Berlin - Am 18. September 1987 kam der sechsjährige Stefan K. nach Hause. Seine Mutter hatte ihn nicht von der Vorschule abgeholt, wie sie es sonst immer getan hatte. Weil der Kleine den Weg kannte, lief er irgendwann alleine los. Er betrat das Haus in der Neuköllner Innstraße, es war eine Viertelstunde nach 13 Uhr. Ein Nachbar begegnete ihm, er sagte ihm, dass die Tür zur Wohnung seiner Familie offen stehen würde.

Das Kind stieg in den ersten Stock und drückte die angelehnte Tür auf. Er rief nach seiner Mutter. Im Wohnzimmer lief der Fernseher, doch niemand saß davor. Der Junge schaltete das Gerät aus. Wieder rief er nach seiner Mutter. Niemand antwortete ihm. Er lief ins Schlafzimmer seiner Eltern.

Dort lag seine Mutter rücklings auf dem Bett. Ihre Füße standen neben einander auf dem Boden, ihre rechte Hand war ausgestreckt, ihre linke Hand lag unter ihrem Körper. Die 30-jährige Annegret W. trug Strumpfhosen und ein buntgeblümtes Jerseykleid. Um den Hals hatte sie einen weißen Pullover geschlungen. Dessen Enden steckten tief in ihrem Mund. Ihr Gesicht war aufgedunsen, ihre Lider geschlossen. Am Hals blutete sie. „Mama, lebst du noch“, fragte der Junge. Doch sie antwortete nicht, sie bewegte sich nicht einmal.

Mord in Neukölln: Der wichtigste Zeuge war ein Dreijähriger

Neben ihr lag Stefans jüngerer Bruder Christian, er war zwei Jahre und acht Monate alt. Stefan wickelte den Kleinen und zog ihm Straßenkleidung an. Dann lief er gemeinsam mit ihm zu den Nachbarn und zeigte ihnen die tote Mutter auf dem Bett. Die Nachbarn riefen die Polizei. Rettungssanitäter entdeckten Leichenflecken am Arm, am Kinn hatte bereits die Leichenstarre eingesetzt. Es müsse sich um einen Mord handeln, sagte einer der Rettungssanitäter zu einem der Polizeibeamten.

Nils Heinemann, damals 43 Jahre alt, übernahm gemeinsam mit seinen Kollegen von der Mordkommission die Ermittlungen. Er ahnte natürlich nicht, dass ihn dieser Fall mindestens 32 Jahre lang begleiten würde. Am kommenden Montag soll das Urteil über den dafür angeklagten Klaus R. gesprochen werden.

Doch dieser Name spielte lange keine Rolle für die Ermittler. Vielmehr war es das merkwürdige Wort „Degake“. Dieses hatte Christian gesagt, denn wie sich herausstellte, musste der knapp Dreijährige gesehen haben, wie seine Mutter ermordet worden war. Er war der wichtigste Zeuge.

Mord in Neukölln: Der kleine Zeuge kennt den Namen des Mörders

Behutsam fragten die Ermittler ihn aus. Sie fuhren mit ihm zur Dienststelle in die Keithstraße, dort gab es ein Spielzimmer. Der Kleine saß auf dem Schoss von Kommissar Heinemann, weil er sich dort wohl zu fühlen schien. Eine Beamtin stellte Fragen. So erfuhren die Ermittler von einem Onkel namens „Degake“

„Ding Dong – ich Türe aufgemacht“, berichtete dass Kleinkind.

„Stefan nicht gekommen, Mann gekommen.“ Einen Streit muss es gegeben haben.

„Ich geweint. ,Weg da', hat Mama gesagt.“

Die Mutter habe geschrien. Der Mann habe der Mutter den Mund zugehalten.

„Mann hat Messer reingemacht, Bier getrunken.“

Der Onkel fahre ein schwarzes Auto. Christian sagte auch, dass er den Namen des Mannes kennen würde. Aber er wolle ihn nicht sagen, weil er ihn nie wieder sehen will.

Bei seiner Aussage musste der kleine Zeuge immer wieder weinen. Die Emotionen schlugen sogar auf seinen Magen: Ein, zwei Mal übergab er sich.

Die Getötete aus Neukölln wollte ihren Lebensgefährten heiraten

Am Ende wussten die Ermittler zumindest, dass es Christian war, der das Messer aus dem Hals der Mutter gezogen und es in die Küchenspüle gelegt hatte. Der Kleine sagte auch, dass Mama den „Onkel Degake“ gekannt habe. Ob der Papa ihn kennen würde, vermochte er nicht zu sagen.

Die Ermittler überprüften den Freundes- und Bekanntenkreis von Annegret W. Sie zeichneten die Lebensgeschichte einer hübschen, sexuell sehr offenen Frau mit drei Kindern nach. Ihr ältester Sohn lebte bei ihrem geschiedenen Mann. Die beiden jüngeren Söhne stammten von ihrem Lebensgefährten Peter K. Mit ihm gemeinsam hatte sie in der Innstraße 22 gewohnt, man hatte bereits von Hochzeit gesprochen.

Sexuell hätten sie „super“ harmoniert, sagte Peter K. vor Gericht. Auch er zieht die üblichen moralischen Grenzen eher weiter. Mit anderen Paaren habe man „Strip-Poker“ gespielt. „Wat man so macht“, so der Zeuge. Es habe auch Sex zu dritt oder zu viert gegeben, die Partner habe man dabei aber nicht getauscht.

Mord in Neukölln: Nachbar hatten einen Verdächtigen gesehen

Von den Kontaktanzeigen, die Annegret W. geschaltet hatte, habe er nichts gewusst. Nach ihrem Tod hätte er sich nur über die Anrufe von diversen Männern gewundert, die sich bei ihm nach „Petra“ und „Inge“ erkundigten. Woher haben Sie meine Telefonnummer, wollte Peter K. von ihnen wissen. „Von einem Kumpel“, lautete die mehrdeutige Antwort.

