Potsdam - Die zehnjährige Jane darf endlich mit ihrem Fahrrad zur Schule radeln. Lange hat das Kind darum gebettelt, nicht mehr mit dem Bus fahren zu müssen. An jenem Mittwochmorgen fährt sie stolz an der Seite ihres drei Jahre älteren Bruders von ihrem Heimatort Dornswalde los in Richtung Klein Ziescht (Teltow-Fläming).

Dort geht das Mädchen in die Schule, Jane ist in der vierten Klasse. Die Strecke führt an der Hauptstraße entlang in Richtung Baruth. Dann über einen Plattenweg zur Schule. Doch Jane biegt schon vorher ab, sie will noch einen Freund in Radeland abholen. Sie verpasst den Klassenkameraden um wenige Minuten, fährt allein weiter – und kommt nie in der Schule an. Noch am selben Nachmittag wird die unbekleidete Leiche des Kindes gefunden. Jane wurde missbraucht und erstochen.

Die Tat geschah genau vor 20 Jahren am 15. Februar 1995. Und Janes Mörder wurde bis heute nicht gefasst.

Hartmut Jankowski sitzt in einem Büro der Mordkommission in Potsdam. Er hat sich bereiterklärt, noch einmal über den Fall von damals zu sprechen. Ein Mord, der den einstigen Chefermittler nie losgelassen hat. Jankowski ist heute 70 Jahre alt, und er nimmt kein Blatt vor dem Mund, er spricht von den Hoffnungen, den Fall schnell aufklären zu können, von den Umständen, die damals vieles schwerer machten, und von den Fehlern, die bei der Fahndung begangen wurden.

Viele erfolgversprechende Spuren

Hartmut Jankowski hat die Ermittlungen im Fall Jane Fränzke geleitet. Neuneinhalb Jahre lang. Bis er vor elf Jahren in den Ruhestand ging. Und trotzdem lässt ihn dieser eine Fall nicht los, so wie Dürrenmatts Kommissar Matthäi im Roman „Das Versprechen“. In dem Buch wird ein kleines Mädchen ermordet, und Matthäi verspricht der verzweifelten Mutter, den Mörder zu finden.

Auch Jankowski hat dieses Versprechen gegeben. „Heute weiß ich, dass das ein Fehler war. Aber es gab so viele Spuren, die so erfolgversprechend waren“, sagt Jankowski. An Janes Leiche waren Spermaspuren sichergestellt worden. Ein Zeuge hatte das Kind zudem an jenem Morgen gegen 7.15 Uhr noch einmal gesehen. Es fuhr von Radeland offenbar zur Hauptstraße zurück – auf der falschen Straßenseite. Später, als er zurückfuhr, sah derselbe Zeuge einen Mann am Waldesrand neben einem roten Golf stehen. Der Pkw hatte, wie es damals hieß, nicht standardgemäße Radkappen. Der Mann drehte sich bewusst von der Straße weg, er wollte nicht erkannt werden. Er stand nahe des späteren Fundorts der Leiche.

Der Zeuge konnte sich sogar das Pkw-Kennzeichen merken: LUK-C 561. „Das war ein Glücksfall“, erinnert sich Jankowski. Doch nach und nach brach eine Spur nach der anderen weg. Die Spermaspuren waren mit Kot verunreinigt und für eine DNA-Analyse unbrauchbar. Das Autokennzeichen war in der Nacht zuvor gestohlen worden. Doch den Fahndern blieb der auffällige Golf mit der Zierleiste. 3 000 derartige Autos sollten überprüft werden. „Es war ein Fehler, alle Kraft nur für den Golf zu verwenden“, sagt Jankowski heute. Zumal nur ein einziger Zeuge dieses Fahrzeug gesehen habe. Andere Spuren seien damals auf der Strecke geblieben. „Wir hätten es klären können“, ist Jankowski überzeugt.

600 Autos wurden in dem Monat nach dem Mord gecheckt, 70 Alibis überprüft. Dann war die 15 Mann starke Ermittlungsgruppe am Ende ihrer Kräfte. „Es war ja damals nicht der einzige Mordfall, den wir aufklären mussten“, erklärt Jankowski. Zudem war die Mordkommission noch für die Ermittlungen bei Umweltdelikten und Brandsachen zuständig. Jankowski erinnert sich, dass es damals noch nicht einmal ordentlich geführte Melderegister gab. Die Ermittler waren auf Wählerlisten angewiesen, um zu erfahren, wer wo lebt. Auch Jäger sollten überprüft werden. „Aber es konnte offenbar jeder jagen. Es war schon eine komische Zeit“, sagt Jankowski.

Eine Spur ist noch offen

In Dornswalde sprechen die Menschen noch heute von dem Mord. Es ist ein Ort mit gerade mal 140 Einwohnern. Janes Eltern wohnen gegenüber vom Friedhof. „Sie wollen sich nicht mehr zum Mord an ihrer Tochter äußern“, sagt ihr Anwalt Mario Seydel. „Die Tat ist allgegenwärtig. Die Eltern haben gelernt, damit zu leben.“ Seydel hat zusammen mit einem Privatfahnder Akteneinsicht genommen und eigene Ermittlungen geführt. Er hat ein Täterprofil erstellen lassen. Seitdem ist er sich sicher, dass der Täter die Örtlichkeit gekannt hat. „Der Täter hat sich den Tatort genau ausgesucht. Die Tat geschah in einem Trichter, in dem man nicht gesehen werden kann.“ Zudem deuten Indizien auf ein Krankheitsbild hin. Mehr will er dazu nicht sagen.

Dass der Fall nach so langer Zeit noch immer nicht zu den Akten gelegt wurde, ist auch ein Verdienst Jankowskis und des Anwalts. Die Ermittler haben nachträglich Alibis kontrolliert, selbst Janes Grab überprüft. Sie haben nach neuen Ermittlungsansätzen gesucht. Immer und immer wieder. „Jeder, der einmal in der Mordkommission war, hat in die Akten geschaut“, sagt Bernd Schulz, der Leiter der Mordkommission der Polizeidirektion West.

Schulz hat einem seiner Mitarbeiter den Fall übergeben: Detlef Mattern ist ein hagerer Mann, der jedes Detail kennt und sich immer dann damit befasst, wenn es die aktuelle Lage zulässt. „Die Akte gibt nicht mehr viel her“, sagt der Kriminalhauptkommissar. Regelmäßig kontrolliert er, ob es deutschlandweit neue Meldungen von Sexualdelikten oder Morden gibt, die ihrem Fall ähnlich sind. „Eine einzige Spur ist noch offen“, sagt er. Wenn sie ins Leere führt, dann wird Mattern den Fall abgeben. Nach Eberswalde, an die Altfallkommission.

Hartmut Jankowski sagt, er hoffe immer noch, dass der Täter gefasst wird. Anwalt Seydel ist fest davon überzeugt. „Die Technik, mit der man Spuren untersuchen kann, wird immer besser.“ Janes Kleidung sei ja noch da. „Alles ist noch da.“