Von ihrem Büro im achten Stock des Kanzleramts hat Monika Grütters einen weiten Blick über die Stadt. Das ist nicht nur schön, sondern hilft sicher auch, schließlich ist die Kulturstaatsministerin auch Vorsitzende der Berliner CDU – und damit oberste Oppositionspolitikerin.

Im Interview mit der Berliner Zeitung erklärt die gebürtige Münsteranerin, dass sie auch Berliner Lokalpolitikerin ist – und was sie vom hiesigen Politpersonal hält. Das ist wichtig, denn nicht wenige Parteifreunde werfen der 56-Jährigen immer wieder vor, sich zu wenig mit den hiesigen Niederungen zu beschäftigen.

Frau Grütters, Stephan von Dassel, der grüne Bürgermeister von Mitte, hat das neue Stadtschloss kritisiert. Es sei grausig, sagt er. Mögen Sie die Berliner Kritik an dem Schloss überhaupt noch hören?

Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben. Und von Dassels aktuelle Meinungsäußerung kommt ja nun zu spät, denn es gab ja vor Baubeginn eine ausführliche gesellschaftliche Debatte, ob wir dieses prominente Gebäude in historischer Gestalt wieder errichten, oder ob wir uns für einen Neubau entscheiden. Ich habe großes Vertrauen in unsere zeitgenössische Architektur, aber die historische Rekonstruktion hat im Deutschen Bundestag eine klare Mehrheit erhalten. Mehrheitsbeschlüsse des Parlaments zu akzeptieren, ist eine gute demokratische Übung – gerade für Mandatsträger.

Sollten die Berliner das Schloss in seiner Gestalt also langsam einfach einmal akzeptieren?

Ja, und vor allem, dass es das Ergebnis einer Mehrheitsentscheidung des Parlaments ist. Wir alle müssen respektieren, dass es offenbar eine große Sehnsucht danach gibt, alte Wunden wieder zu heilen – in diesem Fall durch eine Rekonstruktion des Stadtschlosses in der Mitte der deutschen Hauptstadt.

Die alten Wunden wieder zu heilen, ist ein gutes Stichwort. Was ist eigentlich mit dem Freiheits- und Einheitsdenkmal, der Bundeswippe? Warum kommt das so langsam voran? Vielleicht wäre doch Leipzig der bessere Ort gewesen?

In Leipzig sind mehrere Durchgänge gescheitert: mit Wettbewerben, mit deren Ergebnissen, mit den ersten Realisierungsschritten, mit Klagen dagegen. Danach hat man das Vorhaben fallen gelassen.

Aber auch in Berlin hat es mehrere Anläufe gegeben, einen Parlamentsbeschluss, dann aber auch immer wieder Kritik. Teilweise sogar aus dem Bundestag...

Das hat die Sache verzögert und erschwert. Da fragt man sich schon einmal, warum wir uns mit dem Gedenken an die Höhepunkte unserer Geschichte so schwer tun. Wir sind ja inzwischen geübt darin, die Abgründe unserer Geschichte aufzuarbeiten – was ich richtig und wichtig finde. Aber wir tun uns schwer damit, auch an die freudigen Ereignisse unserer Geschichte angemessen zu erinnern. Ich finde es nicht richtig, dass die friedliche Revolution von 1989 als Ereignis von welthistorischem Rang bisher nicht angemessen gewürdigt wird.

Auch zum Standort in Berlin gibt es immer wieder Vorschläge. Manch einer hält den Platz der Republik vor dem Reichstag für geeignet. Sie auch?

Diese Debatte ist vollends müßig. Wer jetzt noch Diskussionen über einen anderen Standort anzettelt, stellt damit die Realisierung des Freiheits- und Einheitsdenkmals insgesamt in Frage. Heute gilt: Wir sollten nach dieser schwierigen Debatte alle an einem Strang ziehen und das Denkmal realisieren. Denn es ist ja leider offensichtlich, dass es im November dieses Jahres, also im Jahr 30 des Mauerfalls, nicht stehen wird. Und das macht mich traurig.

Glauben Sie, dass Sie zum Jubiläum des Mauerfalls noch im Amt sind?

Ja klar, wieso sollte ich das nicht sein?

Möglicherweise will Frau Merkel ihren Platz vorzeitig räumen – und was dann mit Ihrem Amt und Ihnen persönlich passiert, ist doch dann eine der Fragen.

Erstens ist Frau Merkel für die gesamte Legislaturperiode gewählt. Zweitens sind die verfassungsrechtlichen und koalitionspolitischen Hürden für solche Manöver sehr hoch. Und drittens fülle ich mein Amt weiterhin sehr gerne aus.

Mit wem können Sie denn besser, mit Angela Merkel oder mit Annegret Kramp-Karrenbauer?

Glücklicherweise mit beiden sehr gut.

Wie kommen Sie eigentlich mit der Berliner Kulturverwaltung aus?

