Mord an Reporter de Vries: Neue DNA-Spuren an der Tatwaffe

In den Niederlanden wird das Verfahren um den Mord an TV-Fahnder Peter R. de Vries neu verhandelt. Die Justiz hat weitere Verdächtige ausgemacht.

Royce de Vries und seine Schwester Kelly de Vries, Kinder es ermordeten Journalisten, verfolgen den Prozess. 
Royce de Vries und seine Schwester Kelly de Vries, Kinder es ermordeten Journalisten, verfolgen den Prozess. AFP/ANP/Eva Plevier

Auf den ersten Blick war alles wie immer zu Jahresbeginn im Gerichtssaal von Amsterdam. In der ersten Reihe saßen Royce und Kelly de Vries, die Kinder des ermordeten niederländischen Polizeireporters Peter R. de Vries. Ihr Vater war vor zwei Jahren in Amsterdam auf offener Straße ermordet worden. Nun müssen sich vier weitere Verdächtige für die Tat verantworten. Die Ermittler fanden neue Genspuren auf der Tatwaffe.

Insgesamt stehen nun sechs Angeklagte vor Gericht, alle um die 30 Jahre alt. Alle mit Verbindungen zum Amsterdamer Drogenhandel. Der Prozess gegen Delano G. und Kamil E. wurde im Juni vergangenen Jahres eröffnet. G. soll die tödlichen Schüsse auf de Vries abgegeben haben, E. saß im Fluchtauto, als die Polizei die beiden Verdächtigen kurz nach der Tat auf dem Weg nach Rotterdam stellte. Gegen beide hatte die Staatsanwaltschaft lebenslange Haft beantragt. Doch wurde der Prozess im vergangenen Juli ausgesetzt. Bei der Polizei hatte sich überraschend ein neuer Zeuge gemeldet.

Der Kronzeuge mit dem Codenamen „Eddy“ war aus dem Kriminellenmilieu ausgestiegen. Er belastete einen Mann namens „Onkel“ als Drahtzieher für den Mord. Für die Polizei war schnell klar, wer sich hinter dem Namen verbirgt: Ridouan Taghi, graue Eminenz des Amsterdamer Drogenhandels, der sich in einem anderen Verfahren vor Gericht verantworten muss – auch wegen Auftragsmords.

„Eddys“ Aussagen führten bald zu weiteren Verdächtigen. Konrad W. wurde im vergangenen Oktober von Polen an die Niederlande ausgeliefert. Auf Tatwaffe und Magazin fanden die Ermittler DNA-Spuren des Angeklagten. Auch im Fluchtwagen sicherten die Fahnder Genspuren: auf einer Getränkedose, einer Croissant-Verpackung und einer Mundschutzmaske. Konrad W.  wird Beihilfe zum Mord zur Last gelegt. Zwei weitere Verdächtige, Erickson O. und Gerower M., sollen den niedergeschossenen de Vries mit einem Mobiltelefon gefilmt und die Bilder im Internet verbreitet haben. Ein vierter Mann, Krystian M., war nach Ansicht der Staatsanwaltschaft ebenfalls an der Tatvorbereitung beteiligt.

Alle sechs Angeklagten schwiegen in einer ersten Anhörung Ende vergangener Woche vor Gericht. Auch sonst gestaltet sich der 2+4-Prozess trotz vieler Indizien schwierig. Der Vorsitzende Richter im ersten Verfahren gegen die Hauptverdächtigen Delano G. und Kamil E. hat das Land verlassen. Die Verwaltung prüft, ob die Verhandlung deshalb komplett neu aufgerollt werden muss. Eine Belastungsprobe für die niederländische Justiz und das politische System des Landes.

Spekulationen über Entführung Ruttes

Auch sonst sorgt das Verfahren in den Medien für immer neue Spekulationen. Die Nachrichtenseite nu.nl berichtete in der Vorwoche exklusiv aus Vernehmungsprotokollen von Kronzeuge „Eddy“. Demnach gab es Überlegungen, unmittelbar nach dem Anschlag auf TV-Fahnder Peter R. de Vries den niederländischen Regierungschef Mark Rutte zu entführen. Die Regierung mochte sich zu dem Bericht nicht äußern, doch wurden kurz nach dem Mord an de Vries im Juli 2021 die Sicherheitsvorkehrungen für Rutte verstärkt.

Die Niederlande gelten ebenso wie Belgien als europäischer Großumschlagplatz für Drogen. Im Hafen von Rotterdam wurden am Wochenende 4,7 Tonnen Kokain sichergestellt. Nicht ungewöhnlich. Auch in dieser Menge. Im belgischen Nachbarhafen von Antwerpen spürten die Fahnder allein im Jahr 2021 Drogen im Wert von rund 13 Milliarden Euro auf. Der belgische Justizminister Vincent Van Quickenborne hält sich derzeit an einem geheimen Ort auf, nachdem Fahnder vor seinem Wohnhaus in Antwerpen einen Wagen mit Waffen aufgespürt hatten. Nach ersten Erkenntnissen sollte der Minister entführt werden. In einem Interview ließ Van Quickenborne zuletzt wissen: „Es geht nicht um mich. Es geht um die Sicherheit der Gesellschaft, um unsere Demokratie.“