Beamte der Spurensicherung sichern in einem Faltpavillon Spuren am Tatort. Nach dem Mord an einem Tschetschenen im Sommer 2019 in Berlin hat der Generalbundesanwalt die Ermittlungen an sich gezogen.
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BerlinNach dem Mord an einem Georgier im August vergangenen Jahres in Berlin hat die Bundesanwaltschaft Anklage gegen einen Russen erhoben. Staatliche Stellen der russischen Regierung hätten den Angeschuldigten beauftragt, den Georgier „zu liquidieren“, teilte die Karlsruher Behörde am Donnerstag mit.

Der 40-jährige Zelimkhan Kangoshvili  war am 23. August vergangenen Jahres im Kleinen Tiergarten in Moabit erschossen worden. An jenem Tag näherte sich ihm der Mörder von hinten auf einem Fahrrad. Dann schoss er  von der Seite mit einer Pistole des Typs Glock 26, die einen Schalldämpfer hatte, auf dessen Oberkörper. Dann folgten zwei Schüsse auf den Kopf des am Boden liegenden Opfers. Der 40-Jährige war sofort tot.

Hintergrund des Tötungsauftrags war nach Auffassung der Bundesanwaltschaft unter anderem die Gegnerschaft des Mannes zum russischen Zentralstaat. Zelimkhan Kangoshvili, der mehrere Aliasnamen benutzte und sich auch Zelo Dishani oder Tornike Kavtaradze nannte, war Tschetschene mit georgischer Staatsbürgerschaft. Die russische Regierung stufte ihn als Terroristen ein.

Von 2000 bis 2004 hatte er im Tschetschenienkrieg eine Rebellenmiliz gegen die Russen angeführt. Während des Kaukasuskriegs stellte er 2008 im Auftrag der georgischen Regierung eine Einheit von Freiwilligen aus dem Pankisi-Tal, aus dem er selbst stammte, zusammen, um Südossetien zu verteidigen. Zudem soll er für georgische Geheimdienste gearbeitet haben, indem er russische Spione identifizierte. Russland warf ihm außerdem vor, Mitglied der islamistischen Terrormiliz „Kaukasisches Emirat“ zu sein.

2009 und 2015 überlebte er knapp zwei Mordanschläge, die Unbekannte auf ihn verübt hatten. Danach nahm er zur Tarnung den Namen Tornike Kavtaradze an und flüchtete mit seiner Frau und seinen Kindern nach Deutschland, wo er Ende 2016 Asyl beantragte mit der Begründung, die russische Regierung wolle ihn ermorden. Sein Antrag wurde abgelehnt, seitdem war er ausreisepflichtig. Die Berliner Polizei soll ihn bis 2018 als islamistischen „Gefährder“ geführt und der tschetschenischen Islamistenszene zugerechnet haben. Als er am 23. August auf dem Weg zum Freitagsgebet in eine Moschee war, traf er auf seinen mutmaßlichen Mörder Vadim K.

Die Passnummer führt zum russischen Innenministerium

Der 49-Jährige wurde bald nach der Tat festgenommen. Die russischen Alias-Personalien in seinem Pass waren auf „Vadim Sokolov“ ausgestellt. Schnell verdichteten sich Hinweise auf einen Auftragsmord  durch einen russischen Geheimdienst. Am 17. August war „Vadim Sokolov“ von Moskau nach Paris geflogen und drei Tage später weiter nach Warschau. Am 22. August verließ er sein Hotel und reiste nach Berlin, wo er am selben Tag eintraf.

Für die Einreise in den Schengen-Raum hatte er einen auf seine Alias-Personalien lautenden Pass benutzt, den ihm die russische Einwanderungsbehörde erst einen Monat zuvor ausgestellt hatte. Recherchen des Spiegel, Bellingcat und The Insider ergaben, dass seine Passnummer Verbindungen zu vom russischen Innenministerium ausgegebenen Reisepässen für Geheimagenten aufwies, auch denen der Attentäter, die 2018 in Großbritannien einen Giftanschlag auf den russischen Ex-Agenten Sergej Skripal verübt hatten. Mit dem Pass und den Alias-Personalien bekam er beim französischen Generalkonsulat in Moskau ein Visum für den Schengen-Raum. Dem Visumsantrag beigefügt war ein Schreiben einer St. Petersburger Firma, die ihm bescheinigte, Bauingenieur zu sein. Tatsächlich handelt es sich laut Bundesanwaltschaft um ein Ein-Mann-Unternehmen mit 1200 Euro Einnahmen pro Jahr. Eine Fax-Nummer der Firma war zwei Firmen des russischen Verteidigungsministeriums zugeordnet.

Der Mord hat die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Russland belastet. Im Dezember wies die Bundesregierung zwei russische Diplomaten aus. Im Gegenzug mussten auch zwei deutsche Diplomaten aus Moskau abreisen.