Die Straßen von Neukölln versinken im Müll. Der Bezirk steht nicht nur auf der Kippe, er wird regelrecht zur Kippe. Das klingt nach Übertreibung, aber ein Besuch der Sonnenallee beweist, dass es wahr ist. Jeden Tag tauchen dort alte Kühlschränke, ramponierte Möbel, stinkende Matratzen und sonstiger Sperrmüll auf. Der illegal abgestellte Schrott blockiert die Geh- und Radwege. Hinzu kommt haufenweise Wegwerf-Müll: Plaste-Verpackungen, Kaffeebecher, Zigaretten-Kippen. Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel (SPD) spricht von einem „riesigen Problem“. Die Bußgelder für Müllsünder müssten drastisch erhöht, teils verdoppelt oder sogar verdreifacht werden.

Müll in Neukölln: Bußgelder verdreifachen

Die bisherigen Strafen seien „nicht wirklich abschreckend“, sagte Hikel dem RBB-Inforadio. Das Bußgeld etwa für die illegale Entsorgung von Autoreifen liege bei 75 Euro aufwärts. Es müssten künftig aber mindestens 250 Euro sein. Das wäre sogar mehr als eine Verdreifachung.

Bürgermeister Hikel steht unter Handlungsdruck, denn immer mehr Neuköllner Bürger beschweren sich über illegal entsorgten Müll. „Im Jahr 2018 gingen bei unserem Ordnungsamt über 12.000 solcher Meldungen ein, das waren mehr als 34 pro Tag“, so Hikel. Die Müllmenge sei so groß, dass man ihr kaum Herr werde – trotz elf neu geschaffener Stellen im Ordnungsamt und verlängerten Einsatzzeiten bis Mitternacht.

Diese Gegenden in Neukölln sind besonders vermüllt

Den größten Handlungsbedarf gibt es laut Bezirksamt in sieben Neuköllner Gegenden, in denen es zu besonders vielen illegalen Müll-Abladungen kommt. Es sind: Kiehlufer, Mittelbuschweg, Oderstraße, Saalestraße, Waßmannsdorfer Chaussee, Mittelweg (Ecke Thomasstraße) und Quarzweg (Ecke Sangerhauser Weg).

Im Bezirksvergleich liegt Neukölln beim illegal entsorgten Sperrmüll klar auf dem ersten Platz: Die BSR musste dort im vergangenen Jahr 9480 Kubikmeter abräumen. Friedrichshain-Kreuzberg folgte mit 7042 Kubikmetern auf Platz zwei. Dann kamen: Mitte (5468), Tempelhof-Schöneberg (2077), Pankow (1906), Charlottenburg-Wilmersdorf (1457), Spandau (1197), Reinickendorf (875), Lichtenberg (788), Treptow-Köpenick (710), Steglitz-Zehlendorf (651) und Marzahn-Hellersdorf (203). Die Entsorgungskosten für ganz Berlin liegen bei 4,5 Mio. Euro im Jahr.

Müll-Problem hat ganz Berlin erfasst

Die Zahlen zeigen: Das Müll-Problem hat auch andere Berliner Bezirke und letztlich die ganze Stadt erfasst. Deshalb muss eine effektive Lösung stadtweit ansetzen. Der Senat hat bereits Ende 2017 beschlossen, knapp 8,5 Millionen Euro für die Müllbekämpfung lockerzumachen und 102 zusätzliche Jobs bei den Ordnungsämtern zu schaffen. Erst sollten diese Zusatz-Mitarbeiter nur als „Waste Watcher“, also Müllbeobachter, unterwegs sein. Aber es zeigte sich rasch, dass sie auch dringend für andere Aufgaben wie Ordnungsverfahren gegen ertappte Müllsünder gebraucht werden.

Auch der Plan, die Strafen drastisch zu erhöhen, ist kein Neuköllner Alleinstellungsmerkmal. Thomas Fischer, Abfall-Experte der Deutschen Umwelthilfe, fordert mit Blick auf den alltäglichen Wegwerf-Müll „erhöhte Bußgelder zwischen 100 und 200 Euro für das Wegwerfen von Zigaretten-Kippen“ – und zwar in ganz Berlin. Vorbild sei der asiatische Stadtstaat Singapur, wo die Vermüllung von Straßenland mit einem Bußgeld von bis zu 2000 Singapur-Dollar (fast 1300 Euro) oder drei Monaten Knast bestraft werden kann. Sogar das Taubenfüttern wird als Vermüllung betrachtet und mit einer Strafe von bis zu 500 Singapur-Dollar (323 Euro) geahndet.

Grünen-Abgeordneter fordert Gratis-Sperrmüll - BSR winkt ab

Im Kampf gegen die wachsende Müll-Plage hat der Berliner Grünen-Abgeordnete Georg P. Kössler noch eine andere Idee: Er fragt sich, ob vielleicht auch deshalb so viel Sperrmüll auf den Straßen Berlins landet, weil die Sperrmüll-Abholung der BSR mit 50 Euro recht teuer ist. „Die Tarife sind zu hoch. Es müsste entweder einen Sozialtarif geben oder die Abholung wird kostenlos“, sagte Kössler im Juni bei einer Diskussionsrunde der Umweltorganisation BUND.

Doch von Gratis-Abholungen will die BSR nichts wissen. Der größte Teil des illegal entsorgten Plunders stamme nicht von Privathaushalten, sondern von Gewerbe. Es gebe einen regelrechten Mülltourismus und Entrümpler, die Entsorgungskosten sparen wollen und ihren Sperrmüll einfach im Straßenland verteilen. Den unseriösen Geschäftemachern dürfe man durch Gratis-Abholungen nicht noch das Leben erleichtern.

Angesichts all dieser Müllprobleme klingt der Senatsplan, Berlin zur Zero-Waste-City (Null-Müll-Stadt) zu machen, sehr ehrgeizig. Berlin soll so wenig Müll wie irgend möglich produzieren und seinen Abfall komplett recyceln. Auf dem Weg dorthin soll das Öko-Bewusstsein der Berliner geschärft werden. Das ist, wie es aussieht, dringend nötig.