„Wenn ich recht habe, dann haben die wahren Täter erfolgreich ein Verwirrspiel aufgezogen und die Polizei auf eine falsche Fährte gelockt.“, sagt Benjamin Lutzen, verurteilt zu lebenslangen Haft.
Foto: BLZ/T. SCHROEDER

BelrinBenjamin Lutzen schaut auf seine Uhr. Eine Stunde Zeit hat er noch, dann muss er wieder zurück in die Justizvollzugsanstalt. Als Freigänger darf er sich seit April letzten Jahres 16 Stunden am Tag außerhalb des Gefängnisses aufhalten. In diesen Stunden der Freiheit arbeitet er in einem Ingenieurbüro und besucht seine Familie, bei der er ab und zu auch übernachten kann. Aber immer wieder muss er dann zurückkehren in seine Gefängniszelle. Vor fast zehn Jahren, im Februar 2010, war Benjamin Lutzen, der eigentlich anders heißt, nach 14-monatiger Untersuchungshaft zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Wegen Anstiftung zum Mord. „Ein Fehlurteil“, sagt Lutzen. „Denn ich bin unschuldig.“

Am 3. November 2008 wurde auf der Berliner Fischerinsel ein Berliner Immobilienmakler erschossen. Die Tat machte bundesweit Schlagzeilen, glich sie doch einer Hinrichtung: Zwei Schüsse hatten das 59-jährige Opfer im Rücken und im Kopf getroffen. Von einem Mafia-Mord war anfangs die Rede, wegen der schillernden Vergangenheit des Opfers. Doch dann wurden Lutzen und sein ehemaliger Geschäftspartner Torsten L. festgenommen.

Sie sollen – so heißt es in ihrem Urteil – einen gewissen M. mit der Ermordung beauftragt haben, weil der Immobilienmakler ihren Geschäften im Weg stand. M., ein ehemaliger Fremdenlegionär, wurde auf seiner Flucht in Indien geschnappt und Ende 2011 an Deutschland ausgeliefert. Ein gutes Jahr später verurteilte das Berliner Landgericht auch ihn – wie drei Jahre zuvor schon seine vermeintlichen Auftraggeber Lutzen und Torsten L. – zu einer lebenslangen Haftstrafe.

Alle Angeklagten streiten die Tat ab

Für Polizei und Justiz ist der Fall gelöst, die Akten sind seit langem geschlossen. Doch die drei Angeklagten streiten bis heute eine Beteiligung an dem Mord ab. Gibt es vielleicht eine ganz andere Wahrheit? Sind die tatsächlichen Täter etwa ungestraft davongekommen? Die Düsseldorfer Rechtsanwältin Viktoria Reeb hält das für möglich. Sie hat jetzt im Auftrag von Benjamin Lutzen beim Berliner Landgericht einen Antrag auf Wiederaufnahme des damaligen Verfahrens eingereicht. Begründet wird der Antrag damit, dass die Polizei entscheidende, die Angeklagten möglicherweise sogar entlastende Beweismittel dem Gericht vorenthalten habe. „Es liegen neue objektive Beweismittel vor, welche die Beweisführung des erkennenden Gerichts grundlegend erschüttern“, sagt Anwältin Reeb.

Ihr 73 Seiten umfassender Schriftsatz, der in dieser Woche beim Gericht einging, listet eine Reihe neuer Tatsachen auf, die Rückschlüsse auf einen anderen Täterkreis liefern könnten. Diese neuen Fakten rücken zudem zwei Männer aus dem Rotlichtmilieu in den Fokus, die im Prozess noch als Zeugen gegen die Angeklagten auftraten. So sagten sie etwa vor Gericht aus, der als Mörder verurteilte M. habe ihnen gegenüber die Tat gestanden sowie Lutzen und Torsten L. als seine Auftraggeber benannt. Einer der beiden will M. zudem mehrfach auf die Fischerinsel begleitet haben, als der die Örtlichkeiten und Gewohnheiten des späteren Opfers ausbaldowerte. Der Zeuge sagte auch aus, M. bei einem ersten fehlgeschlagenen Anschlagsversuch mit einer Armbrust Anfang Oktober 2008 sowie am Tattag zum Tatort gefahren zu haben.