Im Mund der Toten und an ihrer Schambehaarung fanden die Rechtsmediziner frisches Sperma. Es stammte von einem Mann, der die Blutgruppe 0 hatte. Peter K. hatte dieselbe Blutgruppe, doch gab er an, niemals oral mit seiner Frau verkehrt zu haben. Sie hätten auch keinen Sex gehabt, wenn Annegret W. ihre Periode hatte, so wie am 18. September 1987. Das Sperma musste von einem anderen Mann stammen – vom Täter?

Die Ermittler befragten die Nachbarn. Ein Mann von gegenüber hatte einen schlanken Blonden zwischen 25 und 30 Jahren beobachtet, der nach elf Uhr aus dem Haus kam, in dem das Opfer wohnte. Er trug einen verwaschenen Jeansanzug und drückte sich verdächtig eng an die Hauswand.

Mord an Annegret W. war zum „Cold Case“ geworden

Dieser Mann konnte durchaus der Täter sein, denn die Ermittler wussten, dass Annegret W. am Morgen ihren sechsjährigen Sohn in die Vorschule gebracht und danach bei einer Freundin Kaffee getrunken hatte. Ab 10.30 Uhr musste sie zu Hause gewesen sein, um 13.15 Uhr wurde sie von Stefan K. gefunden. Aber wer war dieser schlanke Blonde? Nach dreieinhalb Jahren ruhten die Ermittlungen ergebnislos.

Der Mord an Annegret W. war mittlerweile ein „Cold Case“ geworden. Im letzten Jahr veranlassten die Ermittler dieser Spezialtruppe eine DNA-Untersuchung des Pullovers, des Kleides und des Kissenbezuges, auf dem der Kopf von Annegret W. zuletzt geruht hatte. Tatsächlich konnten die forensischen Genetiker am Saum des Kleides, das Annegret W. nur in ihrer Wohnung getragen hatte, ein vollständiges DNA-Profil isolieren. Es handelte sich um die DNA von Klaus R. Der heute 61-jährige Gerüstbauer war wegen mehrerer Sexualstraftaten und Raubüberfällen aus den 80er Jahren in der Datenbank gelistet. Kurz nachdem Annegret W. ermordet worden war, hatte er eine junge Frau bis zu ihrer Haustür verfolgt.

Mord in Neukölln: Klaus R. sprach mit Mithäftling über die Tat

Er hatte sie nach Zettel und Stift gefragt, angeblich um einem Nachbarn eine Nachricht zu hinterlassen. So gelangte er in ihre Wohnung. Dort bedrohte er sie mit einer Waffe und versuchte sie zu vergewaltigen. Sie fragte ihn nach seinem Namen. Klaus heiße er, sagte R. wahrheitsgemäß. Sein Opfer überzeugte ihn, dass sie sich später freiwillig mit ihm treffen wolle, wenn er jetzt von ihr ablasse. Als er dann wieder bei ihr erschien, nahm ihn die Polizei in Empfang. Im November wurde er nun wegen des Mordes an Annegret W. verhaftet. Aus den Akten erfuhr er, dass man seine DNA an der Kleidung der Getöteten gefunden hatte. Aber er hat die Blutgruppe A. Und niemand wusste, woher er Annegret W. kannte.

Dies erfuhren die Ermittler erst von einem Mithäftling, von Olaf S. Mit ihm hatte sich Klaus R. über die Tat unterhalten, die ihm vorgeworfen wurde. Er habe Annegret W. über eine Kontaktanzeige kennengelernt. Sie hätten ein paar Mal Sex miteinander gehabt, bis die Frau dafür Geld verlangt hatte. Klaus R., der nie viel Geld besessen hatte, wollte sie nicht bezahlen. So seien sie in Streit geraten. R. sagte nicht, dass er Annegret W. ermordet hätte.

Seit Mai steht Klaus R. nun wegen Mordes vor Gericht und schweigt. Viele der Zeugen, die damals von der Polizei vernommen wurden, sind verstorben. Andere können sich kaum an das erinnern, was vor 32 Jahren geschah. Der Mithäftling Olaf S. wurde inzwischen im Knast bedroht, er will nur noch wenige Fakten seiner Aussage gegenüber den Ermittlern bestätigen. Nur Kommissar Heinemann weiß noch genau, wie der inzwischen erwachsene Christian K. damals auf seinem Schoss gesessen hatte.

Mord in Neukölln: Gericht muss sich auf rare objektive Beweise stützen

Das Gericht muss sich hauptsächlich auf die raren objektiven Beweise stützen. Diese kommen neben den forensischen Genetikern auch vom Rechtsmediziner, der berichtet, dass W. zunächst erdrosselt wurde. Als der Täter ihr fünf Mal in den Hals stach, war sie bereits tot. Dieser Umstand spricht gegen eine Verurteilung wegen Totschlags, der im Gegensatz zum Mord bereits verjährt wäre: Der Täter handelte heimtückisch und er wollte, dass sein Opfer stirbt.

Auch die Blutgruppe des Spermas entlastet Klaus R. nicht zwingend: Der junge Mann im Jeansanzug könnte ein Mann gewesen sein, den sie ebenfalls über eine Kontaktanzeige kennengelernt hatte.. Danach kann R. sein Opfer besucht und getötet haben. Er gibt lediglich zu, sie ein, zwei Tage vor dem Mord getroffen zu haben. Die 32. Strafkammer unter dem Vorsitz von Matthias Schertz wird am Montag voraussichtlich das Urteil über Klaus R. sprechen.