Mord an Brigitte Scholl: Von einem Regime ins nächste

Heinrich Scholl, ehemaliger Bürgermeister von Ludwigsfelde, ist überdurchschnittlich intelligent, war gut in der Schule und erfolgreich im Beruf, aber Frauen kann er nicht gut einschätzen, und vor allem kann er sich schlecht gegen sie wehren. „Er pöbelt nicht zurück, wenn er angegriffen wird“, sagte der psychiatrische Gutachter Alexander Böhle gestern vor dem Potsdamer Landgericht, „er verdrängt so etwas oder nimmt es gar nicht erst wahr.“ Außerdem neige Scholl aufgrund eines Über-Ichs dazu, Beschuldigungen gegen sich selbst zu wenden. „Er ist ein sehr aggressiv gehemmter Mensch.“

Scholl wird vorgeworfen, am 29. Dezember 2011 seine Ehefrau Brigitte heimtückisch ermordet zu haben. Alexander Böhle hat ihn stundenlang im Gefängnis befragt und ihn dabei als „ausgesprochen höflich“ erlebt. Sehr freudig, so Böhle, habe Scholl über seine schulische und berufliche Entwicklung Auskunft gegeben. Die Konflikte mit seiner Frau waren dagegen „eher schwer zu besprechen“. Zu der ihm vorgeworfenen Tat sagte Scholl, der auch vor Gericht die Aussage verweigert, überhaupt nichts. Immer wieder wies der Gutachter deshalb darauf hin, dass er über wenig Material verfüge. „Es gibt ein großes Loch. Ich weiß bis heute nicht, ob Herr Scholl es getan hat oder nicht.“

Der 96. Zeuge

Damit brachte er die Situation im Gericht gut auf den Punkt. Vor ihm hatte gerade der 96. Zeuge den Saal verlassen, wieder ohne nennenswerte Erkenntnisse, warum Brigitte Scholl kurz nach ihrem 47. Hochzeitstag sterben musste.

Aber wenigstens konnte der Gutachter erklären, wie es der Angeklagte, der jahrelang von seiner Frau herumkommandiert worden sein soll, bis dahin mit ihr ausgehalten hat. Böhle berichtete von Scholls schwerer Kindheit mit seinem ständig betrunkenen Vater und einer Mutter, die ihn schlug und ihn erst auf die Realschule ließ, nachdem sie mit dem Lehrer ausgehandelt hatte, dass ihr Sohn auch weiter im Haus mithelfen kann. Scholls eigene Partnerschaft sei von der Beziehung zu seiner Mutter überschattet gewesen, so der Gutachter. „Er ist praktisch von einem Dominanzregime ins nächste gekommen.“

Nicht nur ein Detail

Zum Anfang fiel ihm das nicht weiter auf, auch weil Matthias, der Sohn, von seiner Mutter ähnlich behandelt wurde. Später half Heinrich Scholl sein Amt als Bürgermeister, die Eheprobleme zu kompensieren – und nach seiner Pensionierung die Zweitwohnung in Berlin. Eine Lösung war das alles nicht. So ein langes Verhältnis von Macht und Unterwerfung ändere sich nicht, sagte Böhle. „Es war ja nicht nur ein nettes Detail, dass Frau Scholl so rigide mit ihrem Mann umging. Da muss eine extreme Abwehr stattgefunden haben.“

Auf die Frage, ob Scholl der Täter gewesen sein könnte, sagte Böhle: Ja, es könne sein, dass es beim gemeinsamen Spaziergang im Wald zum Streit gekommen sei und Scholl sie dann im Affekt erdrosselt habe. „Aber ich baue hier nur auf einem Konstrukt auf.“

Am Donnerstag wird der Prozess fortgesetzt.