„Ich bin inzwischen überzeugt davon, dass diese beiden Zeugen unmittelbar verwickelt waren in den Mord“, sagt hingegen Benjamin Lutzen. „Wenn ich recht habe, dann haben die wahren Täter erfolgreich ein Verwirrspiel aufgezogen und die Polizei auf eine falsche Fährte gelockt.“ Lutzen ist auch sicher, dass mindestens einer der beiden Zeugen ein Polizeiinformant gewesen ist. Dessen bereits seit längerem bestehende Kontakte zur Polizei seien seiner Auffassung nach in den Protokollen jedoch verheimlicht worden. „Auf jeden Fall scheint mir, dass sich die Ermittler in eine bestimmte Richtung haben lenken lassen und alle Indizien, die gegen unsere Tatbeteiligung sprachen, ignorierten“, vermutet Lutzen. Er sagt: „Ich kann jetzt nachweisen, dass zu diesem Zweck auch Vernehmungsprotokolle und Beweismittel verfälscht worden sind.“

Es ist ein ungeheurer Vorwurf, den der großgewachsene und trotz seiner 42 Jahre immer noch jugendlich wirkende Mann mit ruhiger und ernster Stimme ausspricht. Sollte ihn das Vorgehen von Polizei und Justiz wütend machen, so lässt er sich zumindest nichts anmerken. Lutzen hat sich im Griff, auch wenn seine Erkenntnisse – sollten sie sich bewahrheiten – eine erschütternde Konsequenz hätten: Fast zwölf Jahre seines Lebens hätte er dann unschuldig hinter Gittern verbracht.

Fall neu aufrollen

Dann fängt Lutzen an zu erzählen, wie es dazu kam, dass er seinen Fall noch einmal aufzurollen begann. Anlass sei sein erstes Zusammentreffen mit dem angeblichen Mörder des Immobilienmaklers gewesen, dem ihm bis dahin völlig unbekannten M., erinnert er sich. „Er war 2014, als sein Urteil Rechtskraft erlangte, in die JVA Tegel verlegt worden und bezog eine Zelle, die meiner gegenüber lag“, erzählt er. „Wir haben uns dann oft unterhalten, und in diesen Gesprächen schilderte M. mir das Geschehen rund um die Ermordung ganz anders, als es das Gericht in seinem Urteil festgestellt hatte. Ich glaubte ihm, denn warum sollte er mich jetzt noch belügen?“

Lutzen beantragte daraufhin die Einsicht in alle Ermittlungsakten seines eigenen Falls. Dabei kam ihm entgegen, dass er in der Haftanstalt ein Jura-Studium begonnen hatte und deshalb Laptop und Drucker in seiner Zelle benutzen konnte. Es dauerte aber noch einige Zeit, bis Anfang 2017 die Akten endlich bei ihm eintrafen. „Ich machte mich an die Arbeit und ging akribisch die Unterlagen durch, insbesondere die Aussagen der Hauptbelastungszeugen“, erzählt er. „Parallel dazu analysierte ich eine Daten-CD, auf der sämtliche Handyverbindungen und Koordinaten der Nutzer vor und nach dem Tattag gespeichert sind. Ich wollte herausfinden, ob die Zeugenaussagen durch die Telefondaten bestätigt werden. Und siehe da: Es gab erhebliche Widersprüche.“

