Siegfried Wagner steht im Wohnzimmer seines Hauses in Pankow und schüttelt immer wieder mit dem Kopf. Sein Blick fällt dabei zum Kamin, auf dem ein großes Schwarz-weiß-Foto mit dem Müggelturm steht. Dann schaut er zum hölzernen Wohnzimmertisch, auf dem eine aufgeschlagene Zeitung liegt. Eine Abbildung darin zeigt den Müggelturm. Seinen Müggelturm. Und einen geplanten Zwillingsturm daneben. „Nein, das geht überhaupt nicht“, sagt Wagner. „Dieser Zwillingsblödsinn darf auf keinem Fall gebaut werden.“

Siegfried Wagner, 87 Jahre alt, ist einer der Architekten, die 1958 die Pläne für den Müggelturm entworfen haben. Bis 1961 wurde ihr Müggelturm dann in den Müggelbergen errichtet. Dass der jetzige Grundstückseigner und Immobilienunternehmer Matthias Große neben dem alten Müggelturm noch einen zweiten errichten will, erfuhr Wagner aus der Zeitung. Seitdem ärgert er sich darüber, was auf den Müggelbergen künftig passieren soll, auch wenn der Bezirk Treptow-Köpenick diesem Plan noch nicht zugestimmt hat. „Für mich ist der Plan richtiger Kitsch“, sagt Wagner. Das beliebte Ausflugsziel der Berliner sei „ein einzigartiges Ensemble, das nicht durch einen zweiten Turm zerstört werden darf“. Wagner sagt: „Die Zwillingstürme entwürdigen das ganze Areal.“ Seit jeher habe auf den Müggelbergen nur ein Turm gestanden.

Als Student beauftragt einen Entwurf anzufertigen

Zuerst war es ein Holzaussichtsturm, den 1889 der Köpenicker Wäscherei-Unternehmer Carl Spindler aufbauen ließ. Der brannte 1958 bei Renovierungsarbeiten ab. Mit Spenden der Berliner über das Nationale Aufbauwerk sollte ein neuer Turm errichtet werden. Über 130.000 DDR-Mark kamen zusammen. „Staatliches Geld floss damals eher in den Bau für Wohnungen im Stadtzentrum. Für Bauten wie einen neuen Aussichtsturm am Stadtrand war kaum Geld da“, erzählt Wagner.

Er erinnert sich an diese Zeit noch genau, die sein berufliches Leben verändern sollte. Der gelernte Tischler studierte damals Architektur an der Kunsthochschule Weißensee. Er war 1958 im fünften Studienjahr, als er und seine Kommilitonen Jörg Streitparth und Klaus Weißhaupt den Auftrag erhielten, einen Entwurf für den neuen Müggelturm anzufertigen. Streitparth und Weißhaupt sind bereits verstorben.

Ovale Turm-Form

„Es gab einen Ideenwettbewerb, den damals die Berliner Zeitung zusammen mit dem Magistrat und dem Rat des Stadtbezirkes ausgerufen hatte. Insgesamt 36 Entwürfe wurden eingereicht, einer kam sogar von einem West-Berliner Architekten“, erzählt Wagner. Zugegeben, der Entwurf der drei Nachwuchs-Architekten war für die damalige Zeit gewagt – ihr Turm hatte einen ovalen Grundriss. „Aber wir siegten“, sagt Wagner. Allerdings habe die Baukommission später gefordert, dass ihr Plan geändert werde, weil die ovale Form angeblich bautechnisch nicht realisierbar gewesen sei.

„Ich vermute, unser Turm wirkte der Kommission zu westlich und entsprach nicht den Richtlinien der DDR-Architektur jener Zeit. Nach langem Hin und Her änderten wir den Entwurf. Der Müggelturm erhielt eine Kastenform.“ Als Anerkennung erhielten die Studenten einen Blumenstrauß und eine Flasche Sekt, später eine Reise nach Prag.

Das Manko des Müggelturms

Dank des Müggelturmes wurden die Studenten zu den gefragtesten Architekten der DDR. Sie waren an der Planung des Hauses des Lehrers am Alex beteiligt. Streitparth arbeitete beim Entwurf zum Fernsehturm mit. Wagner erinnert sich, dass er noch während des Baus des Müggelturms die Pläne für die Kongresshalle am Alexanderplatz erstellte. Danach wurde er für fünf Jahre zum Stadtarchitekten von Hoyerswerda ernannt. In den 1970er-Jahren arbeitete Wagner am Palast der Republik mit, er gestaltete den Operationstrakt der Charité, er war auch für den Wohnungsbau in Marzahn und Ahrensfelde zuständig.

Nun will sich der Architekt wieder mit dem Müggelturm beschäftigen. Auch wenn es nur darum geht, einen Zwillingsbau zu verhindern. Dabei kennt auch Wagner das Manko des Müggelturms: Die 126 Stufen bis zur Aussichtsplattform halten viele Besucher von einem Aufstieg ab. „Ein Fahrstuhl war damals wegen Geldmangels nicht gefordert“, sagt Wagner. Doch die Idee, einen zweiten Turm mit Fahrstuhl zu bauen, damit jeder die Aussicht auf die Müggelberge in fast 30 Metern Höhe genießen kann, sei ein Unding. „Wenn ich dem zustimmen würde, würden sich meine einstigen Mitstreiter im Grab umdrehen“, sagt Wagner. „Ich werde nach einer Lösung suchen, wie Menschen mit Handicap auch ohne zweiten Turm nach oben kommen. Den Entwurf lege ich dann dem Denkmalschutz vor.“