Berlin - Herr Müller, seit Juni ist das Gesetz zum Erhalt des Tempelhofer Feldes in Kraft. Können Sie uns sagen, was auf der großen Fläche von der bisherigen Nutzung künftig erlaubt ist und was nicht?

Wir haben mit dem Gesetz einen Auftrag erhalten als Verwaltung, in einem breiten Beteiligungsverfahren zu untersuchen und darzustellen, was geht und was nicht geht. Dieses Beteiligungsverfahren organisieren wir gerade. Wir müssen die Fläche untersuchen, wir müssen einen Pflege- und Entwicklungsplan erarbeiten. Es muss klar werden, was es an Wünschen der Berliner gibt – natürlich jenseits der Bebauungsfrage. Bis spätestens Mitte nächsten Jahres wollen wir Pläne vorliegen haben, was in Tempelhof gemacht werden kann.

Wie wollen Sie ermitteln, was sich die Bürger vorstellen?

Als erstes werden wir den Nutzerbeirat, den wir schon haben, verändern und breiter aufstellen. Er soll zu einem Beteiligungsbeirat werden. Tilmann Heuser, der Chef des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Berlin, wird dieses Gremium koordinieren. Er ist ein anerkannter Fachmann. Wir wollen parallel dazu die Nutzer des Tempelhofer Feldes in einem Online-Dialog aufrufen, ihre Wünsche zu den Sport- und Freizeitmöglichkeiten, aber auch zu Veranstaltungen auf dem Feld zu äußern.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, dass mit Tilmann Heuser einer der schärfsten Kritiker der früheren Planung den Beteiligungsbeirat leiten soll?

Wir wollen eine Basis schaffen, auf der wir einen breiten und konstruktiven Dialog hinbekommen darüber, wie es weitergeht. Da haben wir mit Heuser einen Fachmann, der auch die Details kennt, der viele Debatten begleitet hat, der Naturschutzexperte ist. Er kennt die Akteure, weiß wie Gremienarbeit funktioniert. Und wir haben uns ein sportliches Zeitfenster gesetzt, da kann man keinen von außerhalb Berlins nehmen.

Haben wir Sie richtig verstanden: Der Beteiligungsbeirat interpretiert das Tempelhof-Gesetz?

Nein. Das Gesetz ist Gesetz, jetzt muss es mit Leben gefüllt werden. Das soll der Beteiligungsbeirat machen, aber nicht allein. Wir werden die Vorschläge der Berliner haben, wir werden im Nutzerbeirat Experten haben, die ein Gefühl dafür entwickeln, was geht und was nicht geht. Und wir werden das immer spiegeln lassen mit juristischer Kompetenz. Vor allen Dingen geht es darum, wie viele Spielräume man für die Schaffung von Angeboten hat und wie man sie nutzt.

Jeder Vorschlag wird juristisch überprüft?

Ja, wir wollen ja nicht über juristische Feinheiten endlos diskutieren, sondern uns inhaltlich verständigen. Es wird darum gehen, drei Sachverhalte genau zu untersuchen. Das eine ist die archäologische Frage. Was geht noch an Grabungen, welche historischen Spuren sind freizulegen? Und wo macht man die Spuren sichtbar? Das andere ist die reine Parkentwicklung: Wie geht man mit den 230 Hektar Freifläche um? Wie muss man die pflegen, was weiterentwickeln oder auch nicht? Und das Dritte sind die konkreten Umsetzungsmöglichkeiten der neuern Vorschläge. Also: Veranstaltungen, Sportmöglichkeiten – wie geht man damit um? Das soll vom Beteiligungsbeirat untersucht werden und in einen Entwicklungs- und Pflegeplan gegossen werden.

Zwischendurch war die Sorge zu hören, dass beliebte Veranstaltungen wie das Drachenfestival künftig nicht mehr erlaubt werden. Ist die Sorge berechtigt?