Tatsächlich arbeiten wir als Bundesbehörde vielfach gut mit dem Land zusammen, beim Stadtschloss etwa, schon weil Berlin dort eine ganze Etage bekommt. Beim Museum der Moderne halten wir zusammen. Dazu gehört, dass wir Museen zu noch attraktiveren Aufenthaltsorten machen, zu selbstverständlichen Foren der Begegnung in der Stadt. So wie das Humboldt Forum der Stadt seine Nord-Süd-Achse zurückgibt, von der Breiten Straße zum Lustgarten, muss es sich als Ganzes seinem Publikum öffnen.

Jetzt klingen Sie fast wie eine Lokalpolitikerin …

Bin ich ja auch! Berlin ist meine Wahlheimat. Ich bin im Frühjahr 1989 angekommen und lebe seitdem sehr, sehr gerne hier.

Und wann erarbeiten Sie sich in Ihrer Wahlheimat eine politische Alternative: Wann dürfen wir Sie als Kandidatin fürs Amt der Regierenden Bürgermeisterin begrüßen?

Ich arbeite jetzt schon dafür, dass Berlin zukünftig besser regiert wird: als Landesvorsitzende der Berliner CDU, gemeinsam mit vielen anderen in Partei und Fraktion. Für mich sind gute Inhalte und überzeugende Konzepte wie zur Bildung oder zum Thema Wohnen entscheidend. Wer die CDU auf dieser Grundlage zurück ins Rote Rathaus führen soll, das werden wir 2020 gemeinsam entscheiden.

Aber die Lage der Berliner CDU ist schwierig, obwohl die SPD als stärkste Regierungspartei noch mehr schwächelt.

Natürlich spielt der Bundestrend eine Rolle. Das Sommertheater des vergangenen Jahres hat die Gesamtwahrnehmung der Union beschädigt – umso wichtiger, dass wir das hinter uns gelassen haben. Bei der Neujahrstagung der CSU im Kloster Seeon konnte man ja beobachten, dass die Einigkeit der Union von niemandem mehr infrage gestellt wird. Sehr geholfen hat uns als Partei dagegen der vorbildliche Wettstreit um die Parteispitze. So fair, so offen, so konstruktiv hat das noch nie eine Partei geleistet. Wir haben gezeigt, dass wir eine große und überzeugende Personalauswahl haben.

Die Berliner CDU scheint von dem Aufwind wenig zu spüren. Die Umfrageergebnisse bleiben mau.

Die Umfragewerte sind nach einem allgemeinen Tiefpunkt im Herbst glücklicherweise auch in Berlin wieder etwas besser geworden. Aber von unserem gemeinsamen Ziel sind wir natürlich noch weit entfernt. Es ist und bleibt in Berlin eben eine besondere Herausforderung, als Opposition mit Kritik und Konzept wahrgenommen zu werden.

Und wie schlägt sich ihre Partei?

Burkard Dregger und die Abgeordnetenhausfraktion leisten sehr gute Arbeit, unser Generalsekretär Stefan Evers unterstützt ihn dabei genauso wie mich in der Partei. Und natürlich versuche ich von der Bundesebene aus nach Kräften mitzuhelfen. Ich bin seit 25 Jahren die erste Berlinerin am Kabinettstisch, da konnte ich auch für unsere Stadt schon viel erreichen – und ich habe noch eine Menge vor.

Sie wollen also mehr Einfluss?

Ich leiste als Parteichefin meinen Beitrag, erfolgreich sind wir aber nur als Team. Unsere Abgeordneten arbeiten extrem fleißig, genau wie unsere Bezirkspolitiker. Wir beteiligen unsere Mitglieder stärker denn je an der politischen Arbeit, das will ich auf dem Weg zum neuen CDU-Grundsatzprogramm noch ausbauen. Unsere Konzepte können überzeugen: Unser „Masterplan Wohnen“ ist ein Vorbild auch für andere große Städte, die Fraktion hat ein umfassendes Verkehrskonzept vorgelegt, das bürgerschaftliche Engagement unserer Lokalpolitiker vor Ort ist immens. Nein, ich muss nicht alles selber machen.

Rot-Rot-Grün pendelt bei Umfragen zwischen 52 und 56 Prozent. Woher nehmen Sie da Ihre Zuversicht?

Die Berliner wollen eine funktionierende Stadt. Sie wollen Lösungen für ihre Alltagsprobleme, keine Schaufensterpolitik. U- und S-Bahnen, die nicht fahren, ein Baustellenmanagement, das den Namen nicht verdient, Lehrer, die keine Lehrbefähigung mitbringen, Schulen, auf deren Toiletten sich kein Schüler traut – das kann doch auf Dauer niemand ertragen. Mich entsetzt die gescheiterte Wohnungspolitik: Die Neubauzahlen gehen zurück, die Mieten steigen und der Senat ist davon überrascht? Das ist das Ergebnis einer klaren ideologischen Agenda der Linkspartei und ihrer Partner! Der Wohnungsneubau wird systematisch sabotiert, neue Stadtquartiere bleiben auf der Strecke – dafür habe ich kein Verständnis. Ich finde auch, dass Berlin sich die Investorenfeindlichkeit dieses Senats nicht leisten kann. Das sagt ja selbst Senatskanzleichef Gaebler. Wenn der aus dem Roten Rathaus die eigenen Koalitionspartner anzählt, finde ich das schon bemerkenswert.