Georgine Krüger ist seit dem 25. September 2006 spurlos verschwunden.
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BerlinGeorgine Krüger hatte offenbar eine Vorahnung. Zwei Wochen vor ihrem spurlosen Verschwinden sagte sie ihrer Mutter, sie habe ein furchtbares Gefühl, dass etwas Schlimmes passieren werde. „Mit mir oder mit euch“, erklärte das 14-jährige Mädchen. Georgines Mutter erzählte davon in der Sendung „XY...ungelöst Spezial: Wo ist mein Kind?“ Das war im Oktober 2018.

An diesem Freitag wird die Vorahnung des Mädchens im Berliner Landgericht gegenwärtig. Das Video der Sendung wird in Wandgröße im Saal 537 gezeigt. In dem Saal wird gegen Ali K., den mutmaßlichen Mörder Georgines, verhandelt. Ermittler kommen in dem Film ebenso zu Wort wie die Geschwister des Mädchens. Es wird klar, dass die Schülerin nicht einfach nur weggelaufen war. Georgine wollte Model oder Schauspielerin werden, am Tag ihres Verschwindens sollte sich ihr Traum erfüllen. Sie wollte bei einer Filmagentur telefonisch eine Rolle bei „Türkisch für Anfänger“ annehmen.

Georgine Krüger verschwand am 25. September 2006 

Das Video macht aber auch deutlich, wie dicht Georgine Krüger an ihrem sicheren Zuhause war. Das Mädchen verschwand am 25. September 2006 spurlos auf einer Distanz von nur 200 Metern. Am helllichten Tage und in einer durchaus belebten Gegend.

200 Meter beträgt die Strecke zwischen der Haltestelle, an der Georgine an jenem Tag gegen 13.50 Uhr aus der Schule kommend aus dem Bus der Linie M27 stieg, und der Wohnung in der Stendaler Straße in Moabit, in der die Oma und Georgines kleine Schwester mit dem Mittagessen warteten. Die Mutter war arbeiten. Es gibt Zeugen, die Georgine aus dem Bus steigen sahen.

Ali K. schaut sich das 28 Minuten dauernde Video über den Vermisstenfall Georgine Krüger aufmerksam an. Er hört, dass die Ermittler nach dem Verschwinden Georgines 272 Gebäude durchsucht, mit jedem Einwohner der Stendaler Straße gesprochen haben. Ali K. lebte mit seiner Familien auch in der Straße – nur wenige Aufgänge von der Wohnung des Mädchens entfernt.

An diesem Freitag hört er Vesna Krüger, Georgines Mutter, reden. Er hört von der Hoffnung, ihre Tochter könne noch leben. Eine Hoffnung, die sie offenbar noch immer hegt. Trotz des Prozesses gegen Ali K., in dem Georgines Mutter Nebenklägerin ist. Trotz der Anklage gegen ihren einstigen Nachbarn – 33 Seiten, auf denen der mutmaßliche Mord an Georgine sehr genau beschrieben wird.

Verdeckte Ermittler entlockten Ali K. ein Geständnis 

Der Mann auf der Anklagebank presst die Lippen zusammen, er lässt bei dem Film keine Regung erkennen. Seit Ende Juli vergangenen Jahres wird gegen ihn vor der Schwurgerichtskammer verhandelt, weil er Georgine missbraucht, ermordet und in einem Teppich gewickelt im Hausmüll entsorgt haben soll. Das Video wird auf Antrag seiner Anwälte gezeigt. Es ist nicht ganz klar, warum. Aber die Verteidiger wollen dazu an einem der nächsten Prozesstage eine Erklärung abgeben.

Zu der Zeit, als die Sendung ausgestrahlt wurde, hatte die Mordkommission den 44-jährigen Ali K. schon längst als Tatverdächtigen im Visier. Drei verdeckte Ermittler der Polizei waren seit Monaten auf den 44-Jährigen angesetzt, hatten sich das Vertrauen des Mannes und seiner Familie erschlichen. Mit Restaurant- und Bordellbesuchen und teuren Geschenken – sowie der Aussicht auf einen gut bezahlten Job. Alles nur, um dem mutmaßlichen Mörder Georgines ein Geständnis zu entlocken. Die Mission der verdeckten Ermittler, die nicht aus Berlin kommen, gelang offenbar.

