Kiew - So eine Reaktion bekommt Michael Müller auch nicht oft. Gerade hat er von den Schwierigkeiten berichtet, vor denen der Senat steht: Bezahlbare Wohnungen schaffen, die Stadt sanieren, die Verwaltung erneuern. Da lacht seine Gesprächspartnerin kurz auf und ruft: „Ihre Probleme hätten wir gern!“

Es ist der zweite Tag von Müllers Besuch in Kiew, und er beginnt ihn im Parlament, der Rada. Hanna Hopko ist die Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses. Eine Nationalistin und Reformerin – in Deutschland gibt es eine solche Kombination nicht, in der Ukraine ist sie jedenfalls selten. Müller selbst redet nicht lang, er hört zu. „Wir brauchen Deutschland als starken politischen Partner“, sagt sie. Und solche Statements sind in diesen Zeiten von vielen ukrainischen Politikern keine Höflichkeitsfloskeln. Es ist bitterer Ernst.

Etwas mehr als 500 Kilometer von Kiew entfernt, an der Grenze zu Russland, herrscht Krieg mit den Separatisten. Und im Land kämpfen alte Eliten mit den Reformern vom Majdan um Einfluss und Macht. Immer wieder betont Müller bei diesem Besuch sein Anliegen. „Wir wollen die Reformen unterstützen und die Demokratie stützen“, sagt er. „Und wir wissen aus eigener Erfahrung, dass es bei einem solchen Umbruch viele gibt, die daran zweifeln, ob das Land auf dem richtigen Weg ist.“

Das Land braucht Unterstützer

Der Umbruch der Ukraine ist womöglich ein noch diffizilerer Prozess als die deutsche Wiedervereinigung. Denn während in Deutschland das Staatswesen und die Verwaltungsstruktur auf den Osten übertragen wurden, müssen in der Ukraine neue Strukturen erst entstehen. „Der Schlüssel für uns ist es, starke Institutionen aufzubauen“, sagt Hanna Hopko. Eines der erfolgreichen Beispiele sei die Antikorruptionsbehörde NABU, die Ermittlungen vor allem gegen öffentliche Bedienstete führt. Was aber noch fehlt, ist eine gut funktionierende Justiz, die entsprechende Verfahren einleitet.

Zwei Botschaften hat Hopko: Die Ukraine sei weiter gekommen, als es im Westen wahrgenommen wird. Es gibt Wirtschaftswachstum, es gibt konkrete Reformen. Aber das Land brauche Unterstützer. Ein Thema, über das Hopko und Müller länger reden, ist die energetische Sanierung. Die Ukraine sei abhängig von russischem Gas, und gerade in den Privathaushalten steige der Verbrauch noch immer. Müller berichtet von Berliner Erfahrungen, bestimmt lasse sich kooperieren.

Gelegenheit für Gesten

Kurzbesuche wie jener der Berliner Delegation in Kiew sind nicht die Gelegenheit für Versprechen, aber doch für Gesten. Eine solche ist die gemeinsame Erklärung, die Müller und sein Kiewer Amtskollege Vitali Klitschko – genau, der ehemalige Boxweltmeister – bereits am Dienstag unterschrieben. Die Verwaltungen und die Zivilgesellschaft sollen sich stärker austauschen, haben sich beide vorgenommen.

Dass er selbst die Ukraine auch bislang nicht so recht im Blick hatte, räumt Müller ein. „Mir war nicht klar, wie nah Kiew ist“, sagt er. Zwei Stunden mit dem Flugzeug – wenn denn eines fliegt. Die Billigfluggesellschaften haben bislang keine Direktverbindung eingerichtet – Vitali Klitschko spricht diesen Mangel an, der in dieser Woche an Dringlichkeit gewinnt. Denn ab Sonntag brauchen ukrainische Staatsbürger kein Visum mehr für Besuche in der Europäischen Union. Müller nimmt auch diesen Wunsch mit.