Neuruppin - Die Tat ist fast 16 Jahre her und bis heute ist unklar, wie die damals 17 Jahre alte und hochschwangere Maike Thiel am 3. Juli 1997 verschwand. Es gibt keine Zeugen. Die Staatsanwaltschaft geht von Mord aus, doch es ist ein Mordfall ohne Leiche, und das Verfahren des Landgerichts Neuruppin ist ein reiner Indizienprozess. Denn ohne Geständnis und ohne Leiche ist nicht einmal zweifelsfrei klar, ob Maike tatsächlich tot ist.

Deshalb kommt es auf jede be- und auch entlastende Aussage an. Vor allem auf all jene, die den Mordverdacht belegen könnten. Am Donnerstag, dem dritten Verhandlungstag, stand der Höhepunkt des Prozesses an: die Aussage der Hauptbelastungszeugin Dominique Sch.

Sie war auch erschienen, doch sie durfte nicht aussagen. Denn die Verteidiger hatten auffällige Lücken in den Ermittlungsakten gefunden, die für die Staatsanwaltschaft besonders peinlich sind.

Die Aussage ist für die Anklage entscheidend

Der Hauptangeklagte ist Michael S. Als damals 18-Jähriger soll er seine schwangere Ex-Freundin gemeinsam mit einem Komplizen erdrosselt haben, weil er keinen Unterhalt für sein Kind zahlen wollte. Ebenfalls angeklagt: Michaels Mutter Christine, die ihn über Monate zu der Tat angestachelt haben soll. Doch beide schweigen.

Sie konnten nur angeklagt werden, weil vor einigen Monaten Dominique Sch., mit der Michael S. vor Maike zusammen war, ihren Ex-Freund bei der Polizei belastet hat. Mit ihrer Aussage steht und fällt die Anklage. Doch Dominique Sch. hat auch schon mal das Gegenteil behauptet. In ihrem ersten Verhör zwei Wochen nach Maikes Verschwinden hatte sie ihren Ex-Freund nicht belastet. Doch das Protokoll fehlt. Das Verhör wurde nicht mitgeschnitten, sondern eine Zusammenfassung vom Staatsanwalt auf Band gesprochen. „Aber das Band ist verschollen und nicht mehr auffindbar“, sagte Staatsanwalt Torsten Sauermann.

Das monierten die Verteidiger. Sie haben im Prozess offenbar die Absicht, die Hauptzeugin als unglaubwürdig darzustellen, weil sie komplett widersprüchliche Angaben gemacht hat. Um das belegen zu können, wollten die Anwälte wissen, was Dominique Sch. ausgesagt hat, und deshalb mussten die drei damaligen Ermittler vom Gericht vernommen werden.

„Äußerst angespannt und nervös“

Dominique Sch. wurde im Juli 1997 als Zeugin verhört. Der Grund: Sie soll einer Sportfreundin erzählt haben, dass Michael S. viel Geld für die Beseitigung der Leiche gezahlt habe. Die Ermittler sagten am Donnerstag übereinstimmend aus, dass Dominique Sch. diese Aussage damals nicht bestätigt und ihren Ex-Freund nicht belastet habe. „Es war eine schwierige Vernehmung, die uns nichts gebracht hat“, sagte Oberstaatsanwalt Gerd Schnittcher. Die Frau habe nur geweint. Sie habe offenbar Angst gehabt.

„Sie war äußerst angespannt und nervös“, sagte Staatsanwalt Rüdiger Sonnen. „Sie behauptete, nichts über den Verbleib von Maike zu wissen.“ Die Ermittler hätten sogar darüber diskutiert, ob sie ihr Zwang androhen sollten, damit sie aussagt. Gemeint ist eine Zwangshaft. Doch sie taten es nicht. „Man spürte aber, dass sie etwas zu sagen hat, was sie nicht sagen möchte“, so Sonnen. Auch Kriminalhauptkommissar Thorsten Patschewitz sagte: „Sie hat alles abgestritten, war sehr ruppig, hat nur geweint. Ich war der Meinung, dass sie mehr weiß und nicht die Wahrheit sagt.“

Dieses Bild einer verängstigen Frau könnten durchaus als negativ für den Angeklagten ausgelegt werden. Denn die Polizei hat von Gerüchten gehört, dass Michael S. nach Maikes Verschwinden anderen Jugendlichen gedroht habe, dass es jedem, der ihn belaste, so wie Maike ergehen werde.

Wie das Band mit der Aussage verschwunden ist, konnten die Ermittler nicht erklären. Das ist nicht das einzige irritierende Detail bei diesem Prozess. So sagte Maikes Vater aus, dass er nach dem Verschwinden seiner Tochter jahrelang nicht von der Polizei befragt worden sei. Dies sei erst in diesem Jahr geschehen.

Am Donnerstag wurde auch bekannt, dass der ursprüngliche dritte Angeklagte wieder auf freiem Fuß ist. Am ersten Verhandlungstag war das Verfahren gegen Manfred Sch. abgetrennt worden, weil ein Gutachter prüfen soll, ob der kranke 79-Jährige verhandlungsfähig ist. „Er wurde heute aus gesundheitlichen Gründen aus der Haft entlassen“, sagte sein Anwalt Michael Antonow.

Das Verfahren soll am Donnerstag fortgesetzt werden, Dominique Sch. soll am 16. Juli aussagen.