BerlinDas Blut ist überall auf den Fotos zu sehen. Neben dem Kopf des Toten, neben seinem Oberkörper, auf denen noch die Spuren der Reanimationsversuche durch die Rettungskräfte zu sehen sind. 26 Fotos werden an diesem Mittwoch im Schwurgerichtssaal 700 des Kriminalgerichts in Moabit auf einem großen Bildschirm gezeigt. Auf einigen sind Patronenhülsen zu sehen, auf anderen die Dokumente, die der Tote bei sich trug: eine Fahrkarte Berlin-Amsterdam, eine Reservierungsbestätigung für ein Berliner Hotel.

Die Bilder zeugen von dem gewaltsamen Tod eines 40-jährigen Georgiers tschetschenischer Abstammung. Es sind Fotos aus der Tatortmappe. „Keine schönen Bilder. Das sage ich für alle, die solche Bilder nicht gewohnt sind“, hatte Olaf Arnoldi, der Vorsitzende Richter des Staatsschutzsenats des Berliner Kammergerichts, gesagt, bevor der Bildschirm angeschaltet wurde.

Der 40-jährige Mann wurde am 23. August 2019 im Kleinen Tiergarten mit drei Schüssen in den Oberkörper und den Kopf regelrecht hingerichtet – am helllichten Tage und unter den Augen zahlreicher Zeugen. Angeklagt ist Vadim K., so nennt ihn die Bundesanwaltschaft in ihrer Anklage. Sie geht davon aus, dass Vadim K. den Mord im Auftrag staatlicher russischer Stellen begangen haben soll. Denn der getötete Mann sei ein Feind Russlands gewesen, so die Anklagevertreter. Russische Behörden hatten ihn als Terroristen eingestuft. Der Mord belastet die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland.

Es ist der siebente Verhandlungstag, an dem die Fotos gezeigt werden und ein 33-jähriger Polizeibeamter als Zeuge gehört wird. Er war damals zum Kleinen Tiergarten gerufen worden und hatte Zeugen befragt, die den Täter gesehen hatten, die beschreiben konnten, wie der Mann nach den gedämpften Knallgeräuschen eine Waffe in seine Tasche steckte und auf seinem Fahrrad zügig davonradelte.

Eine Frau, die an jenem Mittag unmittelbar am Tatort auf einer Bank saß, beschrieb den Täter wie folgt: 33 bis 38 Jahre alt, karamellfarbener Teint, eckiges Gesicht, schlanke Statur, schulterlange Haare mit blonden Strähnen. Er habe eine eckige schwarze Sonnenbrille getragen und sei mit einem schwarzes Herrenrad mit auffallend starkem Reifenprofil weggefahren.

Der Polizeibeamte erzählt auch, dass er noch während der Zeugenbefragungen gegen 14 Uhr zum Holsteiner Ufer gerufen worden sei. Dort sei ein Mann festgenommen worden. Der Zeuge berichtet, dass zwei Jugendliche den Mann zuvor beobachtet hatten. Er war im Gebüsch des Ufers verschwunden und hatte unter anderem ein Fahrrad ins Wasser geworfen. Die Jungs, die vermutlich an einen Fahrraddieb dachten, wählten die 110 und hielten einen zufällig vorbeifahrenden Funkstreifenwagen an.

Der Mann wurde festgenommen. Kurz darauf wurde das Fahrrad aus dem Wasser gefischt. Taucher bargen zudem zwei gefüllte Kleidersäcke, die mit Steinen beschwert waren. Bei dem Festgenommenen handelte es sich um den nun wegen Mordes angeklagten Vadim K. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass sich der mutmaßliche Mörder im Gebüsch am Holsteiner Ufer umgezogen hatte.

Der Prozess wird am kommenden Dienstag mit der Befragung weiterer Zeugen fortgesetzt.