten eine Unterkunft. Wir fanden zuerst aber kein freies Zimmer“, sagt die 28-Jährige. Dann landeten sie in einem Hotel, das Zimmer kostete 20 Euro pro Nacht. Der Haken: „Das Haus entpuppte sich als Bordell.“

Erst zwei Nächte vorher hatten sie in einem Hotel in Wolgograd geschlafen, in dem der Kellner das Silberbesteck beim Frühstück mit Handschuhen polierte. „Und zwar für 28 Euro pro Nacht.“ An einer Tankstelle bei Wolgograd trafen sie einen Tankwart, der erkannte, dass die beiden Deutsche sind. „Er fing an, Gedichte von Heine zu rezitieren“, sagt Christian Langheinrich. „Diese Begegnungen mit Menschen sind toll, auch wenn es mit der Verständigung oft schwierig ist.“ 

„Bin gleich wieder da“

Mit welchen Erlebnissen sie von der Rallye wiederkommen, wird sich zeigen. Fakt ist: Mit ihrer Teilnahme tun sie etwas für den guten Zweck. Jedes Team muss 1000 Pfund für eine gemeinnützige Organisation sammeln, Anikas und Christians Erlös geht an Straßenkinder in der Mongolei und an ein Regenwaldprojekt.

Nervös sind sie nicht. „Unsere Familien sagen: Passt auf euch auf“, sagt die Grundschullehrerin. „Vielleicht haben sie Angst, dass uns etwas passiert. Gerade für unsere Mütter ist es schwer. Aber ihnen ist es wichtig, dass sich unsere Träume erfüllen“, sagt sie. „Und: Wir sind abenteuerlustig, aber nicht leichtsinnig.“

Es starten 300 Teams

Auf die Rückkehr werden die Eltern länger warten müssen: Auf dem Plan steht nicht nur die Rallye. Die beiden Lehrer haben ein Sabbat-Jahr genommen. Wenn sie am Baikalsee sind, wird das Rallye-Auto nach Estland überführt – und das Paar reist weitere zehn Monate durch die Welt. 

Am Sonntag geht es von Berlin nach Prag, dort starten am Montag 300 Teams. Die Ausrüstung ist schon gepackt, das Hab und Gut in Kartons verstaut, denn die Wohnung in Lankwitz wird untervermietet. Und auf seinen Schreibtisch in der Schule hat Christian Langheinrich ein Schild gelegt: „Bin gleich wieder da.“

Reise-Blog: reisefreiheitzweipunktnull.com