Spurensicherung untersucht den Tatort.
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BerlinZunächst hatte es nach einem Mord unter gewöhnlichen Kriminellen ausgesehen: Am 23. August wurde ein 40 Jahre alter Georgier im Kleinen Tiergarten in Berlin-Moabit  erschossen. Doch diese Tat sorgt jetzt für eine  schwere diplomatische Krise zwischen Deutschland und Russland. Denn es scheint sich um einen von Russland in Auftrag gegebenen Mord zu handeln.

Die Bundesanwaltschaft hat am Mittwoch den Fall übernommen.
„Es bestehen zureichende tatsächliche Anhaltspunkte dafür, dass die Tötung von Tornike K. entweder im Auftrag von staatlichen Stellen der Russischen Föderation oder solchen der Autonomen Tschetschenischen Republik als Teil der Russischen Föderation erfolgt ist“, teilte die Bundesanwaltschaft mit.

„Im Hinblick auf diesen mutmaßlichen politischen Hintergrund der Tat wurde die Schwelle zum Anfangsverdacht nunmehr überschritten, nachdem sich die neuesten Ermittlungsergebnisse mit den bislang vorliegenden Indizien zu einem Gesamtbild zusammengefügt haben.“

Ausgewiesene Diplomaten sollen Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes sein

Deutschland wies deshalb noch am selben Tag zwei russische Diplomaten aus. „Mit diesem Schritt reagiert die Bundesregierung darauf, dass die russischen Behörden trotz wiederholter hochrangiger und nachdrücklicher Aufforderungen nicht hinreichend bei der Aufklärung des Mordes an Tornike K. im Berliner Tiergarten am 23.08.2019 mitgewirkt haben“, erklärte das Auswärtige Amt am Mittwoch.

Wie der Spiegel berichtet, handelt es sich bei den beiden ausgewiesenen Diplomaten um Mitarbeiter des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Die russische Regierung drohte mit Vergeltung.

Der Georgier war am 23. August unterwegs zum Freitagsgebet, als sich ihm von hinten ein Radfahrer näherte und aus unmittelbarer Nähe zweimal auf ihn schoss. Der 40-Jährige war sofort tot.

Kurz darauf nahmen Polizisten einen Russen fest. Der Pass, den er bei sich hatte, war auf Vadim Sokolow ausgestellt. Tatsächlich heißt der Mann, der in Haft sitzt und schweigt, Vadim K. Schon bald nach der Tat gab es Spekulationen, dass ein russischer Geheimdienst dahinterstecke. Die russische Regierung bestritt jede Verbindung zu dem Mord.

Mit diesem Schritt reagiert die Bundesregierung darauf, dass die russischen Behörden trotz wiederholter hochrangiger und nachdrücklicher Aufforderungen nicht hinreichend bei der Aufklärung mitgewirkt haben. 

Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes zur Ausweisung der beiden Diplomaten

Mutmaßlicher Mörder mit mehreren Identitäten auch in andere Taten verwickelt

Bereits im Juni 2013 soll Vadim K. in Moskau einen ähnlichen Mord begangen haben. Der Täter hatte sich auch in diesem Fall auf einem Fahrrad dem Opfer, einem Geschäftsmann, genähert. Der Attentäter tötete ihn durch  Schüsse in Oberkörper und Kopf. Im Juli 2015 löschte die russische Polizei die Fahndung nach Vadim K. Zwei Monate danach stellten die russischen Behörden ihm einen Pass auf den Alias-Namen Vadim Sokolow aus.

Mit diesen Personalien flog er am 17. August 2019 von Moskau nach Paris. Französische Behörden hatten ihm ein Schengen-Visum ausgestellt. Dem Visumsantrag war eine Arbeitgeberbescheinigung beigefügt. Unterzeichnet hatte sie die St. Petersburger Firma ZAO Rust, die ihm bescheinigte, Bauingenieur zu sein. Tatsächlich handelt es sich laut Bundesanwaltschaft um ein Ein-Mann-Unternehmen mit 1 200 Euro Einnahmen pro Jahr.

Eine Fax-Nummer der Firma war zwei Firmen zugeordnet, die dem russischen Verteidigungsministerium gehören. Nachdem der Tatverdächtige in Paris in die EU eingereist war, checkte er in einem Warschauer Hotel ein. Er verließ es am 22. August. Wo er sich bis zum Mordanschlag aufhielt, ist unklar. Die Ermittler haben auch keine Hinweise darauf, dass sich der Beschuldigte vor dem 22. August in Berlin aufgehalten, das spätere Opfer ausgespäht oder selbst die Tat vor Ort logistisch vorbereitet hatte.

Ermordeter hat im Tschetschenien-Krieg gegen Russland gekämpft

Tornike K. führte zwei Alias-Namen. Unter einem davon, „Zelimkhan Khangoshvili“, wurde er nach dem Mord in den Medien bekannt. Russland hatte ihn als Terroristen eingestuft. Er soll Mitglied der terroristischen Vereinigung „Kaukasisches Emirat“ gewesen sein. In Georgien soll er Kämpfer ausgebildet haben und für deren Schleusung zuständig gewesen sein.

Im Tschetschenien-Krieg hat er nach Angaben georgischer Nichtregierungsorganisationen gegen Russland gekämpft. Er soll eine tschetschenische Miliz kommandiert haben. Im Auftrag der georgischen Regierung soll er 2008 eine  Kampfeinheit zur Verteidigung Südossetiens aufgestellt haben. Bereits 2015 gab es in Georgien einen Mordanschlag. Ein Unbekannter versuchte, ihn zu erschießen. Danach beantragte der Georgier für sich und seine Familie Asyl in Deutschland.

Der Mord weist Parallelen zum Giftanschlag auf den früheren russischen Geheimdienst-Oberst Sergej Skripal 2018 in England auf. Damals hatten mutmaßliche GRU-Agenten ihn und seine Tochter mit einem Nervengift angegriffen. Westliche Länder wiesen daraufhin rund 100 russische Diplomaten aus.