Sie sehen martialischer aus als sie tatsächlich sind: In Cowboystiefeln, schwarzen Hosen und dunkelgrünen Hemden wirken die sechs Uniformierten, die an diesem Abend durch die Neuköllner Friedelstraße ziehen, als würden sie bei einem privaten Sicherheitsdienst arbeiten. Oder beim Militär. Und wenn sie dann im Gleichschritt und im lauten Kommandoton über den Gehweg marschieren, dass die Stiefel nur so knallen, ist der Gedanke, nun kommt die schnelle Eingreiftruppe, gar nicht mal so abwegig.

Doch die sechs Leute in ihren Phantasie-Uniformen wollen tatsächlich nur spielen. Schauspielen. Gegen den Müll in dieser Stadt. Mit einer Performance. Sie sind die Müllpolizei mit Besen und Humor. „Müll and the Gang“ heißt die internationale Truppe freier Schauspieler. An den kommenden Abenden im Juli und August wird die Schauspieltruppe mit ihrer Straßenperformance durch die Straßen von Kreuzberg und Neukölln ziehen, vor Cafés, Bars und Restautrants stoppen, Gäste und Passanten mit dem Thema Müll konfrontieren – spielerisch und unterhaltsam, laut und lustig, „mit Sympathie und Charme“, bloß nicht aufdringlich und belehrend, sagt Andrea Bittermann.

Keine Kaffee-to-go-Becher mehr

Die Regisseurin hat sich diese fast einstündige Straßenperformance mit Improvisationstheater ausgedacht. Sie sagt, sie wolle bei den Menschen mehr Bewusstsein zur Müllvermeidung entwickeln. Also etwa dafür sorgen, dass sie keine Kaffee-to-go-Becher mehr benutzen, dass sie leere Dosen, Flaschen, Pizzakartons, Dönerpapier und Zigarettenkippen nicht einfach fallen lassen. Immerhin landen 170 Millionen Kaffee-Einwegbecher jedes Jahr im Berliner Müll, rund 2400 Tonnen.

Der Regisseurin geht es aber um weit mehr als nur den Dreck auf der Straße. Sie spricht davon, Plastik zu vermeiden, mehr Baumwolltaschen zu nutzen, Lebensmittel zu teilen statt wegzuwerfen und bei Tauschbörsen mitzumachen, statt ständig neue Gegenstände zu kaufen. „Uns muss doch mal klar werden: Was passiert denn auf dieser Welt, wenn wir so weitermachen und immer mehr Müll produzieren?“, sagt sie.

„Die Ratten kommen“

Mit Straßentheater gegen Müll beschäftigt sich Andrea Bittermann schon ein paar Jahre. 2012 joggte sie an einem Montagmorgen durch den zugemüllten Görlitzer Park. Daraus entstand das Stück „Die Ratten kommen“ – aufgeführt inmitten der Grillplätze auf dem Tempelhofer Feld. Das war ihr Protest gegen die Angewohnheit vieler Griller, Essensreste liegenzulassen. „Ratten lieben Müll“, sagt sie.

Im vergangenen Jahr trat die Schauspielgruppe „Müll and the Gang“ erstmals in Kreuzberg auf. Die Reaktionen waren verschieden. Passanten rempelten die Künstler an, Ladenbesitzer schlugen wütend ihre Türen zu, Passanten rempelten die Künstler an und beschimpften sie. Doch die Truppe spürte auch Sympathie.

„Welcher Mülltyp bin ich?“ 

Ein Straßenmaler zeichnete sie, ein Cafébesitzer spendierte Kuchen, jemand schenkte Weintrauben. Die Schauspieler müssen bereit sein, schnell auf alles zu reagieren. Nun folgt eine weitere Performance, erneut gefördert von der Stiftung Naturschutz und Trenntstadt Berlin.

Als die Schauspieler zur Probe am Mittwochabend durch die Friedelstraße marschieren, treffen sie auf wohlwollende Blicke. Die Gäste in den Cafés und Restaurants applaudieren, sie beantworten bereitwillig die Fragen im Quiz „Welcher Mülltyp bin ich?“

Die Schauspieler zeigen Besengymnastik und Paarübungen, fluchen ungehobelt, lassen ihre Trillerpfeifen schrillen, tanzen um die Stiele, schlagen rhythmisch ihre Besen auf den Fußweg. Gereimt haben sie auch: „Wir sind Müll and the Gang. Wir lassen unsere Stadt nicht hängen.“ Die Schauspieler marschieren vorbei an einem klapprigen Bürostuhl und einem alten Sessel. Entsorgt auf der Straße. Und passende Requisite zum Stück.

Premiere: 20. Juli, 19 Uhr Friedelstraße/ Maybachufer. Zu allen folgenden Tagen und Orten, klicken Sie hier.