Der Datenträger mit den Telefonverbindungen hatte natürlich auch der Polizei vorgelegen. Doch die mit der Telefon-CD befasste Beamtin räumte vor Gericht ein, dass der Datenbestand von ihr nur auszugsweise ausgewertet worden sei. Dem Gericht genügte das – ein Antrag des Mitangeklagten Torsten L., ihm die auf einer CD gespeicherten Telefondaten in lesbarer und aufbereiteter Form vorzulegen, wiesen die Richter in der Verhandlung zurück. „Anhaltspunkte dafür, dass die jetzt beantragte Auswertung des Datenbestandes weitere Erkenntnisse bringen könnte, sind nicht ersichtlich“, wurde die Entscheidung begründet. Eine „fatale Fehleinschätzung“, nennt das Anwältin Reeb im Wiederaufnahmeantrag, der sich vor allem auf die von Lutzen aus der Telefon-CD herausgearbeiteten neuen Fakten stützt.

Eine halbe Million Datensätze

Was für ein gewaltiger Aufwand hinter seiner Recherche steckte, schildert Lutzen eindringlich. Zunächst durchsuchte er die insgesamt 542 251 Datensätze auf der CD nach den von den Hauptbelastungszeugen benutzten Handynummern. Dann ordnete er diese Verbindungen und fragte über Google Maps jede einzelne in den Datensätzen angegebene Ortskoordinate ab, die den Standort des jeweiligen Telefonierenden deutlich exakter angibt als eine Funkzellenzuordnung. „Ich druckte die Übersichten auf A4-Blättern aus, die ich zusammenklebte und mit denen ich meine Zelle tapezierte“, sagt Lutzen. „So erarbeitete ich Bewegungsprofile der Zeugen, die mit ihren eigenen Aussagen bei den Ermittlern nicht übereinstimmten. Und ich stieß auf Zusammenhänge und Personenverbindungen, die zu der vom Gericht in seinem Urteil angenommenen Tatversion nicht passten.“

In einem weiteren Schritt transformierte Lutzen die Datensätze von der CD, die je nach Telefonbetreiber unterschiedlich strukturiert sind, in einem aufwendigen Bearbeitungsprozess in ein digitales Einheitsformat, um sie in Excel-Tabellen lesbar und auswertbar zu machen. In diesen Tabellen lassen sich nun fast jeder Kommunikationsverbindung die Standorte der Teilnehmer bis auf den Straßennamen genau zuordnen. Da aus den übrigen Ermittlungsunterlagen die Telefonnummern sämtlicher Telefone, die von Tatbeteiligten und Zeugen benutzt wurden, hervorgehen, lässt sich mit dem aufbereiteten Material nun genau analysieren, wer von ihnen wann, wo und mit wem telefoniert oder Kurznachrichten ausgetauscht hat.

Recherchen widerlegen angeblich Hauptbelastungszeugen

Die Ergebnisse von Lutzens akribischer Recherche, die ihn fast ein Jahr lang Tag und Nacht in seiner Zelle der JVA Tegel beschäftigte, widerlegen seiner Meinung nach in wesentlichen Punkten die Aussagen der Hauptbelastungszeugen.

So soll sich etwa zeigen, dass keine der vom angeblichen Mörder M. genutzten Handynummern am Tattag und zur Tatzeit in der Nähe der Fischerinsel eingeloggt war. Auch die von einem der Kronzeugen getätigte Aussage, er habe im September und Oktober mehrmals gemeinsam mit M. den späteren Tatort ausgekundschaftet, lasse sich durch die Datenauswertung nicht bestätigen, so Lutzen. Zwar wählte sich M.s Handy an insgesamt 14 Tagen in diesem Zeitraum in Funkzellen an der Fischerinsel ein; zu keinem Zeitpunkt war aber zeitgleich auch das Handy des Zeugen vor Ort, obgleich er angab, sie hätten an diesen Tagen dort miteinander telefoniert.

Damit gibt es auch keinen Beweis für die Angaben des Zeugen, er habe M. zu dem ersten fehlgeschlagenen Anschlag mit der Armbrust Anfang Oktober und am Tattag einen Monat später zur Fischerinsel gefahren. Die Zeugenaussagen über den angeblichen Kauf der Tatwaffe durch M. und Schießversuche in einem Waldstück nahe dem Kontrollpunkt Dreilinden im Beisein des Waffenhändlers sind ebenfalls durch die Verbindungsdaten nicht gedeckt.

