Berlin - Neulich musste ich an meine Schriftsetzerlehre vor vielen Jahren denken, in einer Betriebsschule an der Jannowitzbrücke. Ältere Setzer haben dort erzählt, wie man früher neue Lehrlinge „verarschte“. Man stellte sie vor einen fertigen Schriftsatz: lauter Zeilen aus metallenen Lettern und Füllmaterial. „Nun guck mal da rein. Siehst du die Bleiläuse?“, fragte der Setzer. Er hatte das Material vorher befeuchtet. Und wenn sich der Lehrling tief über den Satz bückte, schob der Alte schnell ein paar Zeilen zusammen, und – ptsch! – spritzte dem Lehrling Wasser ins Auge. Ja, so gemein war die Berufswelt.

An diese „Bleiläuse“ musste ich denken, als ich jetzt von den „Morgellonen“ hörte – kleinen Parasiten, die sich angeblich an Corona-Teststäbchen und Atemmasken befinden und sich unter der Haut einnisten. Die Würmchen sollen sich sogar selbst bewegen. Fachleute sprechen von Verschwörungsmythen und erklären, wie solche Einbildungen zustande kommen können. Textilfasern oder andere Teilchen würden durch warme Luft und Elektrostatik in Bewegung versetzt.

Aber egal. Hier soll es vor allem um die philosophische Dimension des Ganzen gehen. Es ist interessant: Manche Leute glauben nicht an gefährliche Viren, weil man die ja nicht sehen kann. Aber dann glauben sie plötzlich ganz fest an Dinge, die es gar nicht gibt, weil ihnen ihre Sinne etwas vorgaukeln.

Warum hat sich der Lehrling einst überhaupt über den Schriftsatz gebeugt, als er etwas von „Bleiläusen“ hörte? Weil er glaubte, dass es wirklich eine Laus geben könnte, die sich von Blei ernährt? Oder einfach aus Neugier? Schließlich ist ja alles, was in den Grenzbereichen unserer Wahrnehmung passiert, spannend. Sogar die einst vom Humoristen Loriot erfundene „Steinlaus“ hat es in Form fingierter Artikel bis in die wissenschaftliche Literatur geschafft.

Was den Bereich unserer Wahrnehmung allerdings sehr weit unterschreitet oder übersteigt, juckt uns nicht. Wer hat schon schlaflose Nächte, weil in unserem Körper Milliarden gruseligster Lebewesen hausen? Und wen würde es wirklich stören, wenn unser Universum nur ein Teilchen im Körper eines Riesen wäre? Niemanden! Aber ein wackelnder Fussel macht uns Angst, zumindest manchen Leuten.

Mit den Grenzen der Wahrnehmung hat sich übrigens schon 1752 der Philosoph Voltaire befasst, in seiner Erzählung „Micromégas“. Hier reist ein fast 39 Kilometer großes Wesen vom Sirius durchs All. Auf dem Saturn trifft er einen „Zwerg“, der nur 1,95 Kilometer groß ist. Beide reisen zur Erde, wo sie zunächst gar kein Leben finden. Dann entdecken sie unter der Lupe einen Wal und staunen, dass sich so ein kleines Atom überhaupt bewegen kann. Schließlich finden sie ein Schiff voller Menschen. Über einen speziellen Schlauch hören sie, dass diese miteinander sprechen. Sie sind schockiert, dass solche Wesen einen Intellekt haben und zugleich so eitel und arrogant sind.

Woraus wir wieder mal sehen können: Auf die Größe kommt es nicht an. Und das, was wir sehen können, ist eben nicht die ganze Welt.