Der Moviemento-Betreiber Wulf Sörgel sagt, dass es eigentlich im Moment ganz gut laufe für das Kino. Wie lange das geht, weiß er allerdings nicht.
Foto: Andreas Klug

BerlinDie Wände sind mit Plakaten von Kinderfilmen tapeziert, hinter der Theke poppt das erste Popcorn des Tages aus der Maschine. An der Kasse zahlt eine Frau für sich und ihre kleine Tochter. Eigentlich läuft es im Kreuzberger Kino Moviemento zurzeit gut. „Wir haben in den letzten Jahren so viele Besucher wie noch nie“, sagt Betreiber Wulf Sörgel. Trotzdem muss Sörgel um sein Kino fürchten, trotzdem flehen Plakate an der Eingangstür um Spenden: „Werde Moviemento-Retterin!“

Denn das Team von Deutschlands vermutlich ältestem Kino, eröffnet 1907, kämpft gerade einen Kampf, den so viele Berliner Kulturschaffende kennen: den Kampf gegen die Immobilienspekulation. Das Moviemento belegt das erste, fast fensterlose Stockwerk eines Hauses am Kottbusser Damm, nahe des U-Bahnhofs Schönleinstraße.

Fünf Verkäufe miterlebt

Die Grenzregion zwischen Kreuzberg und Neukölln hat sich in den vergangenen Jahren rasant verändert, viele türkische Läden sind hippen Gastro-Läden gewichen. Von Gentrifizierung habe in diesem Kiez noch nie die Rede sein können, sagt Sörgel. „Das ist Goldgräberei, nichts weiter.“ Oft schon hat das Haus des Moviemento den Besitzer gewechselt. Sörgel gehört das Kino seit 2007, er hat seither fünf Verkäufe miterlebt. Kaufpreise kursierten dabei nur gerüchteweise, die Summen schraubten sich immer weiter in die Höhe.

Mehrfach landete das Haus in Händen großer Immobiliengesellschaften, zuletzt bei einer Firma, die mehrheitlich der Deutsche Wohnen gehört. Wurde das Gebäude zuerst noch als Ganzes verkauft, werden inzwischen Stockwerke und Wohnungen einzeln losgeschlagen. Das Moviemento erfuhr vom geplanten Verkauf erst im Oktober – durch zwei Maklerinnen, die plötzlich im Foyer des Kinos standen und ankündigten, dass sie die Räume des Kinos begutachten und zügig verkaufen wollten.

Sörgel dachte erst, es sei ein schlechter Scherz. Schließlich erfuhr er den Preis, für den die Kino-Etage verkauft werden soll: 1,868 Millionen Euro. Sörgel ist ein ruhiger Mensch. Doch er ist Cineast durch und durch. Gemeinsam mit Iris Praefke, seiner Partnerin in Beruf und Privatleben, betreibt er noch zwei andere Kinos in Berlin. Mit zwei Mitarbeitern kämpft das Paar jetzt an mehreren Fronten, um das Moviemento selbst zu kaufen. Sie diskutieren mit dem Immobilienunternehmen, um den Preis zu senken.

Kämpfe an mehreren Fronten

Sie haben eigene Reserven zusammengekratzt, die für die Renovierung ihrer Kinos gedacht war. Sie haben Freunde und Geschäftspartner gefragt. 400 000 Euro haben sie so zusammenbekommen. Zusätzlich haben sie ein Crowdfunding auf der Plattform Startnext gestartet, bewerben es online und mit Plakaten und Flyern. In einem ersten Schritt wollen sie so 100 000 Euro sammeln und hoffen darauf, dass sich dann mehr Großinvestoren melden. Es läuft bisher ganz gut: Rund 1 500 Menschen haben bereits 76 730 Euro gespendet.

Die Unterstützung für das Independent-Kino ist groß. Schauspieler wie Benno Fürmann erzählen in einem Video, dass sie ihren ersten Kinofilm im Moviemento gesehen haben und fordern zum Spenden auf. Kommunalpolitiker aus fast allen Parteien teilen immer wieder den Link zum Crowdfunding und bekunden verbal Unterstützung.

Das Moviemento, nach eigener Aussage Deutschlands ältestes Kino, muss schließen, wehrt sich aber mit einem Crowdfunding. Warum fühlt sich für die Kinos niemand zuständig?
Foto: Andreas Klug

Politik nur bedingt zur Hilfe bereit

Mehr aber kann die Politik nicht tun. Das sagen seufzend die Politiker, das sagt stirnrunzelnd Wulf Sörgel. Gibt es für Mietwohnungen das neue und umstrittene Instrument des Vorkaufsrechts, das Bezirk und Land ziehen können, um sie vor spekulativen Verkäufen zu bewahren, laufen Kinos – wie alle anderen Kulturstätten – unter Gewerberecht. Und da gibt es kaum Regeln, keine Grenzen der Gewinnmaximierung. Florian Schmidt, Baustadtrat in Friedrichshain-Kreuzberg, der das Vorkaufsrecht für Mietwohnungen am intensivsten nutzt, teilt der Berliner Zeitung mit, dass es neuer Gesetze auf Bundesebene bedürfe.

Die Senatskanzlei des für Kinos zuständigen Regierenden Bürgermeisters antwortet nicht. Sörgel genügt das nicht. Er sieht Kinos und Theater in Berlin schließen – und befürchtet, dass diese Schließungen endgültig sind. „Wir müssen uns als Gesellschaft die Frage stellen, ob wir solche Orte, ob wir Kunst und Kultur erhalten wollen“, sagt er. „Und zwar jetzt. Sonst ist es zu spät.“