Berlin-Köpenick - Siegfried Wagners Urteil fiel zunächst vernichtend aus: „Kitsch“ nannte der Mann, der zusammen mit drei Kollegen einst den 1961 eröffneten Müggelturm entworfen hatte, die Pläne für das Köpenicker Wahrzeichen.

Müggelturm-Besitzer Matthias Große wollte einen Zwillingsturm neben dem Original errichten. Man dürfe so etwas nicht bauen, sagte der 87-jährige Wagner erst. Nun hat der Architekt nicht nur seine Meinung radikal geändert, er arbeitet jetzt sogar mit Große zusammen.

Herausgekommen ist ein völlig neuer Entwurf. Statt des kastenförmigen Zwillings soll dieser nun in ovaler Form entstehen. So hatten Wagner und seine bereits verstorbenen Kollegen den 1959 in Auftrag gegebenen Neubau ursprünglich geplant.

Barrierefreiheit für den Müggelturm  

Zu der Zusammenarbeit kam es nach einem Treffen Anfang März. „Durch Zufall hatte ich von einer Informationsveranstaltung erfahren, die Herr Große zu dem geplanten Zwillingsturm abhielt“, sagt Wagner. „Bis zu 50 Zuhörer, meist ältere Menschen, waren da. Sie zeigten sich begeistert von Großes Idee, einen Zwillingsturm mit Fahrstuhl und Übergang zum jetzigen Turm zu bauen, damit auch Menschen, die nicht mehr gut zu Fuß sind, die Aussicht in über 29 Metern Höhe auf die Müggelberge genießen können.“ Dies könnten laut Große etwa 40 Prozent der Besucher nicht.

„Menschen im Rollstuhl oder mit Rollator, die gerne auch auf den Turm wollten, mussten unten bleiben, weil sie wegen der 126 Treppenstufen nicht nach oben kommen“, sagte Große im Januar, als die Berliner Zeitung erstmals über seinen Zwillingsturm-Plan berichtete. Der Anbau würde das einzigartige Ensemble zerstören, erklärte dagegen der Architekt zunächst bei dem Info-Abend. „Das sorgte für Tumult“, sagt er. „Die Zuhörer hielten mir vor, älteren Menschen mit Handicap die Chance zu nehmen, wieder auf den Turm zu kommen, der für sie immer noch ein beliebtes Ausflugsziel ist. Das gab mir zu denken.“

Siegerentwurf von 1958: Oval war zu modern für die DDR

Nach der Diskussion traf sich Wagner mit Große zu einem Gespräch. „Herr Große schlug vor, als Zwilling den ovalen Turm zu bauen, unseren Siegerentwurf von 1958, der dann aber wegen seiner zu modernen Architektur für die DDR am Ende nicht realisiert wurde“, sagt Wagner. „Der Vorschlag hat mich positiv überrascht. Ich halte ihn für machbar.“

Wagner erstellte mit seinem Sohn Thomas einen Entwurf, wie der ovale Turm neben dem jetzigen Müggelturm aussehen sollte. Der Turm-Eigner ist bereit, dies auch zu bauen. „Damit schließt sich für mich der Kreis einer Berliner Architektur-Geschichte“, sagt Große.