Berlin - Morgens um zehn auf dem Kudamm haben sich am Freitag Szenen abgespielt wie in einem zweitklassigen Krimi. Als Mitarbeiter der Stadtreinigung verkleidete Diebe haben in leuchtend orangen Uniformen am helllichten Tage mitten auf dem Einkaufs-Boulevard einen blauen Geldtransporter der Firma Ziemann aufgehalten und mehrere Geldkassetten erbeutet. Hastig stopften sie Geld in einen weißen Bigpack-Sack, zerrten ihn zum Auto und verfrachteten ihn in den Kofferraum eines silbernen Audi. Videos, die in den sozialen Netzwerken kursieren, zeigen den Überfall.

Dort, wo sonst um diese Zeit Menschen beim Einkauf flanieren, dürfte im Corona-Lockdown zwar weniger als üblich los gewesen sein. Dennoch sitzt vor der Bankfiliale, so ist es auf einem der Videos zu sehen, während des Überfalls ein Mann mit einer blauen Decke über den Beinen, wohl in der Hoffnung auf ein paar Spenden-Euro. In unmittelbarer Nähe werden an diesem Freitagvormittag deutlich größere Summen bewegt. Wie viel die Täter erbeuteten, ist unklar.

Einer der Sicherheitsmänner wartete im Auto. Als gegen zehn Uhr sein Kollege aus der Bank kam, hielt ein mit mehreren Personen besetzter Audi A6 zunächst auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Kurfürstendamms an. Als die Sicherheitsleute die Geldkassetten in den Transporter luden, fuhr der Pkw vor. Nach Angaben der Polizei stiegen mindestens vier Täter aus und überwältigten beide Wachmänner. Sie sprühten ihnen Pfefferspray ins Gesicht, entwaffneten sie und wiesen sie an, sich auf den Boden zu legen und still zu verhalten. Der  37-Jährige und der 60-Jährige wurden später ambulant im Krankenhaus behandelt, konnten aber mittlerweile wieder entlassen werden.

Foto: Morris Pudwell
Ein ausgebrannter Audi wird von der Polizei an einem Supermarkt in Schöneberg abgeschleppt. Bei dem Fahrzeug könnte es sich um das Fluchtfahrzeug der Täter des Überfalls auf einen Geldtransporter am Berliner Kurfürstendamm handeln.

Nach wenigen Augenblicken war der Spuk vorbei, die Kofferraumklappe des silbernen Audi ließ sich nicht richtig schließen, beobachteten Zeugen. Wieder einmal. Auch bei einem Überfall am Alexanderplatz mit anschließender Schießerei vor zwei Jahren kam es zu einem solchen Zwischenfall. Denn: Die oft gestohlenen Fluchtautos der Täter haben zwar viele PS, aber nur kleine Kofferräume. Die Täter flüchteten unerkannt in Richtung Halensee.

Täter zünden das Fluchtfahrzeug an

Eine halbe Stunde später wurden Feuerwehr und Polizei in die Bessemerstraße in Schöneberg zu einem brennenden Audi gefunden. Die Polizei geht davon aus, dass es sich bei dem Wagen um das Tatfahrzeug handelt und die Täter das Auto anzündeten, um ihre  Spuren zu vernichten.

Im vergangenen Jahr hatte es eine ganze Reihe von Überfällen auf Geldboten und Geldtransporter gegeben. Am 17. Dezember 2020 hatten bis zu drei Männer am Treptower Park Center einen Geldtransport überfallen. Auch damals verwendeten die Täter Reizgas. Zwei Tage zuvor hatten drei Räuber einem Geldboten am Hintereingang des Ikea-Möbelhauses in Schöneberg aufgelauert und ihn mit Schusswaffen bedroht. Ein Verdächtiger in diesem Fall wurde Mitte Januar gefasst.

In allen Fällen prüfen die Ermittler, ob es Verbindungen zu kriminellen Mitgliedern arabischstämmiger Clans gibt – so wie es beim Überfall am Alexanderplatz der Fall war. Die Täter wurden damals alle gefasst. Auch im aktuellen Fall wird eine Verbindung geprüft. Erst am Donnerstag hatte es eine groß angelegte Razzia im Berliner Clan-Milieu gegeben.

Polizei richtet Hinweisportal zum Hochladen von Videos ein

Nach Angaben der Polizei leiden die Clans unter Geldnot, nicht nur weil die ständigen Razzien Wirkung zeigen. Auch die Corona-Regeln sind schlecht für die kriminellen Geschäfte. So werden weniger Drogen verkauft, weil die Clubs geschlossen sind. Auch Shishabars dürfen nicht öffnen, der lukrative Handel mit unversteuertem Shisha-Tabak fällt weg. Neben dem Drogenhandel ist dieser aber eine große Einnahmequelle. Erst im November hatte der Zoll eine Lagerhalle in Buckow gestürmt, wo zehn Tonnen illegaler Tabak lagerten, der in den Bars nicht verbraucht worden war. 

Zu dem aktuellen Überfall hat die Polizei auf ihrer Homepage ein Hinweisportal eingerichtet, auf dem Zeugen Hinweise und Aufnahmen einstellen können: https://be.hinweisportal.de/~portal/de/select