Als Marco Klimmt vor fünf Jahren im fränkischen Coburg zu einem Gespräch in die Vorstandsetage von Brose gebeten wurde, ahnte er noch nicht, dass das Thema Auto, das bis dahin seine Karriere bestimmte, für ihn bald keine Rolle mehr spielen würde.

Sein oberster Chef war gerade von einer Dienstreise aus China zurückgekehrt und dort zu der Überzeugung gelangt, dass das elektrifizierte Fahrrad ein ganz großes Ding werden würde. Klimmt solle sich darum kümmern. Damals war er 35 und bereits seit 18 Jahren bei dem Automobilzulieferer beschäftigt. Der wollte nun plötzlich das Fahrrad entdecken.

Fünf Jahre und eine 3,4-Millionen-Euro-Investition später steht der 40-jährige Klimmt in der Fertigungshalle in der Moabiter Sickingenstraße. Seit dem vergangenen Sommer werden hier Motoren für Elektrofahrräder produziert. In ein paar Monaten soll von Ein- zum Zweischichtbetrieb gewechselt werden. „Es läuft gut“, sagt Klimmt. Derzeit beliefert Brose die Fahrradmarken Bulls und Rotwild. Läuft es weiter nach Plan, werden in spätestens drei Jahren jährlich eine Million Fahrradmotoren aus Berlin kommen. Brose ist neues Berlin.

Denn während die Elektromobilität hierzulande noch immer so bewegungsfaul wie ein Supertanker in Fahrt kommt, nutzt das industrieschwache aber wissensreiche Berlin die Chance und versucht Vorsprung zu gewinnen. Die Stadt versteht sich als Praxislabor, in dem entlang der abgasfreien Motorisierung neue Wertschöpfungsketten entstehen und Berlin zur elektromobilen Referenzstadt wird. Immerhin ist der Anteil der Stromautos am gesamten Pkw-Bestand in Berlin schon mal fast doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt.

Citroën etwa hat hier eine Carsharing-Flotte mit 350 Autos im Einsatz und Daimler in der Mercedes-Welt am Salzufer eine spezielle Service-Werkstatt, in der ein Dutzend Techniker mehr als 300 Fahrzeuge mit Elektro- und Hybridantrieb betreuen. Insgesamt arbeiten rund 200 Berliner Unternehmen am verstromten Individualverkehr.

Weitere 250 haben das Potenzial, demnächst einzusteigen, und schon jetzt kommen immer neue von außen hinzu. Junge App-Entwickler oder gestandene Firmen wie das US-Unternehmen Local Motors (siehe unten), das E-Autos druckfrisch auf die Straße bringen will.

„In Berlin kann man neue Sachen einfach mal ausprobieren“, sagt Brose-Mann Marco Klimmt. Dass sich das Unternehmen mit der E-Bike-Motoren-Fertigung für Berlin entschied, hat aber auch mit Tradition zu tun. Schließlich wurde Brose 1908 in Berlin gegründet. Mit den Fahrradmotoren wächst nun ein neues Kapitel der Firmengeschichte quasi aus den Wurzeln. Die neue Berliner Sparte ist längst ein eigener Bereich, der sich Brose Antriebstechnik nennt. Dass irgendwann auch Motoren für Transporträder und Scooter in Moabit produziert werden, davon ist auszugehen.

Dabei ist die Sickingenstraße ein bisschen so etwas wie der Berliner Kreißsaal der Elektromobilität. Ein paar Hundert Meter vom Brose-Werk entfernt wurde bei der Firma Grace das E-Bike für die Kleinwagenmarke Smart entwickelt. Unmittelbarer Nachbar ist Continental. Der Automobilzulieferer hat hier seine Entwicklung für Elektro- und Hybridantriebe konzentriert.

130 Mitarbeiter tüfteln in Moabit. Von ihnen wurden hier auch jene Elektromotoren kreiert, die heute Renaults E-Mobil-Flotte von Zoe bis Kangoo antreiben, mit der die französische Marke hierzulande Marktführer wurde. Kein Automobilhersteller verkauft in Deutschland mehr E-Mobile. Derzeit werden in der Sickingenstraße Motoren für ein neues 48-Volt-Hybridsystem entwickelt. Im nächsten Jahr soll die Serienreife erreicht werden. Die Auftragsbücher sind prall gefüllt.

Berlin kann auch komplett fertigen. In der Halle 6 des BMW-Motorradwerks in Spandau werden seit dem vergangenen Frühjahr Zweiräder der besonderen Art produziert: leise, ohne Tank und ohne Auspuff. Dreieinhalb Jahre hatte BMW seinen Elektroscooter entwickelt. Inzwischen werden pro Tag etwa fünf Elektroroller fertiggestellt. Insgesamt verkaufte BMW im vergangenen Jahr 550 Roller. Nicht sehr viel, aber ein Anfang. „Elektrifizierte urbane Mobilität ist auf lange Sicht die Zukunft“, sagt BMW-Werkleiter Marc Sielemann.

Darauf setzt auch Knut Hechtfischer. Der 43-jährige Jurist ist Chef und Gründer des Unternehmens Ubitricity, das sich wie rund 100 andere Start-ups im Forschungscampus Euref am Schöneberger Gasometer niedergelassen hat. Es ist eine Art Denkfabrik, die sich als Impulsgeber für die Energiewende in Deutschland versteht.

Mobiler Stromzähler

Hechtfischer indes will mehr als nur Anstöße geben. „Wir wollen die Welt erobern“, sagt er, und das, was seine Firma zu bieten hat, scheint das Potenzial dafür zu haben. Ubitricity hat eine Lösung gefunden, den herkömmlichen Stromzähler mobil zu machen wie aus dem Festanschluss das Handy wurde. Daraus ergeben sich charmante Anwendungsmöglichkeiten. Zum Beispiel kann Ubitricity jede Straßenlaterne schnell und kostengünstig zu einer Stromtankstelle für Elektromobile aufrüsten. „Sogar, wenn an der Laterne noch zwei Fahrräder angeschlossen sind“, sagt der Chef, ein gebürtiger Berliner. Eine Ladestation kostet damit nur noch 300 statt 5000 Euro.

Die patentgeschützte Idee ist mittlerweile weltweit auf großes Interesse gestoßen. Aber nach einigem behördlichen Gewirr sollen nun auch in Berlin 100 der insgesamt 270.000 Laternen aufgerüstet werden, sodass man dort sein E-Mobil laden kann. Vorausgesetzt, der Parkplatz an der Laterne wird nicht von einem Auto mit Benzin- oder Dieselmotor blockiert. Denn kurioserweise ist der Parkplatz vor der Ubitricity-Tankstelle im Gegensatz zu anderen Ladesäulen nicht für E-Fahrzeuge reserviert. Wo neue Ideen mit dem alten Berlin kollidieren, hat das Praxislabor noch manchmal geschlossen.

Aber die Referenzstadt vermag alte Leidenschaften zu bedienen. Im Mai macht der Rennzirkus der Formula E auf dem Tempelhofer Feld Station. Damit wird es 17 Jahre nach dem letzten Automobilrennen auf der Avus wieder Motorsport in Berlin geben. Mitten in der Stadt.