Berlin - Am Kottbusser Tor ist man ja gewohnt, auf ungewöhnliche Gestalten zu treffen. Aber Menschen in grünen Kostümen und mit grünen Fahnen, die Abfall aufsammeln? Sie sind immer öfter zu sehen in Kreuzberg, wie sie den Kiez hier aufräumen, der fraglos zu Berlins weniger aufgeräumten gehört. Sie nennen sich selbst Waste Influencer oder Müllhelden, ein Verein samt Freiwilligen, die Abfall vom Boden aufsammeln, Flyer verteilen: Auf ihrer Fahne steht: „Müllhelden statt Müllhalden!“

An einem grauen Tag im März stehen wieder neun Personen, mit dicken Jacken diesmal weniger farbenfroh als gewöhnlich, mit Müllkarren und Musik zwischen Kottbusser Tor und Admiralbrücke, wo sich bei schönem Wetter oft das Partyvolk trifft, fegen mit Besen die Überbleibsel auf und sammeln mit Greifern den Abfall ein: Kronkorken, Zigarettenstummel, Plastikverpackungen. „Wir sind die Müllhelden“, erklärt Ruta Vimba. Die 35-jährige Lettin koordiniert mit ihrem Verein das Projekt im Auftrag des Quartiersmanagements Kreuzberger Zentrum. „Unser Ziel ist nicht nur das Aufräumen, sondern ein Bewusstsein zu schaffen, damit weniger Müll herumliegt.“ Sie sprechen Passanten und Nachbarn an. „Das sind ja letztlich unsere Straßen, wo Leute leben. Doch viele Menschen, die wir ansprechen, sagen: ‚Das war ich nicht.‘ Oder: ‚Ich wohne ja nicht hier.‘“

Es ist ein altes Problem, nicht nur am Kottbusser Tor, sondern an vielen Orten in Berlin: Wer hinterlässt den Müll und wer räumt ihn am Ende auf? „Es geht uns nicht darum zu suchen, wer schuld ist, Bezirksamt, Bewohner oder Besucher“, sagt Vimba, die Müllhelden arbeiten lieber an einer Lösung. „Müll sammeln ist eine Corona-freundliche Aktivität, man bewegt sich draußen an der frischen Luft.“ Es fungiere auch als Vorbild. „Leute, die das sehen, denken zweimal nach, bevor sie etwas auf den Boden schmeißen.“

Foto: Volkmar Otto
Besenrein übernehmen: Aktivistin Ruta Vimba räumt mit ihrem Verein nicht nur am Kottbusser Tor auf.

In vielen Nachbarschaften gibt es mittlerweile solche Projekte. Einige davon koordiniert der Verein wirBerlin, der die Müllhelden auf der anderen Seite der Admiralsbrücke unterstützt. Ruta Vimba und ihr Verein Try & Error e. V. betreuen auch ein zweites Projekt im Schillerkiez in Neukölln. „Die Problematik ist dort ähnlich“, sagt Ruta Vimba. „Viele, die ein Picknick auf dem Tempelhofer Feld machen, lassen nachher ihre Pizzakartons dort liegen.“ Natürlich hänge das auch damit zusammen, dass es manchmal nicht genug Mülleimer gebe oder die nicht oft genug geleert werden könnten. „Aber Kaffeebecher müssen wirklich nicht sein.“ Ein Kollege zeigt einen Plastikbecher voller Zigarettenstummel, die er vom Kopfsteinpflaster rund um das Kottbusser Tor aufgesammelt hat.

An dem Begriff ‚sauber‘ hängen viele Vorurteile 

Rutas Kollege Ricardo Valdivia aus Peru ist mit Baskenmütze, schwarzer Jacke und grüner Hose genauso gut gelaunt bei der Arbeit wie die sieben Freiwilligen, die sich heute für die monatliche Putzaktion angemeldet haben. „Ich freue mich sehr, dass die Leute hier im Kiez involviert sind“, sagt Valdivia. „Am Anfang war es kompliziert, da gab es eine kulturelle und sprachliche Barriere.“ Viele Anwohner seien skeptisch gewesen, solche Versuche habe es doch schon gegeben. Also kam die Idee auf, als grüne Superhelden zu sammeln. „Dann kamen die Kinder auf uns zu und mit ihnen die Eltern: Was macht ihr denn da? Upcycling, aha.“ Die Müllhelden geben auch Workshops, wie man mit Upcycling aus Abfallstoffen neuwertige Produkte herstellt.

Foto: Volkmar Otto
Auf die Fahne geschrieben: Das Projekt Müllhelden schafft auch mit grellen Farben Aufmerksamkeit im Kiez.

Nun ist der Bereich rund um das Kottbusser Tor ja seit Jahren ein heikler. „Da sind Familien mit Kindern, daneben konsumiert jemand Drogen, daneben ist eine Party-Crew“, schildert Vimba. „Man kann sich schwer abgrenzen und sucht manchmal Sündenböcke.“ Doch es gibt auch engagierte Anwohner, die mit der Idee an das Quartiersmanagement herantraten. Noch bis Ende des Jahres werden die Müllhelden als Aufräum-Projekt gefördert. Eine fröhliche Multi-Kulti-Truppe – Ruta Vimba, die seit zwölf Jahren in Berlin lebt, warnt allerdings: „Mit dem Wort ‚sauber‘ muss man auch aufpassen“, manchmal hingen daran Vorurteile zum Kottbusser Tor.  „Es gibt ja auch Gründe, warum Leute lieber hier herumhängen und ihr Zuhause finden statt in anderen Stadtteilen. Der Kotti ist offen und divers.“ Das wollen die Müllhelden auch nicht ändern.

Viele der angesprochenen Passanten finden die Initiative gut, nicken freundlich, nehmen Flyer, aber nur wenige kommen auch zum Aufräumen vorbei. Dabei kann man sich per Facebook, Instagram oder E-Mail jederzeit für die monatlichen Aufräumaktionen anmelden. Leute, die ein ähnliches Projekt in ihrem Kiez suchen oder starten wollen, könnten sich mit Fragen melden, etwa wie und wo man den gesammelten Abfall dann entsorgen kann. „Je mehr Leute mitmachen, desto besser“, sagt Müllheldin Ruta Vimba und sammelt weiter.