Moschee in Wünsdorf in Brandenburg: Die Dschihad-Strategie der Deutschen

Wünsdorf - Links ein überdachter Parkplatz, rechts ein maroder Häuserblock, weiter hinten ein leerstehendes Fabrikgebäude – es bedarf einer gehörigen Portion Vorstellungskraft, hier ein Gotteshaus mitsamt Minarett vor dem inneren Augen entstehen zu lassen. Nichts ist heute mehr davon übrig, nur eine kleine goldene Plakette im Boden gibt einen Hinweis darauf, dass an diesem Ort die erste Moschee zur Religionsausübung auf deutschem Boden stand.

„Meine Ur-Großeltern hätten mir wohl noch etwas über die Moschee und das Kriegsgefangenenlager erzählen können, leider kann ich sie jetzt nicht mehr fragen“, sagt Maria Tiedemann. „Viele an meiner Schule wissen aber überhaupt nicht, dass es die Moschee hier gab.“ Drei Monate lang hat sich die Neuntklässlerin der Geschwister-Scholl-Schule Dabendorf im Rahmen eines Schulprojektes mit dem Halbmondlager beschäftigt und die Moschee aus Pappe, Papier und Holz im Maßstab 1:100 nachgebaut. Die echte Moschee war vor hundert Jahren ein Publikumsmagnet. In Scharen kamen Besucher aus Berlin nach Zossen bzw. Wünsdorf, um die exotischen Gefangenen zu bestaunen.

Zwei Lager waren hier Ende des Jahres 1914 gegründet worden: das Weinberglager und das Halbmondlager. 12.000 Gefangene wurden im Weinberglager untergebracht, hauptsächlich Muslime aus Russland, vor allem Kasan-Tataren, aber auch christliche Georgier und Armenier. Im Halbmondlager waren rund 4.000 Kriegsgefangene überwiegend islamischen Glaubens aus den Kolonien Großbritanniens und Frankreichs interniert, neben Nord- und Westafrikanern saßen dort muslimische Inder, aber auch Hindus und Sikhs.

„In dem uns aufgedrängten Kampfe gegen England, den dieses bis aufs Messer führen will, wird der Islam eine unserer wichtigsten Waffen werden“, schrieb der Diplomat Max von Oppenheim 1914 in einer Denkschrift, die er dem Orientliebhaber Kaiser Wilhelm II. vorlegte. Diese Schrift wurde zur Grundlage für die deutsche „Dschihad-Strategie“, die die französischen, britischen und russischen Kolonialvölker gegen „ihre“ Herren aufwiegeln sollte. Am 14. November 1914 hatte in Konstantinopel der Sultan-Kalif Mehmed Raschad auf Drängen Deutschlands den „Heiligen Krieg“ gegen Großbritannien und Russland ausgerufen. Nun sollten die muslimischen Kriegsgefangenen zu Verbündeten gemacht werden. „Es war ein Propagandalager“, sagt Maria Tiedemann, „die Gefangenen wurden dort besser behandelt als in anderen Lagern, sie bekamen besseres Essen und durften auch Spiele spielen.“ Und sie durften ihre Religion ausüben.

Dafür sollte möglichst rasch eine Moschee entstehen. Auf einer Grundfläche von 240 Quadratmetern wurde sie in nur fünf Wochen aus Holz hochgezogen. Der Felsendom in Jerusalem fand sich darin wieder, das Minarett war osmanisch, auch nordafrikanische Einflüsse waren zu erkennen. „Das Minarett war 25 Meter hoch“, sagt Maria Tiedemann, Am 13. Juli 1915 wurde die Moschee eingeweiht.

Häufig wurden zu wichtigen islamischen Festen offizielle deutsche und türkische Gäste aus Politik und Militär eingeladen. Mit Fotos in Zeitungen sollte die gute Behandlung der Gefangenen in die Welt getragen werden. In lagerinternen Zeitungen, die die Häftlinge in ihrer eigenen Sprache zum Lesen bekamen, wurden wiederum England und Frankreich als brutale Kolonialherren dargestellt, von denen es sich zu befreien galt. Sonderlich erfolgreich war die Strategie der Deutschen nicht, rund 1 800 Soldaten liefen zur deutschen Seite über.

Heike Liebau wohnt in Zossen und forscht seit Jahren zu den Lagern. Sie interessiert sich besonders für das Verhältnis zwischen den Gefangenen und den ortsansässigen Brandenburgern. „Es ist schwer, Genaueres herauszufinden“, sagt die Historikerin, „wir wissen aber zumindest, dass Gefangene auch auf Bauernhöfen und Gütern gearbeitet haben. Einige versuchten zu fliehen.

Einen Steinwurf vom Standort des Halbmondlagers entfernt sollen bald wieder Fremde untergebracht werden. Als eine weitere Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge soll Zossen Eisenhüttenstadt entlasten. Auf die dafür vorgesehenen Wohnblocks wurde im Mai ein Brandanschlag verübt. Heike Liebau ist auch im „Runden Tisch für Flüchtlingshilfe“ engagiert.

Die Moschee im Halbmondlager wurde nach Ende des ersten Weltkrieges und nach Schließung des Lagers noch weiter genutzt – aus der ganzen Region reisten Muslime an, um dort religiöse Feste zu feiern. 1923 musste sie wegen Baufälligkeit geschlossen werden und wurde 1924 endgültig abgerissen. Die Straße, die dort hinführt, heißt heute Moscheestraße – die einzige in Deutschland.