Berlin - Grazyna L. kann sich noch genau an dieses Lächeln im Gesicht des Angeklagten erinnern. Dieses Grinsen, als Wolfgang L. seiner 40-jährigen Ehefrau Dorota mit einer Hand den Kopf im Gartenteich unter Wasser drückte. Und dabei, fast triumphierend, zu Grazyna L. und der elf Jahre alten Tochter schaute, die schreiend an der Terrassentür standen. „Es schien, als hätte ihm die Tat Freude bereitet“, sagt Grazyna L. Die Frau im Wasser wehrte sich nicht mehr. Vermutlich war sie schon zu schwach, hatte zu viel Blut verloren durch die Messerstiche, die der Ehemann ihr zugefügt hatte.

Grazyna L. ist 58 Jahre alt. Sie ist die Tante von Dorota L., um deren gewaltsamen Tod es an diesem Montag vor dem Potsdamer Landgericht geht. Grazyna L. hat den mutmaßlichen Mord an ihrer Nichte miterlebt. Sie ist Zeugin der Tat, ebenso wie die beiden Kinder von Dorota und Wolfgang L.

Es ist der fünfte Verhandlungstag in diesem Verfahren, in dem sich Wolfgang L. wegen Mordes an seiner Ehefrau verantworten muss. Einer Tat, von dem die Staatsanwaltschaft sagt, der Angeklagte habe seine Frau heimtückisch und aus niederen Beweggründen umgebracht. Und von der der Angeklagte behauptet, es sei Notwehr gewesen. Seine Frau habe ihn über Jahre ausgenommen und versucht, ihn zu vergiften. Wie man eine fliehende Frau aus Notwehr töten kann, diese Antwort blieb der Angeklagte bisher schuldig. 

Dem Sohn mit einer Waffe ins Gesicht geschossen 

Dorota L. war im April vorigen Jahres mit ihren beiden Kindern, damals elf und 14 Jahre alt, aus dem gemeinsamen Haus geflohen und in einer Ferienwohnung im Werderaner Ortsteil Glindow (Potsdam-Mittelmark) untergekommen. Nach 24 Jahren Ehe hatte sie einen anderen Mann kennengelernt und wollte sich von Wolfgang L. trennen. Dieser hatte daraufhin gedroht, er werde sie, die Kinder und sich selbst erschießen.

Am Abend des 11. Mai 2020 soll der Angeklagte seine Drohungen in die Tat umgesetzt haben. Er suchte seine Frau in der Glindower Ferienwohnung auf, um ihr angeblich fehlende Unterlagen für das Corona-Soforthilfeprogramm zu bringen. Dorota L. hatte eine eigene Reinigungsfirma. Doch statt mit ihr die Dokumente durchzugehen, soll er geplant haben, seine Frau zu töten.

Während die gemeinsamen Kinder in der Küche aßen, soll Wolfgang L. seine Ehefrau im Schlafzimmer mit einer Schreckschusswaffe oder einem Messer bedroht haben. Dorota L. kannte ihren gewalttätigen Mann, sie floh durch die Terrassentür in den Garten, rutschte aus und fiel in den Gartenteich - wo sie den Kampf um ihr Leben verlor. Wolfgang L. soll mehrfach mit dem Messer auf sie eingestochen, dem Sohn, der seine Mutter retten wollte, mit der Schreckschusswaffe ins Gesicht geschossen und anschließend den Kopf seiner schwerverletzten Ehefrau minutenlang unter Wasser gedrückt haben. Dorota L. hatte keine Chance.

Sie hatte schon eine Wohnung für ihr neues Leben gesucht

„Ich war von Anfang an gegen dieses Treffen“, sagt Grazyna L. nun als Zeugin. Sie hat lange Zeit bei ihrer Nichte gewohnt. Wolfgang L. habe die Trennung nicht akzeptiert. Sie nennt den Angeklagten einen Diktator, der keinen Widerspruch und keine andere Meinung geduldet habe. Wenn es nicht nach seinem Willen gegangen sei, habe Wolfgang L. getobt.

„Dorota hatte oft Angst vor ihm“, sagt die Tante der Getöteten. Ihre Nichte sei unglücklich gewesen. „Ich weiß, dass er sie auch geschlagen hat.“ Und als Dorota ihm eröffnet habe, sich trennen zu wollen, da habe Wolfgang L. geschrien: „Wenn du nicht bei mir bleibst, wirst du auch keinem anderen gehören.“ Grazyna L. ist immer wieder den Tränen nahe.

Der Mann, mit dem Dorota L. und ihre Kinder ein neues Leben anfangen wollte, ist Dennis D. Er habe sie in der Spielbank kennengelernt, wo er arbeite, erzählt er leise. Auch er wird als Zeuge gehört. Sie habe immer traurig gewirkt, auf Avancen der Angestellten nicht reagiert. Bis er sie einmal zu einem Kaffee eingeladen habe. Im Dezember 2019 trafen sie sich das erste Mal. „Dorota war eine freundliche, fröhliche, verrückte und liebevolle Frau“, erzählt der 46-Jährige. „Sie wollte von ihrem Mann weg, mit den Kindern nach Polen ziehen.“ Zuletzt hätten sie gemeinsam eine Wohnung gesucht.

Erste Frau bekam Schläge auf offener Straße

Auch Elvira W. wird an diesem Tag als Zeugin gehört. Sie ist die erste Frau von Wolfgang L., sie nennt ihn einen Blender. Im Mai 1977 kam ihre gemeinsame Tochter zur Welt, im Oktober heirateten sie. Dann seien die tätlichen und auch sexuellen Übergriffe losgegangen, erzählt sie. Als sie Wolfgang L. nach zwei Jahren eröffnet habe, sich trennen zu wollen, habe er ihr auf dem Heimweg von der Arbeit aufgelauert, sie geschlagen. Einer fremden Frau, die eingreifen wollte, habe er gesagt: „Es ist meine Frau, mit der kann ich machen, was ich will.“ 

Wolfgang L., der den Zeugen im Prozess immer wieder abwegige Fragen stellt, winkt bei Elvira W. nur ab. Diese Frau erzähle Märchen, behauptet er. Am nächsten Prozesstag soll die mittlerweile zwölfjährige Tochter des Angeklagten aussagen.