Seit dem 16. Juli war der Junge bei seinem Vater in Berlin. Er lebte seit 1989 mit seiner Mutter und seiner Schwester in Kiel, nachdem die Familie noch vor der Wende aus der DDR ausgereist war. Wie schon im Jahr zuvor besuchte er nun seinen Vater in seiner Geburtsstadt und verbrachte einen Teil der Ferien bei ihm.

Beide wohnten zu dieser Zeit in der Seelower Straße 2 in Prenzlauer Berg, Nahe dem U- und S-Bahnhof Schönhauser Allee, bei seiner Großmutter väterlicherseits.

Stefan Lamprecht verbrachte seine Ferienzeit in Berlin fast ausschließlich zusammen mit seiner Oma und seinem Vater, den er manchmal zur Arbeit begleitete oder mit dem er besonders gern zum Angeln ging – sein liebstes Hobby neben Fußball.
Außerdem traf er sich einmal mit einem fast gleichaltrigen Jungen aus der Verwandtschaft. Beide waren seit frühester Kindheit miteinander befreundet und hatten in Pankow unweit voneinander gewohnt.

Beide Jungen waren Ende Juli 1995 einen Tag zusammen im Freibad Pankow. Stefan hatte eine Nacht bei seinem Freund und dessen Großeltern in der Sellinstraße 3 in Pankow übernachtet. Dort hatte er seine Badesachen vergessen, die er vor seiner Rückreise nach Kiel noch abholen wollte.

Am Mittwoch, dem 2. August 1995, brach Stefan Lamprecht gegen 15 Uhr aus der Wohnung seiner Oma auf, um seine Badesachen abzuholen. Gegen 16.15 Uhr verließ er die Sellinstraße wieder, um zur Großmutter zurückzukehren. Seine Badesachen trug er in einer dünnen weißen Plastiktüte bei sich.

An diesem Nachmittag wurde Stefan Lamprecht das letzte Mal lebend in der Sellinstraße 3 in Pankow gesehen. Stefan, der noch am Mittwochabend zusammen mit seinem Vater zum Nachtangeln gehen wollte, blieb verschwunden. Vater und Großmutter machten sich bereits am frühen Abend Sorgen und der Vater erstattete am späten Abend eine Vermisstenanzeige bei der Polizei. Die Suche in den folgenden Tagen blieb ebenfalls vergeblich.

Auch 10.000 Mark Belohnung brachten nichts

Am Dienstag, dem 8. August 1995, wurde auf der Mülldeponie Schöneiche bei Mittenwalde beim Entladen von Waggons mit Hausmüll, der aus Berlin stammte, ein getöteter Junge gefunden. Die Polizei identifizierte ihn als Stefan Lamprecht.
Die Obduktion ergab, dass Stefan Lamprecht ist Opfer eines Sexualverbrechens wurde. Exakte Rückschlüsse auf das Tatgeschehen konnten die Gerichtsmediziner aber nicht ziehen.

Das tote Kind wurde ohne seine Bekleidung – eine hellblaue, kurze verwaschene Jeanshose, ein grünes, ärmelloses T-Shirt und seine Sandalen – gefunden. Stefan hatte mehrere Verletzungen, die ihm der unbekannte Täter mit einem Messer zugefügt hatte. „Weitere Verletzungen am Unterleib machen deutlich, dass ein sexuelles Motiv vorgelegen haben muss“, sagte ein Polizeisprecher.

Die Ermittlungen brachten keine konkrete Erkenntnis über seinen Aufenthaltsort zwischen dem 2. August, Mittwochnachmittag, bis zum Auffinden am Dienstag, dem 8. August 1995.

Lautsprecherdurchsagen in der Nähe der Sellinstraße, das Verteilen von Fahndungsplakaten, die Auslobung einer Belohnung von 10.000 Mark und zahlreiche Presseveröffentlichungen erbrachten keine relevanten Ermittlungsanhalte.
Niemand hatte den 13-jährigen, blonden Stefan offensichtlich auf seinem zweieinhalb Kilometer langen Heimweg von der Sellin- zur Seelower Straße beobachtet oder auffällige Situationen bemerkt, in denen der 1,54 Meter große, schlanke Junge auf den späteren Täter gestoßen sein könnte.

Die Ermittler der Mordkommission vermuten, dass der Junge auf dem Nachhauseweg auf seinen Mörder getroffen ist. Sie gehen von einem einem zufälligen Zusammentreffen aus. Andere Kontakte außerhalb der Familie hatte Stefan nicht in Berlin.
Die Mordkommission schließt aus, dass Stefan zunächst freiwillig untertauchte. Er war sehr zuverlässig und freute sich auf das Nachtangeln mit seinem Vater, zu dem er ein gutes, entspanntes Verhältnis hatte.

Es ist unbekannt, wie Stefan überhaupt von der Seelower Straße zu seinen Verwandten in die Sellinstraße gekommen war. Er könnte die gut zweieinhalb Kilometer gelaufen sein, er könnte aber auch öffentliche Verkehrsmittel entlang der Schönhauser Allee beziehungsweise der Berliner Straße zwischen Pankow und Prenzlauer Berg genutzt haben, am wahrscheinlichsten die Straßenbahn. Der kürzeste Weg verläuft hauptsächlich entlang der Schönhauser Allee und der Berliner Straße. Auf dieses Gebiet richten die Ermittler ihr Augenmerk.