Zwei Monate nach Ausstrahlung der ZDF-Sendung wurde Ali K., Vater von drei Kindern, festgenommen. Doch er leugnet die Tat. Er sagt, er sei von den verdeckten Ermittlern mit einer „Lockvogelgeschichte“ hereingelegt worden. Es sei ihm, dem ständig klammen Familienvater, lediglich ums Geld gegangen. Denn Kara, so der Alias-Name eines der verdeckten Ermittlers, soll ihm 150.000 Euro geboten haben. Dafür sollte der Angeklagte Karas Freundin spurlos „verschwinden“ lassen, so wie im Fall Georgine. Denn von der Leiche des Mädchens fehlt bis heute jede Spur.

Tatverdächtiger spricht von „Lockvogelgeschichte“

Es ist der 34. Verhandlungstag in diesem Indizienprozess, und eigentlich hatte Peter Faust, der Vorsitzende Richter in dem Verfahren, geplant, bereits am Mittwoch der nächsten Woche ein Urteil zu sprechen. Doch daraus wird nichts. Denn die Anwälte des Angeklagten haben erst in dieser Woche zehn Beweisanträge gestellt.

Darunter auch, die XY-Sendung in der Verhandlung zu zeigen. Und die Frau als Zeugin zu hören, die vor mehr als 13 Jahren, zum Zeitpunkt von Georgines Verschwinden, in einer Kita Erzieherin zweier Kinder des Angeklagten war. Damit wollen die Verteidiger beweisen, dass sich Ali K. zur Tatzeit völlig normal benommen habe. Die Erzieherin, die heute 64 Jahre alt ist, sagt, was nicht anders zu erwarten war: dass die Kinder regelmäßig in die Kita gebracht und wieder abgeholt worden seien.

Ali K. ist ein eher schmächtiger Mann, der sich mit Gelegenheitsjobs und Hartz IV über Wasser hielt. Er lebt seit 1985 in Moabit. Nach Georgines Verschwinden war er von Ermittlern als Zeuge befragt worden, hatte jedoch angegeben, das Mädchen nie gesehen zu haben. 2013 wurde er wegen sexueller Nötigung einer Jugendlichen verurteilt. Ali K. hatte ein 15-jähriges Mädchen in seinen Keller gelockt und versucht, es sexuell zu missbrauchen. Die Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Von Georgines Leiche fehlt bis heute jede Spur

Vier Jahre später erhärteten sich die Verdachtsmomente, dass Ali K. etwas mit Georgines Verschwinden zu tun haben könnte. Die Handyauswertung hatte ergeben, dass das Telefon des Angeklagten zur Tatzeit in derselben Funkzelle eingeloggt war wie Georgines Handy. Die Fahnder sind sich sicher, dass der angeklagte Nachbar das Mädchen am 25. September 2006 abgefangen hat. Ali K. soll die Schülerin gefragt haben, ob sie ihm helfen könne, schwere Tüten in seinen Keller zu tragen.

Im Keller soll der Angeklagte das Mädchen mit einem Metallgegenstand völlig überraschend niedergeschlagen, es vergewaltigt und anschließend – aus Angst vor einer Strafanzeige – erwürgt   haben. So hatte er es wohl Kara, einem der auf ihn angesetzten Ermittler, erzählt.

Mehr als 60 Zeugen haben bisher in dem Prozess gegen Ali K. ausgesagt. Am nächsten Verhandlungstag soll ein Polizeibeamter dazu Stellung nehmen, wie nach Georgines Verschwinden Leichenspürhunde eingesetzt wurden – und ob sie auch im Keller des Angeklagten herumgeschnüffelt haben. Auch damit kommt die Kammer einem Beweisantrag der Verteidiger von Ali K. nach. Über weitere Anträge muss die Kammer noch entscheiden.

Vorsitzender Richter setzt zwei neue Verhandlungstage an

Auch am kommenden Mittwoch wird es wohl noch kein Plädoyer der Staatsanwaltschaft geben. Dafür hat der Vorsitzende Richter, der Ende des Monats in den Ruhestand geht und für den eine Ergänzungsrichterin den Prozess verfolgt, zwei weitere Verhandlungstage festgelegt: den 16. und den 22. Januar.

Klar ist auch, dass bei einem Urteil die bei Ali K. offenbar sichergestellten und mitangeklagten kinderpornografischen Dateien keine Rolle mehr spielen werden. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurde dieser Anklagepunkt vorläufig eingestellt. Weil er bei der zu erwartenden Strafe nicht ins Gewicht falle, begründet der Vorsitzende Richter die Entscheidung.

Bei einer Verurteilung wegen Mordes muss Ali K. mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe rechnen.