Nach dem Mord an einer Schülerin in Eichwalde fragen sich viele Eltern, wie sicher das Internet ist. Die 14-Jährige hatte ihren mutmaßlichen Mörder in einem Chatroom kennengelernt. Der Berliner Sozialpädagoge Philipp Behar-Kremer hält nichts von Verboten. Er rät Eltern, mit ihren Kindern über Gefahren im Internet zu reden, sie bei ihren ersten Schritten in soziale Netzwerke zu begleiten.

Jugendliche sind heutzutage ständig online. Sie twittern von unterwegs, sind bei Facebook, verabreden sich in Chatrooms. Welche Gefahren birgt das Internet?

Es gibt ein paar Gefahren. Aber man sollte das Internet nicht dämonisieren. Dass Offline-Leben ist mindestens genauso gefährlich. Ich gehe über die Straße und werde von einem Auto überfahren. Oder ich werde Opfer einer Straftat. Da, wo man sich viel aufhält, da kann potenziell auch viel passieren. Die größte Gefahr für junge Leute im Internet besteht darin, dass dort Konflikte ausgetragen werden, dass Jugendliche gemobbt werden, dass intime Fotos, die man an seinen vermeintlich besten Freund geschickt hat, plötzlich für alle sichtbar im Netz landen.

Ist es ein Unterschied, ob ich jemanden im Internet oder bei einer Party kennenlerne?

Ein wenig schon. Im Internet fehlt die Körperlichkeit, das Sich- Gegenüber-Stehen. Dadurch gibt es einen Enthemmungseffekt. Man gibt mehr preis, als wenn man in einer normalen Unterhaltung von sich erzählen würde. Man ist ehrlicher. Aber man kann auch jemanden darstellen, der man gar nicht ist.

Kann man Gefahren, die sich hinter einem falschen Profil verbergen, erkennen?

Das geht nicht. Man kann sich im Internet schnell irgendein Profil erstellen. Wenn man gezielt eine Straftat plant, dann setzt man alles daran, seine Identität zu verschleiern. Das ist aber im wahren Leben auch so. Denken Sie an den Enkeltrick. Da ruft jemand bei einem älteren Menschen an, behauptet, ein guter Freund des Enkels zu sein und Geld für den Enkel abholen zu wollen.

Sollte man stutzig werden, wenn Kinder das Laptop zuklappen, wenn man das Zimmer betritt?

Wenn das Laptop zugeklappt wird, dann heißt das nicht automatisch, dass mein Kind dubiose Kontakte unterhält. Vielleicht hat es gerade mit seiner besten Freundin über einen Schwarm geredet.

Für Eltern ist schwer nachvollziehbar, mit wem ihr Kind im Internet kommuniziert. Ist eine Kontrolle überhaupt möglich?

Nein, schon weil Kinder mit ihren Handys sehr mobil sind. Aber man kann das Kind in das Internet begleiten. Das ist so wie beim Fahrradfahren, da muss ich nicht selbst fahren, sondern muss nebenherlaufen. Facebook zum Beispiel ist ab 13. Da sollte ich mich als Elternteil hinsetzen und sagen, komm’ wir machen das jetzt mal zusammen.

Auch, wenn die Eltern keine Ahnung vom Internet und sozialen Netzwerken haben?

Auch dann. Denn was Kinder und Jugendliche total gut drauf haben, ist die Medienhandhabung. Sie können schon mit drei Jahren ein iPad bedienen. Aber sie haben keine Weitsicht. Sie sehen nicht, was es für Folgen haben kann, etwa wenn sie Fotos von sich ins Internet stellen. Wenn man das gemeinsam erarbeitet, dann kann man Kinder für die Gefahren sensibilisieren.

Reden ist also besser als verbieten.

Verbote helfen nicht. Das ist so, als würde ich das Fernsehen untersagen. Dann geht mein Kind zum Nachbarn oder einem Freund und schaut dort. Wichtig ist, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, zu kommunizieren. Wenn ich als Elternteil sage: Ich möchte nicht, dass du mit fremden Leuten im Internet redest, dann ist das für das Kind vielleicht unverständlich. Weil es mit der Internetbekanntschaft schon dreimal gechattet hat und sie damit gefühlt nicht mehr wirklich fremd ist. So etwas muss man thematisieren.

Die Ansage, du sollst nicht mit Fremden im Internet chatten, ist also falsch.

Im Prinzip ja. Eltern sollten sagen: Wir machen uns Sorgen, wenn du dich mit Leuten verabredest, die du noch nie gesehen hast. Überhaupt sagen Eltern viel zu selten, dass sie sich Sorgen machen.

Was können Eltern noch tun, um ihre Kinder zu schützen?

Auch wenn Kontrolle schwierig ist, ist sie doch auch wichtig. Eltern sind es, die ganz oft Handys an Elf- oder Zwölfjährige verschenken und sich dann wundern, wenn sie nicht mehr wissen, was ihr Kind damit macht. Dabei gibt es bei Smartphones Kontrollfunktionen, von denen Eltern oft nichts wissen. Damit können Zwölfjährige nur Inhalte sehen, die für sie bestimmt sind. Die Schutzeinstellungen können zwar auch ausgehebelt werden. Aber sie sind erstmal ein Hindernis.

Wäre die Welt ohne Internet ein wenig sicherer?

Das würde ich so pauschal nicht sagen. Man lebt nicht weniger gefährlich, wenn man das Internet ausschaltet.

Das Gespräch führte Katrin Bischoff