Stefan war ein sehr freundlicher Junge. Es ist denkbar, dass der Täter ihn ansprach, vielleicht unter dem Vorwand, ob er bei einer Tätigkeit behilflich sein könnte. Stefan hat geraucht, vielleicht hat der Täter das als Anlass genommen, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Er trank Stefan zwar nie Alkohol. Doch bei seiner Obduktion stellten die Mediziner eine erhebliche Alkoholbeeinflussung fest. Der Alkohol könnte ihm aber auch gewaltsam verabreicht worden sein.

Offenbar im Kohlenkeller versteckt

Die Polizei geht davon aus, dass der Täter Stefan einen Raum ungestört längere Zeit in seiner Gewalt hatte. Er konnte sein Opfer dort aber nicht zurücklassen, weil sonst Rückschlüsse auf ihn möglich gewesen wären. Vielleicht hat der Täter deswegen ein hohes Entdeckungsrisiko in Kauf genommen und ließ sich auf eine Beseitigung des Opfers in einem Hausmüllcontainer eines größeren Gebäudes in dichtem Wohngebiet ein.

Funde im Müllwaggon deuten darauf hin, dass die Kinderleiche in der Umgebung Schönhauser Allee/Berliner Straße in den Hausmüll gelegt wurde. An eine Ablage direkt am Verladebahnhof in der Asgardstraße in Heinersdorf, wie die Polizei anfangs vermutete, glaubt sie inzwischen nicht mehr.

Die Ermittler haben aber Hinweise, dass der Täter den ermordeten Jungen zwischendurch noch an einer anderen Stelle abgelegt hatte, bevor er ihn in einer Mülltonne beseitigte: An seinem Körper wurden nämlich Braunkohlerückstände festgestellt, die wie eine Schicht den gesamten Körper überzogen. Vielleicht wurde Stefan Lamprecht einige Tage in einem Kohlenkeller oder -schuppen zwischen Braunkohlebriketts verborgen gehalten.

Die Polizei ist interessiert an Orten, die irgendwie zu den Schilderungen passen und wo Zeugen Anfang August 1995, vom 2. bis zum 8. August, Auffälliges beobachtet haben und die sich in der Nähe des vermuteten Laufweges von Stefan befinden.
Denkbar sind auch öffentliche Gebäude, die vielleicht wegen der Sommerzeit geschlossen waren, aber für einen kleinen Personenkreis zugänglich waren. Vielleicht gibt es auch Bezirksschornsteinfeger, denen etwas Spezielles aufgefallen ist, was für sie – damals – keine besondere Bedeutung hatte.

Neben dem Aspekt der Braunkohle gibt es einen weiteren Punkt, der ermittlungsrelevant sein könnte: Stefan Lamprecht hatte als er gefunden wurde, lediglich blaue Müllsäcke am Körper, die eher wie Bekleidung wirkten als wie Verpackungsmaterial. Unter Umständen hat oder hatte der Täter eine spezielle Beziehung zu diesem Material im Sinne eines Fetisch.

Täter war offenbar ein Sadist

Inzwischen hat die Polizei ein Täterprofil erstellt: Am wahrscheinlichsten ist, dass Stefan Lamprecht Opfer eines ihm zuvor unbekannten Täters wurde, der zwar tatbereit war, aber eher zufällig auf Stefan traf. Die Begehungsweise der Tat deutet auf eine sadistische Tendenz beim Täter hin. Diese Fantasien könnte er bereits im Vorfeld durchgespielt oder jemandem mitgeteilt haben. Trotzdem könnte der Täter sozial integriert und unauffällig sein, sicher und selbstbewusst auftreten. Da die Bekleidung des Opfers und seine mitgeführten Badesachen fehlten, ist denkbar, dass der Täter diese Gegenstände nach der Tat aufbewahrt hat.

Die Polizei fragt: Wer kann Hinweise zu Personen geben, die im Bereich der Schönhauser Allee und der Berliner Straße – also zwischen Pankow und Prenzlauer Berg – Mitte der 90er-Jahre aufgefallen sind, weil sie Kontakt zu zehn- bis 13-jährigen Jungen zu suchten und darüber hinaus eventuell Zugang hatten zu einer Räumlichkeit in diesem Bereich, wo Braunkohlebriketts lagerten.

Unter Umständen haben blaue Plastiktüten oder Tüten überhaupt eine besondere Bedeutung für den Täter. Es wird nicht ausgeschlossen, dass der Täter im Nachhinein über seine Tat mit jemandem gesprochen hat oder zwischenzeitlich versucht hat, seine sadistische Komponente erneut auszuleben.

Zeugen könnten auch Erwachsene sein, die in Ihrer Kindheit um das Jahr 1995 in diesem speziellen Bereich Beobachtungen und Erlebnisse hatten, in denen die genannten Aspekte eine Rolle spielten und die sich damals nicht trauten, sich jemandem zu offenbaren.

Unter Umständen ist damals Stefans Bekleidung irgendwo aufgetaucht, ohne dass der Finder dem Bedeutung beimaß. Seine Badesachen wurden in einer weißen, unbeschrifteten Tüte transportiert, wie es sie beim Fleischer oder an einem Imbissstand gibt. Es war eine dunkle Badehose in Form einer Radlerhose und ein dunkles Handtuch mit Blumenmotiv.

Jahre später wurde bekannt, dass ein pädophil veranlagter Mann zu Stefan in seiner Kieler Heimat Kontakt gesucht hatte. Darüber wissen die Ermittler wenig. Sollte es dazu Zeugen geben, werden diese Personen ebenfalls gebeten, sich zu melden. Über das Kieler Umfeld von Stefan Lamprecht gibt es insgesamt nur wenige Informationen.

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Hinweise nehmen das Landeskriminalamt unter der Rufnummer 030/4664-911 902 oder jede andere Polizeidienststelle entgegen.

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