Wir haben mit unseren Juristen beraten, wie man mit dem Text umgeht. Wir lesen das Gesetz im Moment so, dass einzelne Veranstaltungen weiterhin möglich sind, wenn sie nicht über einen längeren Zeitraum den Charakter der Freifläche verändern, die allen Berlinern kostenlos zur Verfügung stehen soll. Veranstaltungen, die über Wochen Teile des Feldes blockieren, die die Zugänge blockieren, möglicherweise Verkehre auf dem Feld erzeugen, sind nach unserer Interpretation nicht zulässig.

Das beträfe das Deutsch-Amerikanische Volksfest?

Ja. Das Fest dauert mit Auf- und Abbau insgesamt sechs Wochen. Das kostet Eintritt. Außerdem ist ein Lastwagenverkehr nötig. Über Wochen ist der Zugang eingeschränkt und nicht kostenlos. Es sind ein paar Dinge, bei denen das Deutsch-Amerikanische Volksfest dem Gesetz widerspricht. Wir haben dem Schaustellerverband angeboten, auf den zentralen Festplatz zu gehen.

Was sagen Sie mit dem Abstand von zwei Monaten: Warum haben Sie den Volksentscheid verloren?

Ich glaube, es gibt nicht den einen Grund, sondern mehrere Dinge, die zusammengekommen sind. Es gibt sicherlich ein Misstrauen gegenüber großen, neuen Projekten, vielleicht auch eine Sorge, dass dieses Feld Schritt für Schritt angeknabbert wird. Dann gibt es die Ablehnung der Zentral- und Landesbibliothek. Zwei Monate, nachdem die erste Betroffenheit vorüber ist, müssen wir auch politisch akzeptieren, dass es ein besonderer Ort ist und ein besonderes Feld. Ich glaube, es gibt viele, die gegen unsere Bebauungsabsicht gestimmt haben, die im Grundsatz eine Bebauung in der Innenstadt aber unterstützen. Die haben aber aus voller Überzeugung gesagt, dieses Feld ist so etwas Besonderes, lasst es so wie es ist. Vielleicht war es einfach eine sehr emotionale Sache, dieses Feld so zu erhalten.

Zur Mietenpolitik: In Berlin können mit der neuen Wohnungsbauförderung jährlich bis zu 1 000 Sozialwohnungen gebaut werden. Müssten es nicht viel mehr sein?

Erstmal braucht Berlin überhaupt neue Wohnungen. Und da freue ich mich über alle Aktivitäten der Privaten, der städtischen Wohnungsbaugesellschaften und der Genossenschaften. Und 1 000 geförderte Wohnungen zu Preisen von durchschnittlich 6,50 Euro je Quadratmeter sind ein sehr guter Anfang. Natürlich könnten es mehr geförderte Wohnungen sein, das sage ich auch. Wir müssen sehen, was wir in den nächsten Haushaltsberatungen durchsetzen können.

Berlin hat noch rund 137 000 alte Sozialwohnungen, deren Mieten oft über dem ortsüblichen Niveau liegen. Gibt es Bestrebungen, die Mieten günstiger zu machen?

Ja. Das ist ein unerträglicher Zustand, dass wir Sozialwohnungen haben, die teurer sind als andere Wohnungen. Ich sehe es als eine zentrale politische Aufgabe, dafür eine Lösung zu finden. Das ist jedoch kein Prozess, der leicht ist, der schnell geht und der billig wird. Das muss man wissen. Wir sind dabei, Konzepte zu erarbeiten. Weil das Geld kosten wird, werden wir intensiv in Parlament und Senat diskutieren.

Können Sie Einzelheiten nennen?

Nein. Es geht aber um die Frage, wie man die Wohnenden unterstützt oder ob man Wohnungsbestände vielleicht auch übernehmen kann aus privater Hand in den Besitz städtischer Unternehmen.

Die Fragen stellten Frederik Bombosch und Ulrich Paul.