Die kleine, schwarzgekleidete Frau läuft mit schleppenden Schritten durch die Sicherheitsschleuse zum Saal 500 des Landgerichts in Moabit. Die 57-Jährige Semiya Özbek wird von ihren Anwälten gestützt. In ihren Händen hält die Mutter des Opfers ein großes Foto, auf dem ihr Sohn Tahir zu sehen ist. Das Foto wurde einen Tag vor seinem Tod aufgenommen, bei der Hochzeit eines Freundes. Tahir Özbek wurde am 10. Januar dieses Jahres im Wettcafé "expect.com" in der Reinickendorfer Residenzstraße erschossen. Er wurde nur 26 Jahre alt.

Die Mutter des Getöteten ist Nebenklägerin im Prozess gegen Tahirs mutmaßliche Mörder. Elf Mitglieder und Sympathisanten des Rockerclubs Hells Angels stehen an diesem Tag vor Gericht. Neun von ihnen sollen an der Tat beteiligt gewesen, zwei den Mord in Auftrag gegeben haben. Eine Gruppe von Rockern soll am Tatabend in das Wettcafé gestürmt sein. Der mutmaßliche angeklagte Todesschütze Recep O. soll dort acht Schüsse auf Tahir Özbek abgegeben haben. Sechs Schüsse trafen das Opfer, das noch am Tatort verstarb.

Prozess unter großen Sicherheitsvorkehrungen

Der Überfall ist von einer Überwachungskamera aufgenommen worden. Er dauerte nur 25 Sekunden. Nach Angaben des Landgerichts hätten sich die Angeklagten mit der Tat für eine blutige Auseinandersetzung vom Oktober des vergangenen Jahres vor einer Diskothek am Alexanderplatz rächen wollen, bei der Tahir Özbek einen Rocker der Hells Angels mit einem Messerstich verletzt haben soll.

Semiya Özbek muss vorbei an zahlreichen Polizisten in schusssicheren Westen. Der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder ihres einzigen Sohnes findet unter großen Sicherheitsvorkehrungen statt. Schon vor dem Landgericht haben sich bewaffnete Beamte postiert. Nur 30 Zuschauer dürfen in den Saal, in dem normalerweise Platz für 80 Menschen ist. Sie werden penibel kontrolliert.

Am Vormittag des ersten Verhandlungstages ging es zunächst nur um die Frage, welche und wie viele Zuschauer zu dem Verfahren zugelassen werden. Mehrere Anwälte kritisierten, dass einige Rocker von der Polizei am Betreten des Gerichtsgebäudes gehindert worden seien. Auch der Berliner SPD-Innenpolitiker Tom Schreiber monierte, er sei als Zuschauer nicht vorgelassen worden. Dafür hätten Rocker draußen Verwandte an der Schlange vorbei ins Gericht gebracht. Verteidiger kritisierten am Freitag, zu Beginn des zweiten Verhandlungstages, in weiteren Anträgen Teile der Sicherheitsverfügung des Berliner Landgerichts. Die Zahl der Plätze für Zuhörer sei unangemessen reduziert worden, sagte einer der Anwälte.

Es geht auch darum, einen Kronzeugen, der mit auf der Anklagebank sitzt, und der sich der Polizei offenbart hat, zu schützen. Der "Perser", wie er in der Szene heißt, ist mittlerweile im Zeugenschutzprogramm der Polizei. Er sitzt als Angeklagter zusammen mit seinen einstigen Gesinnungsgenossen hinter Panzerglas. Der Mann mit Sonnenbrille ist der einzige, der einen Personenschützer zur Seite hat. Unter den Zuschauern sitzen Väter, Brüder, Schwestern und Ehefrauen der meist türkischstämmigen Angeklagten.

Schon zu Beginn des Verfahrens wird klar, es wird ein langer Prozess. Denn schon vor der Anklageerhebung gibt es die ersten Anträge der Verteidiger. So fordert Rechtsanwalt Martin Ruppert, die Öffentlichkeit herzustellen und mehr Zuschauer in den Saal zu lassen. Die Staatsanwaltschaft will, dass der Antrag abgelehnt wird, weil im Saal "elf mutmaßliche gewaltbereite Männer" säßen, die die Sicherheitsmaßnahmen und Einschränkungen aus "sachlichen Gründen" notwendig machen würden. Zudem sei der abtrünnige Hells Angels in Lebensgefahr. Prozess-Termine sind bereits bis April 2015 geplant.

Die Rolle der Polizei

Clemens Rothkegel, der Anwalt der Mutter des Getöteten, sagt in einer Prozesspause, es werde in dem Verfahren auch um die Rolle der Polizei gehen. Die Ermittler hatten Hinweise darauf erhalten, dass Tahir Özbek getötet werden soll. Sie hatten selbst eingeräumt, den jungen Mann nicht gewarnt zu haben. "Die Frage ist, wer für dieses Versagen verantwortlich ist", sagt Rothkegel.

Tahirs Mutter sagt in einer Pause, sie habe diesen Menschen in die Augen geschaut. "Die haben nicht nur meinen Jungen getötet, die haben uns alle getötet", erzählt sie. Und zur Rolle der Polizei erklärt die weinende Frau: "Wenn die Polizei meinen Sohn so geschützt hätte, wie sie jetzt die Angeklagten schützt, dann wäre mein Sohn noch am Leben."

Unklar ist, ob am Dienstag überhaupt noch die Anklage verlesen wird. Prozessbeobachter rechnen mit weiteren Anträgen der insgesamt 24 Verteidiger. (mit dpa)