Zwei Minuten kann die Öffentlichkeit an diesem Dienstagmorgen den angeklagten Edgar H. hinter dem Panzerglas sehen. Und das auch nur, weil eine Hilfsschöffin für den Mordprozess im Saal B 218 im Landgericht in Moabit vereidigt werden muss. Denn eigentlich muss das Verfahren um den gewaltsamen Tod der 14-jährigen Keira G. vor einer Jugendstrafkammer nach dem Gesetz hinter verschlossenen Türen stattfinden. Weil Edgar H., Keiras Mitschüler, erst 15 Jahre alt ist. Das Interesse an diesem Verfahren ist trotzdem riesig. Der Fall hatte vor einem halben Jahr deutschlandweit für Aufsehen gesorgt.

Mutter von Keira fixiert den Angeklagten die ganze Zeit

Edgar H. trägt an diesem ersten Verhandlungstag ein graues Kapuzenshirt mit grüner Adidas-Aufschrift zu den blauen Jeans und den blauen Turnschuhen mit den drei Streifen. Die Kapuze hat er sich über den Kopf gezogen, vor sein Gesicht hält sich der Jugendliche ein Blatt graues Papier. Er steht zur Vereidigung der Schöffin nur drei Meter entfernt von Karin G., Keiras Mutter, die ihren Platz gegenüber dem Angeklagten hat und Nebenklägerin ist in diesem Prozess. Die 41-Jährige macht einen gefassten Eindruck, sie fixiert den Angeklagten die ganze Zeit. Es ist das erste Mal, dass sie den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter sieht.

Plante Edgar H. den Mord an Keira?

Dann müssen die Journalisten und Zuschauer auch schon wieder den Saal verlassen. Noch bevor die Anklage verlesen wird. Doch auch ohne die Vorwürfe zu hören, ist bereits einiges bekannt.

Keira G. und Edgar E. sollen sich für den 7. März verabredet haben, um gemeinsam Hausaufgaben zu machen. In Keiras elterlichen Wohnung in Hohenschönhausen. Eine Freundin soll Keira noch mitgeteilt haben, dass Edgar komme. Der 15-Jährige soll den Tod Keiras bereits Tage zuvor geplant und zu der Verabredung Schutzbekleidung mitgebracht haben, um das Mädchen „tatplangemäß mit einer Vielzahl von Messerstichen“ zu töten, teilte die Staatsanwaltschaft mit, als sie Anklage erhob.

Heimtücke, niedrige Beweggründe und Mordlust

Mord lautet der Vorwurf gegen den Neuntklässler, der wie Keira das Grüne Campus Malchow besuchte. Die Staatsanwaltschaft hat drei Mordmerkmale in die Anklage geschrieben: Heimtücke, niedrige Beweggründe und Mordlust.

Edgar H. soll seine Mitschülerin, die in die achte Klasse ging, mit einem Küchenmesser attackiert haben. 24 Mal habe er teilweise wuchtig und tief auf Oberkörper, Hals und Rücken des Mädchens eingestochen. Drei Messerstiche hätten allein zum Tod der Schülerin geführt: der Stich ins Herz, der Stich in die Lunge, der Stich in den Hals, der beide Venen verletzte.

Keiras Mutter fand ihre Tochter im Wohnzimmer

Karin G. hatte ihre Tochter damals blutüberströmt im Wohnzimmer der Wohnung gefunden, als sie von ihrer Arbeit in einem Immobilienbüro nach Hause gekommen war. Eine Stunde lang bemühten sich Ärzte und Rettungssanitäter, das Mädchen zu reanimieren. Erfolglos. Vier Tage nach der Tat wurde Edgar H. als mutmaßlicher Täter bei seinen Eltern festgenommen. Er soll dabei nur kurz die Tat gestanden und erklärt haben, dass Keira den Tod gewollt habe. Seitdem sitzt der Jugendliche in Untersuchungshaft und schweigt.

Edgar H. schweigt im Prozess

Wie auch im Prozess. Edgar H., der offenbar vor der Verlesung der Anklageschrift die Panzerglaskanzel verlassen und sich zwischen seine beiden Anwälte setzen durfte, soll von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht haben. „Nach der Anklage gehe ich davon aus, dass der Angeklagte der Täter ist“, sagt Roland Weber, der Anwalt von Keiras Mutter, in einer Prozesspause. Die Kernfragen seien nun, was Edgar H. motiviert habe und ob der Jugendliche überhaupt schuldfähig sei. Für eine Tötung auf Verlangen sieht Weber keinerlei Anhaltspunkte. Keira G. war ein lebenslustiges Mädchen, sie war beliegt und ein Eisschnelllauftalent, in der Sportart Berliner Meisterin in ihrer Alterklasse.

Den Mut seiner Mandantin, jeden Prozesstag im Gericht zu erscheinen, nennt Weber bewundernswert. „Es ist ein Zeichen von Stärke“, erklärt er. Karin G. wolle genau wissen, was damals in ihrer Wohnung passiert sei. Was den jungen Mann dazu getrieben habe, ihre Tochter zu töten.

Edgar H. entschuldigte sich nicht bei Keiras Mutter

Der Angeklagte verfolge die Verhandlung laut Weber mehr oder minder regungslos. „Er sitzt eben da“, sagt der Anwalt. Edgar H. habe sich auch mit keinem Wort bei Keiras Mutter entschuldigt. Nach Webers Worten sei die Verhandlung ein außergewöhnlicher Prozess. Dass Jugendliche töten, sei höchst selten und die absolute Ausnahme. Auch der Vorwurf der Mordlust sei höchst ungewöhnlich. Es bedeutet, dass jemand aus Freude daran, ein anderes Leben zu vernichten, getötet habe. „Mordlust kommt in der Praxis so gut wie nie vor“, sagt Weber. In den zwölf Verhandlungstagen müsse geklärt werden, ob das Mordmerkmal auch auf Edgar H. zutreffe.

Laut Weber kämen sowohl der Angeklagte als auch Keira G. aus „ganz normalen, geordneten Verhältnissen“. Und zur Schwärmerei von Keira für den älteren Jungen sagte Weber: „Wir wissen nicht, ob das tatsächlich so war.“ Zahlreiche Mitschüler sollen dazu in dem Prozess gehört werden.
Weber konnte eines jedoch bestätigen. Keira hatte ein Foto des Angeklagten in ihrem Kinderzimmer.