Veränderte Telefonnummer?

Dafür stieß Lutzen bei seiner Auswertung der von der Polizei gesicherten Telefondaten, die zur Tatzeit am 3. November 2008 an der Fischerinsel erfasst worden waren, auf zwei tschechische Handynummern, die zur Tatzeit in Tatortnähe eingeloggt waren. Unmittelbar nach den tödlichen Schüssen telefonierten beide Nutzer miteinander. Eine Viertelstunde später wurde von einer der beiden Nummern eine dritte tschechische Handynummern angewählt. Und von dieser Nummer ging knapp vier Wochen später ein Anruf auf das Handy des Hauptbelastungszeugen. Ein Zufall? Oder kamen die wahren Mörder aus Tschechien und standen in Kontakt mit den beiden Zeugen, die später die Polizei auf die Spur der drei Verurteilten brachten?

Den Spuren nach Tschechien ist nie nachgegangen worden. Selbst als Lutzen sich Ende 2017 aus dem Gefängnis heraus mit den neuen Erkenntnissen über die Tschechien-Spur an die Kripo, die Staatsanwaltschaft und sogar den Generalstaatsanwalt wandte, passierte nichts. „Mehr Ignoranz geht nicht“, sagt er ernüchtert. „Sie wollen den Fall offenbar nicht wieder aufmachen, weil sie Angst haben, es könnte auffliegen, wie die Polizei damals Ermittlungsunterlagen manipuliert hat.“

Denn durch Zufall war Lutzen beim Abgleich mit einer ausgedruckten Telefonliste des Opfers auch darauf gestoßen, dass eine bestimmte Nummer auf der Telefondaten-CD offenbar nachträglich verändert worden ist. „Ich hatte den Ausdruck einer Liste der Gespräche des Opfers am Tattag. Darin ist gegen Mittag der Anruf von einer Nummer des Landeskriminalamtes vermerkt“, erklärt er. „In einem Vermerk in den Ermittlungsakten wird dieser Anruf sogar bestätigt – es ging dabei um eine kurze polizeiliche Nachfrage an den Immobilienmakler in einer anderen Angelegenheit. Auf der Telefondaten-CD ist dieser Anruf vom Mittag des 3. November 2008 auch gespeichert – allerdings steht dort eine andere unbekannte Nummer, unter der niemand zu erreichen ist und die nichts mit dem LKA zu tun hat.“

Lutzen hofft auf Gerechtigkeit 

Lutzen sagt, er habe diese Nummer auf der CD noch mehrfach wiedergefunden. Unter anderem auch bei einem Anruf, der einen der beiden Zeugen erreichte – und zwar Tage bevor dieser angeblich erstmals bei der Polizei vorstellig geworden ist. Dieser Zeuge kassierte übrigens später die von einem Geschäftspartner des Opfers ausgelobte Belohnung für die Überführung der vermeintlichen Täter in Höhe von 100 000 Euro.

Lutzen sagt, er sei hoffnungsvoll, dass ihm doch noch Gerechtigkeit widerfahren könnte nach so langer Zeit und sein Urteil aufgehoben werde. Und dass er stolz darauf sei, mit seinen akribischen Recherchen so viel herausgefunden zu haben. „Wer von den Ermittlern rechnet schon damit, dass einer so hartnäckig die Akten durchforscht und eine halbe Million Datensätze analysiert, um ihre Fehler nachzuweisen“, sagt der 42-Jährige. Ob sein Wiederaufnahmeantrag aber erfolgreich sein wird, die Ermittler den Fall neu aufrollen und möglicherweise weitere oder ganz andere Täter finden werden, bleibt abzuwarten. In Deutschland sind die Hürden für ein erfolgreiches Wiederaufnahmeverfahren sehr hoch.